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Die Angst vor der Nachzahlung

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Immer weniger Essen für immer mehr Geld: Die steigenden Preise bekommen vor allem Menschen mit kleinem Geldbeutel zu spüren. Symbolfoto: dpa/Hendrik Schmidt © Red

Wie lebt es sich mit Hartz IV und Mini-Rente in der Inflation? Gießenerinnen und Gießener, die in Kontakt mit der Arbeitsloseninitiative stehen, schildern, wie sich steigende Preise auswirken.

Gießen . Nudeln für 89 statt 49 Cent, Buttermilch für 65 statt 39 Cent. Wenn Udo Lanio einkaufen geht, achtet er genau auf die Preisschilder, denn der 55-Jährige lebt von Hartz IV. Als Einzelperson bekommt er monatlich 449 Euro, von denen - zumindest in der Theorie - 155,82 Euro für Lebensmittel reichen sollen. Konkret heißt das: Essen und Trinken darf ihn im August pro Tag nicht mehr als 5,02 Euro kosten, sonst fehlt das Geld an anderer Stelle. Der Hartz-IV-Satz habe »mit dem realen Leben nichts zu tun«, kritisiert der Gießener. Durch die gestiegenen Preise müsse er derzeit monatlich bis zu 40 Euro mehr für Lebensmittel ausgeben als früher.

Die Inflation in Deutschland befindet sich auf Rekordniveau, im Juli stiegen die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,5 Prozent. Die Teuerung bekommen vor allem diejenigen zu spüren, deren Geldbörsen ohnehin nicht prall gefüllt sind. So wie Claudia Adam*. Die 57-jährige Frührentnerin hat monatlich 850 Euro zur Verfügung. Das reiche gerade einmal für Warmmiete und Strom.

Rente reicht nur für Miete und Strom

Adam wohnt gemeinsam mit ihrem Sohn, der im nächsten Jahr seinen Schulabschluss macht, und ihrem Partner in einer Wohnung in Gießen. »Bislang haben wir immer freiwillig 150 Euro pro Monat für Strom bezahlt, obwohl der Abschlag bei 130 Euro lag«, erzählt sie im Gespräch mit dem Anzeiger. So wollte sich das Paar vor hohen Nachzahlungen schützen. Mittlerweile habe aber ihr Versorger den monatlichen Betrag deutlich höher gesetzt: 170 Euro werden nun fällig, und das ganz ohne freiwilliges Polster.

Ohne das Gehalt ihres Partners käme die Gießenerin nicht über die Runden. Und auch so müssen beide genau darauf achten, wofür sie ihr Geld ausgeben. »Ich bin gerne auf dem Wochenmarkt, ich mag die Atmosphäre. Aber ich kann es mir nicht leisten, dort etwas zu kaufen.«

Ähnlich geht es auch Svenja Naujoks. Die 33-Jährige absolviert gerade eine sechsmonatige Arbeitsgelegenheit bei der Arbeitsloseninitiative Gießen, träumt aber eigentlich von einem Ausbildungsplatz als medizinische Fachangestellte. Als Hartz-IV-Empfängerin erhält sie ebenso wie Udo Lanio 449 Euro im Monat. Der Einkauf im Supermarkt wird damit zur Herausforderung: »Ich würde gerne mal Salat oder Tomaten kaufen, ohne gleich Herzkasper zu kriegen.« Naujoks schaut daher nach Alternativen: Obst und Gemüse etwa bauen ihre Eltern im Garten an, über eine Freundin bekommt sie günstig Eier »von glücklichen Hühnern«.

Um Geld zu sparen, greift Udo Lanio zu reduzierten Produkten mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum. Doch auch hier seien die Preise gestiegen. Hinzu komme, dass viele Kunden nach der günstigeren Ware schauen: »Man muss früh da sein, sonst ist bereits alles weg.« Und auch die bislang vergleichsweise preiswerten Eigenmarken in Supermärkten oder Discountern hätten sich teils im Preis verdoppelt.

Doch während die Preise deutlich angezogen haben, stieg der Hartz-IV-Regelsatz zum Jahresbeginn lediglich um drei Euro. Im Juli gab es im Rahmen des Entlastungspakets der Bundesregierung eine Einmalzahlung von 200 Euro. Aus Gesprächen mit anderen Hartz-IV-Empfängern wisse er, dass der eine oder andere das Geld nutzen wolle, »um sich mal etwas zu gönnen«.

Udo Lanio hat einen Schwerbehindertenausweis, in seinem erlernten Beruf könne er durch seine körperlichen Einschränkungen nicht mehr arbeiten. Als Hartz-IV-Empfänger, sagt er, »ist man durch. Viele Leute meinen, das seien alles Drückeberger«.

Der 55-Jährige engagiert sich ehrenamtlich bei der Wohnungslosenhilfe »Die Brücke«, backt bei der Arbeitsloseninitiative Brot für den wöchentlichen Brunch und ist bei den Linken aktiv. Ohne diese Beschäftigungen »hätte ich fast keine soziale Teilhabe«. Kino, Theater, ein Treffen im Café - all das kostet. Der Regelsatz sieht für »Freizeit, Unterhaltung, Kultur« monatlich 43,82 Euro vor. »Ich bin seit acht Jahren nicht mehr in der Kneipe gewesen. Es ist einfach zu teuer.« Auch Frührentnerin Claudia Adam spart am Freizeitvergnügen. »Ich mache gerne Yoga, aber einen Kurs kann ich mir nicht leisten.« Dass sie in Gießen kein Auto brauche und mit dem Fahrrad unterwegs sei, »ist ein Riesenplus«. Den Besuch im Biergarten ersetze sie nun lieber durch ein Picknick im Park. »Wir machen aus der Situation das Beste und treffen uns zum Beispiel draußen mit Freunden und sind viel in der Natur unterwegs. Ich bin ein positiv denkender Mensch.« Urlaub hätten sie und ihr Partner gerne an der Ostsee gemacht - zelten. »Aber das ist wegen der hohen Benzinpreise nun auch schwieriger.«

Svenja Naujoks wohnt in Hungen. Während der sechsmonatigen Arbeitsgelegenheit bei der Arbeitsloseninitiative Gießen übernimmt das Jobcenter die Kosten für das ÖPNV-Ticket. Eine Einzelfahrt würde, wenn es nicht gerade das Neun-Euro-Ticket gibt, bereits mit 5,60 Euro zu Buche schlagen. »Wäre ich nicht hier, hätte ich sonst kaum Kontakte. Ich freue mich, hier herzukommen«, sagt die 33-Jährige über ihren Job bei der Arbeitsloseninitiative. Den Besuch im Laubacher Schwimmbad habe sie sich zuletzt 2018 leisten können, der letzte Urlaub sei sieben Jahre her. Eine Mitgliedschaft im Sportverein? Nicht zu finanzieren. Für ihre Leidenschaft, das Lesen, stöbere sie in Bücherschränken.

»Unfaire« Energiepauschale

»Mit wenig Geld auszukommen, das lernt man«, erzählt Claudia Adam. Ihre Rente würde sie gerne mit einem Minijob aufbessern. Jedoch versorge sie ihre pflegebedürftige Mutter, die Arbeitszeiten müssten sich damit vereinbaren lassen. Für die Abschlussfahrt ihres Sohnes, die im nächsten Jahr ansteht, versucht sie bereits Geld zurückzulegen - »von dem bisschen, das wir haben«. Dass Rentner bei der geplanten 300-Euro-Energiepauschale leer ausgehen, kann die 57-Jährige nicht nachvollziehen: »Wir haben doch genauso hohe Energiekosten. Es ist unfair.«

Vor den nächsten Abrechnungen graut es Udo Lanio. Die Nebenkosten werden für Hartz-IV-Empfänger zwar voll übernommen, sofern diese »angemessen« sind. Strom jedoch muss vom Regelsatz bezahlt werden. Was, wenn hier eine Nachzahlung fällig wird oder die Abschläge weiter steigen? »Dann muss ich noch weiter am Essen sparen und komme gar nicht mehr raus.«

* Name von der Redaktion geändert

Vor allem die gestiegenen Preise für Lebensmittel bereiten den Menschen Sorgen, sagt Mitarbeiterin Monika Adrian. »Sich noch irgendetwas extra zu leisten, ist da kaum möglich. Und vor den Energiekosten zittern viele.« Kollege Amir Motearefi sorgt sich vor allem um diejenigen, die knapp keinen Anspruch auf staatliche Leistungen haben und die Nebenkosten aus eigener Tasche bezahlen müssen. »Wir versuchen, zu unterstützen, wo wir können.« So findet etwa jeden Freitag in den Räumen der Arbeitsloseninitiative (ALI) in der Walltorstraße ein »Brunch für wenig Geld« statt. Motearefi versucht dabei auch, die Teilnehmer dafür zu sensibilisieren, ihr Einkaufverhalten zu hinterfragen. Das teurere Vollkornbrot etwa könne langfristig günstiger sein, da es länger satt mache. Helfen könne das jedoch auch nur bedingt, wenn das Geld an allen Enden fehlt: »Wir sehen die Not und den Bedarf bei den Menschen.« Hinzu kommt, dass sich manche, die die Angebote der Initiative nutzen, während der Pandemie zurückgezogen hätten, erzählt Adrian. Das ALI-Café, ein beliebter Treffpunkt, musste zeitweise geschlossen bleiben. »Sie haben noch mehr Kontakte verloren und noch mehr Ängste. Es ist schwierig.« (ebp)

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