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Die desillusionierte Gegenwart

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André Witte-Karp © Felix Leyendecker

Hoffnung und Illusion.: Dekan André Witte-Karp spricht zum Auftakt der Veranstaltungsreihe »Forum Pankratius« in Gießen über den Veränderunsprozess in der Kirche.

Gießen. Die Kirche ist immer stärker im Wandel. Das gilt sowohl für die evangelische wie auch für die katholische. Reformprozesse anzustoßen, das scheint immer notwendiger zu werden. Dekan André Witte-Karp weiß aus eigener Erfahrung, dass ein solcher Prozess nötig ist. »Der Fortschrittsoptimismus mit den hoffnungsvollen Erwartungen nach 1989 erweist sich als Illusion. Die Krisen überlagern sich, erst Corona jetzt der Ukrainekrieg. Ich nenne das die desillusionierte Gegenwart«, leitete der Dekan seinen Vortrag im Rahmen der ersten Veranstaltung des Forum Pankratius 2022 ein.

Das Thema »Kirche im Veränderungsprozess« begleite ihn und die evangelische Kirche in Hessen-Nassau schon länger. Derzeit würde die Desillusionierung gepaart mit Nostalgie überwiegen, auf mehreren Ebenen, wie er betonte. »Wir haben zum einen traditionelle Bilder von Geschlechterrollen, eine kulturelle Eindeutigkeit und natürliche Ordnungen. Auf der anderen Seite stehen soziale Bewegungen, Verbände, Vereine und Volksparteien und mittendrin auch die Volkskirche«. Wichtig sei es, Mehrdeutigkeiten sichtbar zu machen, Widersprüchlichkeiten auszuhalten und Ratlosigkeit als solche zu benennen.

»Wer Ambivalenzen aushalten und produktiv mit ihnen umgehen kann, ist in der Spätmoderne klar im Vorteil«, betonte Witte-Karp. Die Kirche müsse sich aktiv die Frage stellen, wie tiefgreifend der Wandel sei, der vor ihr stehe. »Der Krieg in der Ukraine lässt uns den Wandel und den Umbruch stärker wahrnehmen. Das Sicherheitskonstrukt Europa ist im Wandel und im Umbruch«, unterstrich der Theologe. Die fundamentale Veränderung sei auch in der Kirche zu spüren. Witte-Karp sprach von der »Gesellschaft der Singularitäten«, in welcher immer deutlicher werde, dass die Allgemeinheit durch das Individuum abgelöst werde. »Wir nehmen wahr, wie verletzlich und verletzt diese Gesellschaft ist.

Das Konzept der Spätmoderne ab den 1970er-Jahren, nämlich als Kirche in jedes einzelne Quartier der Stadt zu gehen, rächt sich nun«. Inzwischen sei die evangelische Kirche in Deutschland unter die Marke von 20 Millionen Mitgliedern gerutscht, allein im vergangenen Jahr sei der Mitgliederverlust mit 2,5 Prozent zu beziffern gewesen. »Die neue harte Klassengesellschaft lässt sich mit einem Paternoster vergleichen. Die einen fahren nach oben, die anderen nach unten. Die, die nach oben fahren, das ist die sogenannte neue akademische Mittelklasse«, führte der Theologe aus. Das einzigartige und authentische Leben, das dargestellt werden will, stünde hierbei im Fokus, so Witte-Karp. »Es muss alles ein großes Event sein, bloß nicht gewöhnlich und bloß nicht unspektakulär«. Die Sicherung des eigenen Wertes und die Entwertung anderer Lebenspraktiken stünde bei dieser Schicht im Vordergrund.

Wie aber passt das in die moderne Situation der Kirche? Der klassische Gottesdienst sonntags um 10 Uhr erfahre weniger Aufmerksamkeit als Termine am Abend, die arbeitnehmerfreundlicher seien. »Wir als EKHN nehmen den Veränderungsdruck deutlich wahr. Wir setzen auf Regionalisierung, wir setzen auf eine Konzentration des Gebäudebestands, kurzum: Wir schrumpfen uns wieder gesund«, so Witte-Karp.

Die evangelische Kirche möchte künftig noch stärker mitgliederorientiert und gemeindewohlorientiert tätig werden. »Wir werden Dinge lassen müssen, die die ganze Zeit über unabdingbar waren. Die Kirche erfährt immer weniger Geltungsreichweite und das tut uns richtig weh«, unterstrich der Dekan. So zum Beispiel bei der Frage, ob Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren, eine kirchliche Bestattung erhalten dürfen. »Wer sind wir, zu sagen, dass wir das verwehren?«, fragte Witte-Karp in den Raum.

Gerade angesichts des Ukrainekriegs unterstrich er nochmals, dass das Dekanat in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung Geflüchtete seit jeher über ihre Rechte aufkläre und dass auf Teamarbeit gesetzt werde. »Die Aufgabe für die Kirche wird es sein, Ratlosigkeit auszuhalten und nicht zu schnell in die alten Antwortmuster zu gehen. Wir müssen den Raum offenhalten - auch für Gott«. Trotz der immer weiter zerfallenden Ordnung wird sich aus den Bruchstücken etwas Neues bilden, ist sich Witte-Karp sicher. »Uns stellen uns in dem Prozess bis 2030 mehrere drängende Fragen. Wie unterstützen wir in der Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen? Wie werden Kirchen wahrgenommen als Akteurinnen im umkämpften gesellschaftlichen Feld, etwa bei der Frage nach der Impfpflicht? Wie lange ist die Kirchensteuer noch tragfähig und wie ließe sich die Finanzierung anders gestalten? Und eine weitere zentrale Frage: Was bedeutet künftig »Mitgliedschaft« in der Kirche?«.

Die Gesellschaft der Singularitäten und das umkämpfte gesellschaftliche Feld stellen die evangelische Kirche vor große Herausforderung. Witte-Karp betonte, dass die Kirche diese Anforderungen wahrgenommen habe und daran arbeiten würde. »Wir müssen nicht die Welt retten, aber wir haben eine Aufgabe vor Ort und die müssen wir ergreifen«.

Foto: Leyendecker

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Bei den sonntäglichen Gottesdiensten am Morgen bleiben die Kirchenbänke oft leer. Auch hier fordert Dekan Witte-Karp ein Umdenken und Flexibilität. © picture alliance / dpa

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