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Die Evolution der Pinguine

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Ein Eselspinguin bei der Fütterung seines Kükens. Fotos: Petra Quillfeldt © Petra Quillfeldt

60 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte: Biologen der JLU Gießen waren Teil eines internationalen Forschungsteams, das die Genome aller Pinguinarten untersucht hat.

Gießen (red). Ein internationales Forschungsteam unter der Beteiligung von Biologen der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) hat die Genome aller Pinguinarten untersucht, um mehr als 60 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte dieser hoch spezialisierten Seevögel zu rekonstruieren.

Pinguine haben eine Reihe von Merkmalen entwickelt, die es ihnen ermöglichen, einige der extremsten Umgebungen der Erde, darunter die Antarktis und das Südpolarmeer, erfolgreich zu nutzen. Die in der Fachzeitschrift »Nature Communications« veröffentlichte Studie basiert auf den Genomen aller lebenden und kürzlich ausgestorbenen Pinguinarten sowie auf der Morphologie längst ausgestorbener Arten.

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die globale Abkühlung und die großen Meeresströmungen offenbar die Hauptfaktoren für die Evolution und die Ausbreitung der Pinguine in extrem kalten Umgebungen wie den Meeren um die Antarktis waren.

Anzeichen für Populationsveränderungen und Kreuzungen zwischen eng verwandten Pinguinarten, die in ihren Genomen erhalten geblieben sind, deuten darauf hin, dass die Arten - ausgehend von kleineren Refugien - Landmassen im gesamten Südlichen Ozean neu besiedelten, während das globale Klima zwischen Kalt- und Warmzeiten schwankte. Die Autorinnen und Autoren erklären, dass sie die Prozesse, die zur Entstehung oder zum Aussterben einzelner Arten führten, vollständig aufklären konnten. Die Daten ermöglichen es, den detaillierten Evolutionsprozess einzelner Gene und die Genflüsse zwischen den Abstammungslinien aufzudecken.

Darunter befanden sich eine Reihe von Genen, die wahrscheinlich die hochspezialisierten Wasseranpassungen der heutigen Pinguine unterstützen - darunter solche, die mit Thermoregulation, Sauerstoffversorgung, Tauchen, Sehvermögen, Ernährung, Immunität und Körpergröße zusammenhängen.

Mit dem Vergleich der Gene aller Pinguinarten ist ein Blick auf die Entwicklung von Merkmalen möglich, die in Fossilien nicht erhalten sind. So deuten die Analysen daraufhin, dass die Vorfahren der Pinguine ihr Farbensehen vereinfachten und ihre visuelle Empfindlichkeit besser an das blaue Umgebungslicht des Ozeans anpassten, ähnlich wie es bei Walen beschrieben wurde. Die Ergebnisse zeigen, wie gut die Pinguine an den Lebensraum Wasser angepasst sind.

Die Forschenden fanden zudem Beweise für eine natürliche Selektion in bestimmten Genen, die wahrscheinlich am Übergang der Pinguinvorfahren zurück ins Wasser beteiligt waren. Zu diesen bemerkenswerten Anpassungen gehört die Frage, wie Pinguine Fett speichern können, um mit eisigen Temperaturen zurechtzukommen, wie sich der Pinguinflügel zu einer Flosse entwickelte, um das Schwimmen und Tauchen zu erleichtern, und wie Pinguine in der Lage sind, den niedrigen Sauerstoffgehalt zu tolerieren, der bei langen Unterwasseraufenthalten auftritt.

Vom Flügel zur Flosse

Die Studie lieferte auch einige Ergebnisse, die sich mit einer früheren Veröffentlichung der JLU-Wissenschaftlerin Prof. Petra Quillfeldt decken. Sie fand seinerzeit heraus, dass Pinguine und ihre Schwestergruppe (Albatrosse und Sturmvögel) vergleichsweise niedrige Evolutionsraten unter den Vögeln aufweisen. Offenbar verlangsamt sich die Evolution der Tiere, sobald sie den Lebensraum Wasser nutzen.

Die aktuelle Studie stellt darüber hinaus fest, dass die Evolutionsraten in dieser Vogelgruppe mit den Umwelttemperaturen zusammenhängen. So stehen die höchsten Evolutionsraten bei Pinguinen im direkten Zusammenhang mit extrem kalten Umgebungen. So wies der Kaiserpinguin, die einzige Pinguinart, die im antarktischen Winter brütet, die höchste Evolutionsrate unter allen existierenden Pinguinarten auf, gefolgt von anderen Pinguinarten der hohen Breitengrade.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Selektionsdruck einer extremen polaren Umwelt in Verbindung mit vergangenen Eiszeiten und Warmzeiten die Entwicklung, Diversifizierung und Ausbreitung von Arten in hohen Breitengraden vorangetrieben hat und im Gegenzug möglicherweise auch dazu beigetragen hat, dass sie sich an die kalten Umgebungen anpassen konnten.

Die Studie ist Teil des internationalen Bird Genome 10K-Projekts, das die Sequenzierung der Genome aller heute lebenden Vogelarten zum Ziel hat.

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Portrait des Felsenpinguins. © Red

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