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Die Angst auf dem Heimweg

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Im Dunkeln kann es einem schon mal mulmig werden. Die Stadt will daher von den Menschen in Gießen wissen, was sie sich für einen sicheren Heimweg wünschen. Symbolfoto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand © Red

Was wünschen sich Gießener für einen sicheren Gang durch die Nacht? Darüber soll eine Onlinebefragung Aufschluss geben.

Gießen . »Schreib mir, wenn du zuhause bist.« Dieser Satz machte vor fast genau einem Jahr im Internet die Runde, nachdem in London eine junge Frau auf dem Nachhauseweg ermordet wurde - ausgerechnet von einem Polizisten. Doch auch ohne derartige Nachrichten kann der Heimweg abends oder nachts Angst machen. Etwa, weil die Straßen schlecht beleuchtet oder Unterführungen nicht gut einsehbar sind. Um herauszufinden, was Gießener benötigen, um sich auch zu später Stunde draußen sicher zu fühlen, läuft derzeit eine Online-Befragung auf giessen-direkt.de. Initiiert hat sie das Büro für Frauen und Gleichberechtigung zusammen mit den Koalitionsfraktionen von Grünen, SPD und Gießener Linke.

25 Beiträge wurden bis zum gestrigen Montag verfasst. Ein großes Thema ist dabei das Licht. Ein Gießener bemängelt beispielsweise die in seinen Augen zu geringe Helligkeit und Streuung der LED-Beleuchtung an den Gehwegen. Am Platz der Deutschen Einheit sei der Abschnitt Senckenbergstraße/Ostanlage im Bereich der Parkanlage ein »dunkles Loch«, kritisiert eine Frau. Weiter werden defekte Straßenlaternen beanstandet und eine Beleuchtung für den Radweg zwischen Waldbrunnenweg und Philosophenstraße angeregt.

Eine Gießenerin schlägt vor, die Arbeitszeiten des Ordnungsamtes auszuweiten, sodass die Mitarbeiter nachts »die Stadt etwas sicherer machen« können. Denn auch wenn man die Zeiten der Busse anpassen würde, müssten Frauen dennoch an der Haltestelle warten und nach dem Aussteigen alleine nach Hause laufen. Weiterhin wird eine engere Bus-Taktung in den Abendstunden genannt sowie ein generelles Angebot in der Nacht. Die Nachtbuslinien »Saturn« und »Venus« sind derzeit wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Zuvor fuhren sie einmal pro Stunde - allerdings nur am Wochenende und vor Feiertagen. Für eine junge Stadt wie Gießen sei das Busangebot zu später Stunde »unzureichend«.

Außerdem wird gefordert, keine Innenstadtparkplätze mehr abzubauen: Ein »kneipennaher« Parkplatz sichere eine »gefahrenarme Teilhabe« von Frauen am Gießener Nachtleben oder an Veranstaltungen. Auch das Fehlen von Anwohnerparkplätzen sei ein Problem.

Eine Frau schreibt, sogar tagsüber besorgt zu sein, wenn ihre 14-jährige Tochter alleine in der Stadt unterwegs ist, »da zu viel passiert«. Eine andere Frau, die nach eigener Aussage in Gießen aufgewachsen ist, merkt an, dass die »Verrohung« zugenommen habe und nennt Belästigung durch Männer als einen wichtigen Aspekt dafür, weshalb Frau sich auf dem Heimweg nicht sicher fühle: »Dumme Sprüche, hinterherrufen, Belästigungen, nachlaufen... das sind alles Dinge, die NICHT okay sind.«

Bahnhof als »No-go-Area«?

Dabei scheint es sich nicht nur um subjektives Empfinden zu handeln. »Wir stellen auch fest, beispielsweise bei Einsätzen von Beamtinnen, dass es mehr Respektlosigkeit gibt«, teilt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, Jörg Reinemer, mit. Zudem würden Angriffe gegen Polizeibeamte »eine deutliche Sprache« sprechen.

Mehrfach wird in den Beiträgen auch von Gegenden gesprochen, die man nachts besser gänzlich meiden solle. Explizit benannt wird dabei der Bahnhof. Dieser sei »abends für Frauen alleine nicht betretbar« und ein »Drogenumschlagplatz sondergleichen«. Ein Mann fordert nächtliche Streifen der Ordnungspolizei im Bereich des »Dönerdreiecks«. Das Gebiet rund um die Kreuzung Asterweg/Walltorstraße sei für Frauen gar eine »No-go-Area« - also ein Bereich, den man besser meiden sollte, um nicht Opfer einer Straftat zu werden.

Sowohl das »Dönerdreieck« als auch der Bahnhof seien »in den letzten Jahren immer wieder durch eine Häufung von Straftaten« aufgefallen, bestätigt Reinemer. Eine Maßnahme, um dagegen vorzugehen, sei das Konzept »Sicheres Gießen«. »Fast täglich führen wir dort oder im unmittelbaren Bereich größere Kontrollen durch. Weiter soll für beide Bereiche demnächst eine Videoüberwachung, die dann zur zuständigen Wache geschaltet ist, eingerichtet werden.« Derzeit befänden sich die Anlagen noch im Probebetrieb. Mit ihnen »sollen Straftaten verhindert und Taten im Nachgang aufgeklärt werden«.

Neben der Verhinderung von Straftaten sei aber auch das Sicherheitsempfinden wichtig, betont Reinemer, und verweist auf »Kompass«, die Sicherheitsinitiative des Landes. Im Rahmen des Programms, an dem Gießen seit 2019 teilnimmt, habe man Maßnahmen angeschoben, »um beispielsweise nach Bürgerbefragungen geeignete Lösungen herbeizuführen und zu finden«. Der Anlass für die aktuelle Befragung auf »Gießen direkt« war jedoch ein Antrag der AfD-Fraktion vom Oktober 2021: Der Magistrat solle ein von der Stadt subventioniertes Nachttaxi-Angebot speziell für Frauen schaffen. Die Fraktion hatte die Forderung damit begründet, dass Frauen in besonderem Maße gefährdet seien, »zur Nachtzeit oder zur dunklen Jahreszeit auch schon in den späten Nachmittagsstunden, Opfer von Gewaltverbrechen oder Sexualdelikten zu werden«. Grüne, SPD und Gießener Linke hatten einen Änderungsantrag vorgelegt, wonach der Magistrat bestehende Konzepte auf ihre Umsetzbarkeit hin prüfen soll. Dem Änderungsantrag wurde mehrheitlich zugestimmt.

»Nachttaxi« könnte reaktiviert werden

Die Idee eines »Frauennachttaxis« ist nicht neu, in Gießen gab es ein solches Angebot bis Ende 2002. »Da es grundsätzlich richtig ist, über strukturelle Maßnahmen zur besseren Sicherheit für Frauen in den Nachtstunden nachzudenken, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, die Betroffenen zu fragen, was sie für ihr Sicherheitsgefühl benötigen«, findet die Frauenbeauftragte der Stadt, Friederike Stibane. Ob ein »Frauennachttaxi« noch zeitgemäß ist oder andere Maßnahmen helfen könnten, das wolle man mit der Befragung herausfinden. Noch bis Ende März können online Vorschläge abgegeben werden.

Wie geht es danach weiter? Anfang April soll es eine interne Fortbildung zu geschlechtergerechter Stadtplanung geben, bei der das Thema »Sicherheit« einen großen Stellenwert haben werde. Im Anschluss ist ein ämterübergreifender Workshop vorgesehen, um Pläne zur Erhöhung der Sicherheit in der Stadt zu erarbeiten. Dabei sollen die in der Umfrage zu »Angstorten« genannten Bereiche berücksichtigt sowie die Vorschläge überprüft und gegebenenfalls in die Planung aufgenommen werden. Wenn einzelne Bereiche als »No-go-Area« bezeichnet werden, seien das »zunächst einmal subjektive Bewertungen einzelner Personen«, sagt Stibane. Dennoch müsse dies ernstgenommen werden.

Statt nur über Beleuchtung oder einen sicheren Nahverkehr zu diskutieren, wünschen sich andere Gießener Ursachenbekämpfung: Vielen Männern sei nicht bewusst, »mit welchen Ängsten und Sorgen weiblich oder nonbinär gelesene Personen tagtäglich durchs Leben gehen«, heißt es da. Männer müssten dafür sensibilisiert werden, was Frauen tagtäglich passiert, schreibt eine Frau und fordert: »Macht die Augen auf und bietet Hilfe an.«

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