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Die heilende Kraft der Musik

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»Musik macht glücklich«, erklärte der Wissenschaftler Stefan Kölsch, der seinen Vortragsthesen einen Konzertauftritt zusammen mit der Pianistin Nina Tichman folgen ließ. Foto: Schultz © Schultz

Laubach. Einen glänzenden Abschluss fand jetzt die Reihe Musik und Sprache auf der Laubacher Hessenbrückenmühle. Das Thema: »Good vibrations - wie Musik heilsam wirkt«. Zunächst sprach Stefan Kölsch höchst luzide über sein Thema, danach musizierte er mit der exzellenten Pianistin Nina Tichman ein Werk von Mozart. Beide Teile des Abends erwiesen sich als gleichermaßen fesselnd.

Der deutsch-amerikanisch-norwegische Psychologe und Neurowissenschaftler erforscht, welche zumeist positiven Veränderungen Musik im Gehirn auslösen kann. Er leitet die von der Max-Planck-Gesellschaft initiierte Nachwuchsgruppe Neurokognition der Musik. Seit 2015 ist er Professor für biologische, medizinische und Musikpsychologie an der Universität Bergen in Norwegen, an die er im Rahmen des norwegischen Spitzenforscher-Programms berufen wurde. Er ist ausgebildeter Konzertgeiger.

Kölsch begann seinen Vortrag mit der Auswirkung von Musik, »die uns überrascht«, also die durch die Hörgewohnheiten geprägten Erwartungen nicht erfüllt. Musik mache die Welt vorhersehbar, löse Unsicherheit auf und beruhige aufgrund der in uns entwickelten Hörerwartungen, die schon im Mutterbauch entstünden. Und sie verursache positive Veränderungen im Gehirn, es würden neue Synapsen gebildet. Umso mehr, je mehr man sich intensiv mit Musik befasst. »Damit solche positiven Veränderungen passieren, muss man sich tief darauf einlassen«, sagte Kölsch. »Wenn man TikTok guckt, passiert nix.«

Musik helfe Kranken, wieder gesund zu werden oder Besserung zu erlangen, auch weil sie in allen Menschen liegende Bedürfnisse ansprächen. Zudem werde sie in tief im Gehirn liegenden Bereichen verarbeitet. Angenehm finden wir laut Kölsch etwa einen bekannten musikalischen Aufbau und Ablauf, wichtig ist für ihn aber »der richtige Mix aus bekannt und überraschend«. Musik sei der entscheidende Schritt in der Evolution gewesen.

»Gemeinsam musizieren eint uns und macht glücklich«, befand er. Zudem fördere es soziale Verhaltensweisen, man helfe einander mehr und leichter. Musikalische Aktivität fördere die Gesundheit und ein längeres Leben.

Schlaflieder klingen weltweit gleich

Die Sprache sei ein Spezialfall der Musik, die ohne Takt auskomme. »Sprache und Musik werden im Gehirn im selben Netzwerk verarbeitet.« Sie seien Teil unserer Natur, so klängen Schlaflieder auf der ganzen Welt gleich. Zudem stimuliere die Freude an Musik das Glückssystem. »Die Spaßmoleküle können gesund machen«, ergänzte Kölsch. Musik sei auch therapeutisch wichtig, wenn etwa die Aktivität von Gehirnstrukturen aus dem Gleichgewicht sei. Bemerkenswert sei, dass - nur im Glückssystem - neue Strukturen entstehen, Musikmachen könne das Gehirn formen, allerdings erst nach langer Übung. Schnellere Effekte seien jedoch auch schon nach kurzer Zeit nachweisbar. Bei aktiven Musikern sei das Gehirn etwas jünger als der restliche Körper, sagte Kölsch, der 2019 das Buch »Good vibrations - Die heilende Kraft der Musik« veröffentlicht hat. Für seinen wissenswerten und kurzweiligen Vortrag in Laubach erhielt er donnernden Applaus.

In der zweiten Hälfte des Abends musizierte zunächst Nina Tichman Brahms’ Violinsonate Nr. 1 G-Dur, op. 78. Sie kam nach einem Preis der Juilliard School in New York und einer erfolgreichen internationalen Laufbahn als Professorin für Klavier an die Hochschule für Musik in Köln.

Sie musizierte zunächst mit sanftem Elan und ebensolcher Dynamik und mit heiterer Tempogestaltung. Eine gewissermaßen zugewandte Spielweise wurde wahrnehmbar. Tichman agierte konzentriert und hielt stets einen ruhigen Fluss aufrecht. schließlich fand sie zu einer schönen Emotionalität. Insgesamt setzte sie mit heiterer Versonnenheit sehr persönliche Akzente; exzellent.

Mit Spannung erwartet wurde das Duo Tichman und Kölsch mit Mozarts Sonate in F-Dur K. 533/494 in drei Sätzen. Kölsch verströmte einen etwas wienerischen Schmelz. Bedrohliche Spannung wurde vom Duo gut getragen, es gab eine intensive, intuitive Kooperation. Tichman und Kölsch schlossen mit einem fulminanten Finale ab, hochpräzise und emotional überzeugend; Riesenbeifall für das letzte Konzert der Reihe in dieser Saison.

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