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Die ewige Wiederkehr des Immergleichen

Erstellt:

Von: Eike Zimmermann

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Schlachthof5_001_192_Dig_4c © Red

Schon die Romanvorlage »Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug« ist eine Herausforderung für jeden Leser. Allerdings eine äußerst anregende. Denn das autobiografisch beeinflusste Werk des US-Schriftstellers Kurt Vonnegut (1922-2007) ist auf den ersten Blick eine wilde Mischung aus Science-Fiction, Groteske und Kriegsberichterstattung, durch die er sein Alter Ego, den etwas naiv wirkenden Billy Pilgrim, schickt.

Doch ist die Geschichte in ihrer Gesamtheit durchaus schlüssig. Jetzt wurde der Stoff in einer Graphic Novel adaptiert.

In dem 1969 erschienen Buch erzählt Vonnegut von seiner Zeit als US-amerikanischer Kriegsgefangener in Dresden und von den Luftangriffen auf die Stadt, die er im Keller eines Schlachthauses überlebte, was angesichts des aktuellen Krieges in der Ukraine aktuelle Brisanz transportiert. Doch so leicht lässt sich die Handlung nicht zusammenfassen, immerhin tauchen noch allerlei Aliens auf, der Heiland wird ans Kreuz geschlagen und Zeitsprünge führen nach vorne und zurück, wobei den Leser stets der der lakonische Satz »So geht das« durch die Lektüre begleitet.

Dieses Buch als Graphic Novel zu adaptieren, braucht schon einigen Mut. New-York-Times-Bestsellerautor Ryan North, der den Roman für die Comicversion textlich adaptiert hat, sowie der spanische Comiczeichner Albert Monteys haben diesen Schritt gewagt. Doch Monteys ist ein erfahrener Illustrator, dem, passend zur Handlung, verschiedene Stile zur Verfügung stehen. Er lässt grob gerasterte 50er-Jahre-Trash-Panels einfließen, wo Billy Pilgrim auf die Werke eines Pulp-Autors trifft, illustriert die willkürliche Verrückung der Zeitachse in der Art eines Drehbuch-Storyboards, taucht Momente des Krieges in Düsternis und seine Aufenthalte bei den absichtlich äußerst albern aussehenden Aliens des Planeten Tralfamador in kühles Licht. So transformiert er den erzählerischen Stilmix der Geschichte perfekt in seinen Zeichenstil.

Der Grundtenor nähert sich dabei fast ein bisschen dem Semi-Funny, was auch den subtilen Humor der Geschichte zuträglich ist, wobei er großen Wert auf die Ausarbeitung des Dekors legt. Denn die Erkenntnis, die Billy Pilgrim erlangt, ist ohne Humor schwer zu ertragen. Alles ist gleich, gleichzeitig und somit eigentlich auch gleichgültig, egal was wir tun. Denn die Zeit läuft nicht linear ab, sondern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden zur gleichen Zeit immer und immer wieder statt. Diese Erkenntnis vermitteln ihm die Aliens, welche ihn zu Studienzwecken entführten. So ist das. Und da kann man nichts ausrichten. Die Zeit, wie wir sie zu kennen meinen, ist aus den Fugen geraten.

Auf rund 200 Seiten entfaltet sich dabei ein verwirrender, anregender, verstörender und eben durchaus auch humorvoller Bilderbogen, der von den Gräueln des Krieges über Billys Optiker-Laufbahn nach dem Krieg bis in die weiten des Weltalls und zur Verschwörungs-Literatur samt Sex & Crime führt. Einen philosophischen Überbau gibt es auch noch. So funktioniert dieser Comic wie Improvisationen im Jazz: nicht ganz einfach, aber wenn man sich darauf einlässt, kann man durchaus eine Menge Spaß damit haben.

Ryan North, Albert Monteys: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. 192 Seiten. 35 Euro. Cross-Cult.

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