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Dichtung und Wahrheit

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So düster wie zunächst angenommen zeigte sich Dmitrij Kapitelman seine Geburtsstadt Kiew dann doch nicht. Hier eine Innenstadt-Impression mit Weihnachtsbaum vor der St. Sofia-Kathedrale vor wenigen Tagen. © dpa

Dmitrij Kapitelman stellte beim LZG seinen neuen Roman vor, berichtete vom Leben in Kiew und vom Shitstorm, den er für einen interessanten Vorschlag erntete.

Gießen . Der Journalist und Schriftsteller Dmitrij Kapitelman sorgt dieser Tage für reichlich Wirbel. Zusammen mit zwei Mitstreiterinnen machte er den Vorschlag, die Stelle eines Parlamentspoeten im Bundestag zu schaffen, worauf er gerade eine Einladung der Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt erhielt. Die Grüne kündigte nach dem Gespräch in ihrem Berliner Büro öffentlich an, diese in Ländern wie Kanada und den USA seit Jahren in unterschiedlichen Formen praktizierte Idee im Bundestagsvorstand vorzustellen.

Was folgte, war eine geballte Mischung aus Kritik und Häme - in den sozialen Medien (»es gab einen Shitstorm«) wie in vielen zumeist konservativen Tageszeitungen von Handelsblatt über Welt bis Bild. Vor allem fühlten sich unzählige Kommentatoren bemüßigt, die Idee des Schriftstellertrios mit vermeintlich originellen Stabreimen lächerlich zu machen - was wohl mehr über sie selbst aussagt als über die Qualität des (diskutablen) Vorschlags.

Was die Originalität von Ton und Sprache angeht, sollten sie sich aber besser nicht mit Kapitelman zu messen versuchen. Seine Sprachkunst stellte er am Donnerstagabend beim Literatischen Zentrum Gießen (LZG) unter Beweis. Im KiZ las der 36-Jährige aus seinem aktuelles Buch: »Eine Formalie in Kiew ». Ein autofiktionaler Roman, der zeigt, wie sich Leichtigkeit, Ironie und Tiefgang kunstvoll miteinander verbinden lassen.

Kapitelman, 1986 in der ukrainischen Hauptstadt geboren und im Alter von acht Jahren als jüdischer »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, thematisiert darin seine doppelte Identität. »Man wird doch immer wieder aufgefordert, sich festzulegen«, erklärte er im Gespräch mit LZG-Moderatorin Tessa Schäfer. So entstehe etwa die Formulierung, man sei »gefangen zwischen den Kulturen«. Er selbst kann damit nichts anfangen. »Unterschiedliche Kulturen bereichern einen doch.«

Deutscher Pass

Im Buch geht es für Erzähler Dima entlang der realen Erfahrungen des Autors darum, nach vielen Jahren im Land »aus Vernunftgründen« endlich einen deutschen Pass zu erhalten. Also muss er an seinem Wohnort Leipzig die hohen Verwaltungs-Hürden überspringen und wird im Amt bei der formvollendet sächselnden Frau Kunze vorstellig. Doch dann fehlt die sogenannte Apostille, eine behördliche Beglaubigung einer Beglaubigung einer Beglaubigung - oder so ähnlich. Dabei zeigt sich der gesamte bürokratische Irrwitz deutscher Behörden. Diese Apostille bekommt er jedenfalls nur in seinem Geburtsland, und so macht sich der Erzähler auf, nach vielen Jahren erstmals wieder Kiewer Boden zu betreten.

Beim LZG erzählt Kapitelman so amüsant wie scharfsinnig davon, mit welchen »Vor-Annahmen« er in die Ukraine gereist ist und wie sich ihm die Realität dort darstellte. Dabei fielen treffliche Sätze wie: »Die Ukrainer glauben nicht an die Ukraine« oder »Wie ist man korrekt korrupt?«, auch wenn sich die Bestechlichkeit der Verwaltung zunächst weniger ausgeprägt zeigte als »vor-angenommen«. So wird dieses Reiseabenteuer im Buch für Dima zu einem Abgleich mit der ukrainischen Realität.

Ukrainische Realität

Doch dann bekommt die Geschichte einen entscheidenden Dreh. Denn der junge Mann trifft in Kiew auf seine ihm in der deutschen Emigration fremd gewordenen Eltern. Zunächst auf seinen Vater, weil der sich dort neue, billigere Zähne machen lassen will und keine deutsche Krankenversicherung besitzt. Und bald darauf auch auf die Mutter, weil der Vater mit einem Schlaganfall in ein Hospital eingeliefert wird, und sich die Kleinfamilie nun an dessen Krankenbett versammelt - was für manche schräg-absurde Situation sorgt.

Die besondere Ironie der Geschichte: Während Dima zunächst versuchte, sich mithilfe des neuen Passes von den Eltern und der Kiewer Vergangenheit zu emanzipieren, bringt ihn der Antrag wieder näher an sie heran. Der Erzähler »entdeckt sich, denkt sich frei«, beschreibt es Kapitelman, der nun selbst seit etwa einem Jahr deutscher Staatsbürger ist und mittlerweile in Berlin lebt. Und der doch gleichzeitig auch sein Geburtsland wieder für sich entdeckt hat. »Ich fühle mich dort fremd und verwurzelt.« Für die Apostille nach Kiew gereist ist er 2019. Und »ohne Corona wäre ich schon längst wieder hingefahren«.

Die Bande zur eigenen Familie - dem Vater geht es mittlerweile besser - sind seitdem wieder enger geworden. Auch wenn sich Kapitelman nach zwei Büchern, in denen er sich vornehmlich mit seinen Eltern auseinandersetzt, nun erst einmal an einem komplett anderen Projekt versuche. Dafür wähle er diesmal den Stil eines »magisch verlogenen Realismus«, scherzte er. Das wäre vielleicht auch genau der richtige Ton für einen Parlamentspoeten.

In der nächsten Lesung des LZG ist am Donnerstag, 3. Februar, (19 Uhr) Klaus Weise zu Gast, der seinen Debütroman »Sommerleithe - Wortbegehung einer Kindheit diesseits und jenseits der Zonengrenze« im KiZ vorstellt.

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Dmitrij Kapitelman zeigte beim LZG, wie hoch die bürokratischen Hürden liegen, wenn man eine Apostille benötigt. © Czernek

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