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»Die Erinnerung wachhalten«

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Am Mahnmal für alle Opfer und Verfolgten des Naziregimes werden Blumen niedergelegt. © Leyendecker

Am 16. März 1943 werden 14 Angehörige der Gießener Sinti und Jenischen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Corona-bedingt musste die Gedenkstunde des Magistrats aufgezeichnet werden.

Gießen. »Wer an der berüchtigten Rampe ankam, wurde vorselektiert. Alle, die nicht als arbeitsfähig angesehen wurden, kamen sofort in die Gaskammer. Allen anderen wurde ihre Häftlingsnummer eintätowiert. Und ein ›Z‹ wie ›Zigeuner‹.« Auch 14 Menschen aus Gießen standen im März 1943 an dieser Rampe zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, von dem Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher spricht. Unter den Angehörigen der Sinti und Jenischen waren neben zwei Männern und drei Frauen auch neun Kinder, das jüngste gerade einmal ein Jahr alt. Die Gedenkstunde des Magistrats zum 79. Jahrestag ihrer Deportation am Mittwoch musste Corona-bedingt erneut aufgezeichnet werden. »Aber ich hoffe, dass wir trotzdem viele Menschen aus der Stadtgesellschaft und darüber hinaus erreichen, die sich für diesen Teil der Gießener Geschichte interessieren und die die Erinnerung an diese Gräueltaten wachhalten wollen«, sagt Becher, der selbst aus der Häuslichen Quarantäne zugeschaltet war.

Viele weitere »Todestransporte«

Der Winkel, den Sinti und Roma auf ihrer KZ-Kleidung zu tragen hatten, war braun. Rund 19300 Menschen starben in diesem Bereich des Lagers. »Etwa ein Viertel in den Gaskammern, die Übrigen an den Lagerbedingungen, der systematischen Mangelernährung, der Zwangsarbeit, den Krankheiten und Seuchen, den Gewaltexzessen der Aufseher und Aufseherinnen, den pseudomedizinischen Menschenversuchen«, verdeutlicht Becher. All dies erwartete auch die 14 Gießener Zugehörigen der Sinti und Jenischen, die am 16. März 1943 vom Güterbahnhof über Darmstadt nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. »Diesen 14 sollten noch viele weitere in die Todestransporte folgen«, sagt Becher. »Der Nationalsozialismus hat sie verschlungen und hunderttausendfach ermordet«.

Sinti, Roma und Jenische seien bereits vor den Nationalsozialisten Diskriminierung und staatlicher Stigmatisierung ausgesetzt gewesen. »Sicher. Solche Arten von Stigmatisierung und Diskriminierung sind nicht gleichzusetzen mit Massenvernichtung, aber sie bereiten den Boden dafür vor. Den Boden dafür, dass unter den Nationalsozialisten Sinti, Roma und Jenische erst in den Rassengesetzen abqualifiziert wurden, sich später sogenannten rassebiologischen Begutachtungen unterziehen mussten und am Ende deportiert und ermordet wurden«.

Keine Einzelfälle

Maria Strauß vom Landesverband Hessen der Deutschen Sinti und Roma unterstreicht: »Heute vor 79 Jahren wurden 14 Gießener Bürgerinnen und Bürger in Güterwaggons gezwängt und in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Und das nur, weil sie in den Augen der Nazis keine Deutschen waren. Deportationen wie diese waren keine Einzelfälle - im Gegenteil. Sie fanden im ganzen Land statt.« Es gehe hier um weitaus mehr als ein geschichtliches Ereignis. »Es ist auch die Erinnerung an Verwandte. Es gibt keinen Angehörigen unserer Minderheit, der vom Völkermord nicht betroffen war. Ob es Eltern, Großeltern oder Tanten waren - sie alle haben Leid erlebt, das über die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft hinausgeht«, so Strauß. Diejenigen, die diese Lager überlebt hatten, mussten ihr Leben lang seelische wie körperliche Wunden ertragen. Auch nun zeige sich, dass nicht-weiße Menschen Probleme bei der Flucht aus der Ukraine hätten. Die Meldungen häufen sich, dass sie oft nicht in die Busse gelassen werden oder nicht die Grenzen passieren dürften. In dieser, ohnehin schon verzweifelten, Lage werde ihnen die Unterstützung versagt.

Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf verliest die Namen und das Alter der 14 Menschen, die am 16. März 1943 nach Auschwitz deportiert wurden, sowie von weiteren Opfern, welche erst im Mai 1943 den Weg in das berüchtigte Vernichtungslager antreten mussten.

Pfarrer Dr. Gabriel Brand spricht ein Gebet. Danach werden Blumen am Mahnmal für alle Opfer und Verfolgten des Naziregimes niedergelegt.

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