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Die digitale Wiederkehr des Dorfauges

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Unser absurder Alltag: Götz Eisenberg widmet sich diesmal der Einhaltung der Regeln auf dem Land und in der Stadt.

Neulich sah ich auf Arte eine Reportage über die Straße der Achttausender, die durch die atemberaubende Hochgebirgslandschaften von Pakistan, Tibet, Nepal und Indien führt. Das Filmteam begleitet zu Beginn einen Mann aus Baltistan, dem sogenannten Kleintibet, zu einem Hochplateau, von dem aus man vier dieser Achttausender sehen kann. Unterwegs wird über dies und das geredet. So kommt die Sprache auch auf das Thema Kriminalität. Er sagt sinngemäß: »Hier tut niemand etwas Böses, denn hier kennt jeder jeden. Wer etwas Böses tun würde, würde sofort auffliegen. Also tut niemand etwas Böses.«

Die Gesellschaft, wenn man im soziologischen Sinne überhaupt von »Gesellschaft« sprechen kann, ist eine enge und überschaubare »Gemeinschaft«, in der die Spielräume für »abweichendes Verhalten« denkbar eng oder gar nicht vorhanden sind. Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft, also das sogenannte »Dorfauge« überwachen und kontrollieren das Verhalten jedes Einzelnen und setzen seinen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten enge Grenzen. Abweichungsmöglichkeiten entwickeln sich erst in den Städten mit ihrer Anonymität und dem hohen Prozentsatz von Fremden, die kaum einer sozialen Kontrolle unterworfen sind. »Die Stadt drängt zum Verbrechen«, hieß es zur Zeit der Verstädterung in konservativen Kreisen.

Die Stadt galt als Ort der Gesetzesübertretung, der Ausschweifung und Verführung. Wer vom Land zuwanderte, konnte dort leicht auf Abwege geraten und unter die Räder kommen. Zeitgenössische Psychiater wie Emil Kraepelin verwiesen auf den hohen Anteil von ländlichen Zuwanderern unter den Irrenhaus-Insassen. Eine Lehre, die daraus gezogen werden konnte und die angesichts der Massenmigration auch heute noch Aktualität besitzt, lautet: Die traditionellen, überschaubaren Gemeinschaften konnten durch ihre beinahe lückenlose Überwachung des Einzelnen in einer Weise konformes Verhalten erzwingen, zu der eine moderne, anonyme Gesellschaft nicht in der Lage ist.

Aus freien Stücken

Es folgte sozialpsychologisch eine Epoche, in der man den Versuch unternahm, die schwächer werdenden äußeren Kontrollen ins Innere der Menschen zu verpflanzen. Das Über-Ich sollte sich als innere Selbstzwang-Apparatur etablieren und die Menschen dazu veranlassen, aus freien Stücken das »Richtige und Gute« zu tun und das »Falsche und Böse« zu unterlassen. Dieses Modell der Innensteuerung des Verhaltens gerät seit einiger Zeit in die Krise und funktioniert immer weniger, weil die Bedingungen seiner Entstehung nicht mehr vorliegen oder schwächer werden. Also wird und muss erneut Außensteuerung auf den Plan treten.

Am Horizont auch der sogenannten liberalen Demokratien zieht das Gespenst der digitalen Kontrollgesellschaft herauf, die sich in China bereits zur vollen Blüte entwickelt hat. Ihr weltweiter Siegeszug scheint unabwendbar. Die Überwachungskamera mit Gesichtserkennung tritt an die Stelle des Dorfauges. Anders wird man das Verhalten einer zunehmend bindungslosen und diversen Massenbevölkerung nicht steuern und kontrollieren können. Ich möchte in einer solchen Gesellschaft nicht leben, aber die Entwicklung richtet sich nicht nach meinen Wünschen.

In der Nacht des sogenannten Vatertags haben Vandalen ein Schild mit dem Fahrradstraßensymbol aus der Verankerung gerissen und auf den Gehsteig geworfen. Nach dem Motto: »Freie Fahrt für freie Männer!« Das scheint neuerdings das Klientel der FDP zu sein: junge Männer mit hohem Einkommen und PS-starken Automobilen. Wäre die Straße mit Überwachungskameras ausgestattet, stünde das Schild noch oder man könnte mindestens die Täter dingfest machen. Um es nochmal deutlich zu sagen: Ich wünsche mir so etwas nicht, aber anders scheint der Zerfall der Gesellschaft nicht aufzuhalten sein. Ob er es mit digitaler Überwachung sein wird, ist allerdings ebenfalls fraglich.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Freund im dörflichen Umland besucht. Er hilft mir bei der Steuererklärung, an der ich, auf mich gestellt, scheitern würde. Er zeigte mir die Vorkehrungen, die er für den Kriegs- und Krisenfall getroffen hat. Er hat sich einen Brunnen bohren und einen Ofen bauen lassen, den man mit Holz heizen und auf dem man auch kochen kann. Im Keller öffnete er einen Schrank, in dem Vorräte gelagert werden: Konserven, H-Milch, Kaffee, Tee, Reis und Nudeln, Tomatenmark, Gaskartuschen, Streichhölzer und Feuerzeuge und eine Taschenlampe samt Ersatzbatterien. Das müsste für ihn und seinen Sohn mindestens für zwei Monate reichen, sagte er.

»Ich habe zwei Päckchen Spaghetti und ein Kilo Reis in meiner Speisekammer«, musste ich bekennen. »Wenn’s hart auf hart kommt, laden wir dich mal zum Essen ein«, erwiderte er. Seine Eltern, die beide um die 90 Jahre alt sind und ein paar Häuser weiter wohnen, hätten den Kindern von ihren Kriegserfahrungen berichtet und ihnen zu diesen Vorkehrungen geraten. Dass dieses Wissen über den Umgang mit Krieg, Mangel und Knappheit noch einmal gebraucht würde, hätten sie sich bis vor drei Monaten auch noch nicht vorstellen können.

Brennende Ohrfeige

Mein Freund zeigte mir ein Buch, das er mit zwei Bekannten über ihr Dorf gemacht hat. Es enthält Kurzbiographien, Geschichten aus dem Dorf und vor allem viele Fotografien. Ich staune immer wieder, was die Menschen früher für ausdrucksstarke Gesichter und leuchtende Augen hatten, die von einem Charakter zeugen. Dagegen sind die Gesichter vieler heutiger Menschen teigig und ausdruckslos. Mein Freund hat seine Mutter interviewt und sich erzählen lassen, wie das Alltagsleben der vergangenen Generationen aussah, wie man Wäsche wusch, schlachtete, Lebensmittel konservierte und im Backhaus Brot buk. Das wurde sorgfältig aufbewahrt und reichte für drei Wochen.

Gefragt nach ihren Erfahrungen in der dörflichen Volksschule, berichtet die Mutter, Jahrgang 1932: »In den oberen Klassen hatten wir einen sehr strengen Lehrer. Das war eine Respektsperson im ganzen Dorf. Die Buben bekamen Schläge mit Stöcken, die Mädchen auf die Fingerspitzen. Oft flog auch mal ein nasser Schwamm durch die Klasse, oder du bekamst mal eine Ohrfeige. Das ist auch mir einmal passiert. Wir waren am Vorlesen. In meinem Text kam das Wort ›Orangen‹ vor. Ich las drei Mal ›Orangen‹, wie geschrieben. Nach der vierten Wiederholung bekam ich eine Ohrfeige, die man zu Hause noch sah. Ich kannte weder Apfelsinen, noch wusste ich, wie man das Wort ›Orangen‹ aussprach. Das habe ich nie vergessen.«

Die Ohrfeige und die damit verbundene Beschämung brennen noch heute. Das Buch, dessen Anliegen darin besteht, Erfahrungen und Erinnerungen dem drohenden Vergessen zu entreißen, heißt übrigens »Hochelheim - domools«, also »Hochelheim damals«, und kann ab sofort im Buchhandel bestellt werden.

Der Gießener Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« im Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist. Foto: Polkowski

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Die Überwachungskamera mit Gesichtserkennung tritt an die Stelle des Dorfauges. Foto: dpa © dpa

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