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Die Facetten des Weihnachtsfests

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Friedhelm Häring widmete sich dem Weihnachtsfest zwischen Wetterau und Japan. © Schultz

Lich. Zum Werkstattbesuch lud die Edition noir am Wochenende in die Galerieräume nach Lich-Bessingen. Als besondere Attraktion las Friedhelm Häring, ehemaliger Leiter des Oberhessischen Museums, aus seinem neuen Weihnachtsbuch »Stille Zeit«. Überdies konnten die Besucher neue Bilder und Lichtobjekte betrachten, ganz abgesehen von den hervorragenden Werken von Bodo Klös.

Während der Lesung konnte das Publikum den Blick entspannt über Bilder von Petra Schuppenhauer und Franziska Neubert aus Leipzig sowie Holzschnitte von Peter Zaumseil aus dem Vogtland gleiten lassen, während Lichtobjekte von Glasdesigner Lukas Witzmann sanft die Szene beleuchteten.

Die Lesung in der Werkstatt entpuppte sich als höchst gelungene Mischung aus Text und Musik. Der bestens aufgelegte studierte Kunsthistoriker Häring trug einige seiner Gedichte vor und plauderte locker und kundig über christliche Traditionen und die Geschichte der Menschheit im Allgemeinen und das Weihnachtsfest im Besonderen. Es war ein historischer Vortrag mit heiteren wie kritischen Tönen. Die informativen und kompetent recherchierten Texte von Isabelle Dollinger ergänzen die Gedichte im Buch ausgezeichnet, ebenso wie die stimmungsvollen kindlichen Illustrationen. Die Musik kam ebenfalls von Häring, als er die Erinnerungen an die Weihnacht seiner Kindheit in der Großfamilie mit gesungenen Ausschnitten aus Weihnachtsliedern würzte, schlicht und ohne Ironie, als Zeitzeugnis sozusagen. Und auch zur japanischen Weihnachtstradition war einiges zu erfahren. In Nippon wird Weihnachten zwar nicht gefeiert, die öffentlichen Räume werden dennoch weihnachtlich beschallt und geschmückt. Und Japaner kehren zu dieser Zeit millionenweise (3,6 Millionen, schreibt Dollinger) beim Hähnchenbrater »Kentucky Fried Chicken« ein, um Weihnachtsmenüs zu verzehren. Die Galionsfigur der Marke, der ältere Herr mit Bart und Brille, ist zu dieser Zeit wie der Weihnachtsmann gestylt.

Härings Gedichte, atmosphärisch und stimmungsvoll, sind aber ganz und gar nicht von der süßlichen Sorte. Etwa »Junger Mann ohne Begleitung«: »Das Christkind kommt und keiner lässt es rein, / es kommt vom Nahen Osten ganz allein, / hat keine Gastgeschenke mitgebracht, / wär gerne nur dabei zur heil ›gen Nacht. / Die Liebe Gottes wird besungen, sie schenkt uns diesen Palästinajungen.«

Oder in »Warten auf Santa«: »Wieder warten wir auf Schnee und die Folge froher Tage. Plätzchen, Schlittschuh - ach herrjeh, bleibt noch die Geschenkefrage. / Ein E-Bike für das Töchterlein, / ein Smartphone für den Sohn. / Im Goldreif einen großen Stein / der Gattin, andres hat sie schon.« Ein Humor, der nicht nur entfernt an Verse von Wilhelm Busch oder Ringelnatz erinnert.

Höhepunkt der Lesung war die ausführliche Geschichte »Weihnachten in Ellar«, Härings Geburtsort in der Wetterau. Dort kommt die Großfamilie zusammen, und es entfaltet sich ein winter-weihnachtliches Idyll, bei dem alle Teile der Familie abwechslungsreich und mit gutgelaunter Ironie gezeichnet werden.

Als Häring dann, gleichsam zur akustischen Dekoration, mit schönem Tenor das Lied »Überm Berge da wehet der Wind« anstimmt, das die Festgemeinschaft der Szenerie gerade sang, lässt sich die Stimmung in der Geschichte genau nachspüren. Abschluss der Szene: »Großvater holte eine Flasche Korn. Er war mit seiner Familie sehr zufrieden.« Friedhelm Häring erhält für seine lebendige Lesung sehr herzlichen, andauernden Beifall und signiert eine ganze Menge Bücher.

Die Edition noir kann donnerstags und freitags von 15 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11 bis 14 Uhr besucht werden.

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