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»Die BRD wurde nicht unterwandert«

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Live-Podcast auf der Uni-Bühne (von links): Historiker Matthias von Hellfeld, Verfassungsschutz-Experte Helmut Müller-Enbergs, Stasi-Experte Jens Gieseke sowie die Moderatoren Markus Dichmann und Grit Eggerichs. Foto: Schultz © Schultz

Ein Live-Podcast aus der vollbesetzten Uni-Aula: Der Deutschlandfunk widmete sich Erich Mielke und der Stasi. Das Gespräch geht am 28. Oktober online.

Gießen. Deutschlandradio Nova war zu Gast in der Aula der Justus-Liebig-Universität. Vor voll besetzen Haus entstand eine neue Folge des Geschichts-podcasts »Eine Stunde History live«. Drei Moderatoren und zwei Experten trugen Informationen zum Thema »Erich Mielke und die Stasi« zusammen. Die lebhafte Veranstaltung kam beim überwiegend jungen Publikum bestens an.

Der Besucherandrang war erheblich. Es gab offensichtlich ein großes Interesse an Ereignissen, mit denen die meisten Besucher nicht aus eigener Anschauung konfrontiert waren. Ausgehend von der Entwicklung der DDR und der Stasi berichtete Nova-Redakteur und Historiker Dr. Matthias von Hellfeld, was damals passiert ist. Er ging zusammen mit Moderator Markus Dichmann und dem Stasi-Experten Dr. Jens Gieseke vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam sowie Dr. Helmut Müller-Enbergs, 2015 bis 2021 Leiter der Spionageabwehr des Berliner Verfassungsschutzes, Fragen nach, die für die Gegenwart relevant sind.

Gemeinsam mit den Experten ergaben sich wissenswerte Aspekte zu den inneren und äußeren Verhältnissen der DDR. Stasi-Chef Erich Mielke wurde dabei in den Fokus gerückt: ein Kommunist, dessen Werdegang einigen Nazikarrieren in den 1930ern ähnelte. Auf dem 1907 in Berlin geborene Arbeitersohn, der früh mit Gewalt in Kontakt kam, lastete zeitlebens der zusammen mit einem Mittäter verübte Mord an zwei Polizisten im Jahr 1931. Dafür verurteilt wurde er jedoch erst 1993 - vier Jahre nach dem Fall der Mauer.

Nach der Tat flüchtete Mielke nach Moskau und erhielt dort eine politische und militärische Ausbildung. Er kämpfte im spanischen Bürgerkrieg und tauchte danach in Frankreich und Belgien unter. 1945 ging er nach Ostberlin und begann eine Karriere bei der Polizei. Er wurde schließlich Chef des Ministeriums für Inneres; die Stasi wurde 1950 gegründet. Zur Spionageabwehr gegründet, widmete sie sich mehr und mehr der Bespitzelung der eigenen Bevölkerung. 90000 feste Mitarbeiter und 15000 sogenannte IM (Informelle Mitarbeiter) zählten zum Apparat, 10000 Mitglieder des »Wachregiments« standen ebenso zur Verfügung.

Radio-Redakteurin Grit Eggerichs moderierte einen Teil des Abends, der aus Zusammenschnitten von O-Tönen und Hintergründen eine lebendige, informative Mischung lieferte, in der man dem ehemaligen Stasi-Chef etwas persönlicher kennenlernen konnte.

Vermeintlich harmlos und ein wenig hilflos wirkte Mielke auf den ersten Blick. Doch der täuscht. Für den Ausbau seines Jagdguts zweigte er 20 Millionen Mark ab. Besonders prägnant waren die Worte einer DDR-Zeitzeugin zur inneren Lage. Sie berichtete, wie die Zwangsmaßnahmen und Schikanen der Stasi aussahen. »So vieles konnte gegen einen verwendet werden, es führte schließlich zum Rückzug aus dem öffentlichen Leben.« Schließlich verletzte die Stasi tatsächlich die Verfassung der DDR: Telefonüberwachung und Briefkontrolle waren zwar verboten - doch es gab keine Richter.

Helmut Müller-Enbergs, Ex-Chef des Berliner Verfassungsschutzes, gab Einblicke in die Aktivitäten der Stasi im Westen. Man platzierte Spione in hohe Ämter oder rekrutierte Sekretärinnen (»Die wissen alles«) und forschte Betriebe aus, um technisches Wissen zu erlangen. »War die Stasi effizient?«, fragte Moderator Dichmann. »Sie lag fast immer vorne«, sagte Müller-Enbergs, »das hat viele Menschenleben gekostet.« Mielke sei aber den Anforderungen der Geheimdienstarbeit intellektuell im Grunde nicht gewachsen gewesen. Zugleich trug er Verantwortung für den Schießbefehl an der Mauer.

Und was wurde nach dem Ende der DDR aus dem Personal der Stasi? »Die kamen alle ganz gut raus«, sagte Müller-Enbergs. In Deutschland seien die Geheimdienste im Gegensatz zur EU parlamentarisch sehr gut kontrolliert, es gebe da »keine flüchtigen Entscheidungen«, alles werde sorgfältig geprüft. In der abschließenden Fragerunde wurde betont, dass die Stasi damals die BRD nicht unterwandert habe. Gieseke: »Die Forschungsergebnisse widerlegen das«.

Die aufgezeichnete Gesprächssendung wird gekürzt gesendet. Der Podcast geht am 28. Oktober online, im Digitalradio läuft die Folge am 31. Oktober um 22 Uhr. Internet: www.deutschlandfunk nova.de.

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