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Die dreckigste Stadt Deutschlands?

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Vor allem in den Wintermonaten, wenn die Heizungen angeworfen werden, steigt auch die Feinstaubbelastung. 2019 soll Gießen aber auch im Jahresdurchschnitt die höchste Feinstaubbelastung aller deutschen Städte gehabt haben. Das hat zumindest eine Uno-Webseite ermittelt, die in Echtzeit die Werte von Messstationen auswertet. Symbolfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Im Jahr 2019 hat Gießen einen unrühmlichen Titel errungen, doch der ist mit Vorsicht zu genießen. Was sind mögliche Erklärungen für die Zahlen.

Gießen. Gießen hat sich bekanntlich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu werden. Wie weit der Weg dahin noch ist, zeigt ein eher unrühmlicher Rekord, den die Stadt vor zwei Jahren eingefahren hat. 2019 - dem letzten Jahr, bevor das Pandemie-bedingte Herunterfahren der Wirtschaft Vergleiche schwierig macht - war Gießen im Ranking der Informationsplattform »AirVisual« die im Jahresdurchschnitt dreckigste Stadt Deutschlands, zumindest was die Luftverschmutzung angeht. Gießen ließ damit in der »Top Ten« Kommunen wie Leverkusen (Platz 9), Gelsenkirchen (5) oder Unna (4) hinter sich.

Zu viel Feinstaub

Im Jahr 2019 habe man in Gießen die höchste durchschnittliche Feinstaubbelastung in Deutschland mit einem Wert von 14,9 Mikrogramm je Kubikmeter Luft gemessen, heißt es in einem Bericht auf der Webseite ingenieur.de. Und in der Tat: Auf der Homepage Iqair.com war Gießen mit einem AQI-Indexwert von 57 die am schlechtesten bewertete Stadt im Land.

Nun muss man aber deswegen nicht gleich die FFP2-Maske enger schnallen (jedenfalls nicht aus diesem Grund). AQI ist ein Index, mit dem die US-Umweltbehörde (EPA) Luftqualität misst. Er reicht von 0 bis 500 und darüber hinaus. Je größer der AQI-Wert, desto höher die Luftverschmutzung und desto größer die Gesundheitsbedenken.

Indexwerte von 0 bis 50 gelten als »gut«, denn »die Luftqualität ist zufriedenstellend, und die Luftverschmutzung stellt ein geringes oder kein Risiko dar.« Am anderen Ende der Skala steht die Einstufung »Gefährlich« mit einem Index von 301 und größer.

Weltweiter Spitzenreiter mit einem Wert von 415 war beispielsweise vor Kurzem die indische Metropole Neu-Delhi; 13 der 15 im Jahresdurchschnitt dreckigsten Städte lagen 2020 übrigens auf dem indischen Subkontinent, die anderen beiden in der Volksrepublik China.

Gießen rutscht da im Vergleich mit einem Indexwert von 57 knapp in die zweite Kategorie »moderat«, die wie folgt beschrieben wird. »Die Luftqualität ist akzeptabel. Für einige Personen kann jedoch ein Risiko bestehen, insbesondere für Personen, die ungewöhnlich empfindlich auf Luftverschmutzung reagieren«.

In Schulnoten umgerechnet, wäre Gießen mit einer »Zwei plus« also knapp an der Eins vorbeigeschrammt. Generell landen in deutschen Bronchien im weltweiten Vergleich sehr wenig Schadstoffe. Bei uns ist die Luft demnach rein.

Wie kommt aber nun der AQI-Indexwert zustande? Die EPA erstellt den AQI seit 1976 aus Messwerten für die fünf wichtigsten Luftschadstoffe, nämlich:

Ozon in Bodennähe

Feinstaub

Kohlenmonoxid

Schwefeldioxid

Stickstoffdioxid

Der AQI-Index ist auch die Basis des Echtzeit-Rechners, den das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Unternehmen «IQAir« entwickelt hat. Auf der Homepage www.iqair.com/de/air-quality-map laufen in Echtzeit die Werte von tausenden Messstationen weltweit ein - auch die von sieben Stationen in Gießen, etwa in der Westanlage oder der Bibliothek der THM.

Wie gewichten?

Der Echtzeit-Rechner kombiniere dabei globale staatliche Crowdsourcing- und satellitengestützte Luftqualitätsdaten mit Bevölkerungsdaten und wende Künstliche Intelligenz zur stündlichen Berechnung der Belastung der Bevölkerung durch Luftverschmutzung an, vor allem durch Feinstaubpartikel der Größe PM 2,5. Diese seien in hohem Maße für Todesfälle und Krankheiten im Zusammenhang mit Luftverschmutzung verantwortlich, ist auf der Homepage zu lesen. Die einzelnen Messwerte werden für diesen Index also gewichtet. So verwundert es auch nicht, dass das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie in Wiesbaden für den gleichen Zeitraum zu einer anderen Auswertung derselben Daten kommt. In dessen lufthygienischem Jahresbericht für das Jahr 2019 taucht Gießen bei der Stickstoffdioxidbelastung erst auf Platz 17 in Hessen auf und damit als erste Messstelle in der Tabelle, die den Grenzwert für dieses Gas nicht überschreitet. Das hatte die Stadt in den Vorjahren ja bekanntlich nicht geschafft.

In Sachen Feinstaubbelastung findet sich im offiziellen Bericht der Landesregierung nur eine Messstelle, jene in der Gießener Westanlage. Für die ist dort ein Jahresmittel von 10,9 Mikrogramm je Kubikmeter (µg/m³) Luft angegeben. Den »Hessen-Rekord« hält eine Messstelle in Fulda mit 11,9 µg/m³.

Man sieht: All diese Zahlen sind also nur bedingt vergleichbar. Gleichwohl war im letzten Vor-Corona-Jahr die Feinstaubbelastung in Gießen höher als in vielen anderen hessischen Kommunen, die mehr Industriebetriebe haben als Gießen, das vor allem vom Dienstleistungssektor lebt.

Erklärungsversuche

Eine mögliche Erklärung für die vergleichsweise hohen Feinstaubwerte könnte die hohe Bautätigkeit in der Stadt sein. Allein der Abriss der umfangreichen Altbauten auf dem ehemaligen AAFES-Gelände wirbelte in jenem Jahr im Wortsinne eine Menge Staub auf. Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) hat auf Anfrage zudem noch eine andere Vermutung: »Durch die Baustelle am Elefantenklo hat sich damals der Verkehr oft bis zur Messstation an der Westanlage zurückgestaut. Das könnte vielleicht und zum Teil die hohen Messwerte an der Station erklären.«

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