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Die Rechnung kommt später

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Ein paar Klicks - und schon ist ein neues Abo abgeschlossen. Symbolfoto: dpa © Red

Online-Shopping spielt bei Überschuldung eine große Rolle. Die Warteliste bei der Schuldnerberatung der Caritas Gießen ist dementsprechend lang. 25 Prozent der Klienten sind unter 30 Jahre alt.

Gießen. Den Musik-Streaming-Dienst habe ich beim Zählen glatt vergessen. Sieben also. So viele Online-Abos haben wir in der Familie abgeschlossen: Drei bezahlpflichtige Angebote von Zeitschriften, beziehungsweise Zeitungen, Zugang zu drei Streaming-Portalen für Filme und Serien, und eben die Premium-Variante der Musik-App. Die einzelnen Monatsbeträge liegen zwar allesamt im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich - und dennoch läppert sich das. Abgeschlossen ist so ein Abo in der Regel mit wenigen Klicks. Gerade für den Geldbeutel junger Menschen kann das Folgen haben. »Online-Shopping spielt eine sehr große Rolle bei Überschuldung«, verdeutlicht Tatjana Krug, Schuldner- und Insolvenzberaterin beim Caritasverband Gießen. Auf Platz 2 der beliebtesten Online-Produkte rangieren Käufe über Streamingdienste, wie das Statistische Bundesamt kürzlich veröffentlicht hat.

Immer freitags lag früher die Fernsehzeitung im Briefkasten - das einzige Abo, das meine Eltern abgeschlossen hatten. Schließlich kam man aus dem regelmäßigen Kaufversprechen nicht so schnell raus, die Kündigungsfrist betrug mehrere Monate und wirklich günstiger war das Ganze im Vergleich zum Einzelkauf auch nicht, allerdings winkte als Dank für den Vertragsabschluss vielleicht ein minderwertiges Küchengerät oder etwas ähnlich Unbrauchbares. Gekündigt habe ich für die Zeit meines Internetfastens übrigens keinen meiner Online-Verträge. Obwohl das - im Unterschied zum früheren TV-Magazin-Abo meiner Eltern - relativ einfach möglich gewesen wäre, im Alltag allerdings genauso schnell vergessen wird. Von ein paar gemeinen Freunden kommen regelmäßig neue Serien-Tipps. Danke für nichts, denn ohne Internet kann ich keine einzige dieser Empfehlungen ansehen. Und die beiden wöchentlich erscheinenden True-Crime-Podcasts, die ich standardmäßig zur Entspannung höre, fehlen auch ganz schön.

Diese mediale Allgegenwärtigkeit, das stände Rezipieren und Rezensieren im Bekanntenkreis sind sicher Gründe dafür, warum es gerne noch ein bisschen mehr Berieselung sein darf - auch in Form eines wieder neuen Abos, weil die aktuellen Folgen einer vielbesprochenen Serie nunmal auf einem anderen, noch nicht bezahlten, Portal laufen. Der Abschluss ist eh einfach, die Bezahlmöglichkeiten vielfältig und Gratis-Monate gibt’s noch obendrauf. Generell sind Einkäufe aller Art mit einem einzigen Smartphone-Swipe erledigt, wenn einmal die Adress- und Kontodaten hinterlegt sind. Gleiches gilt für sogenannte »In-App-Käufe« - also Apps, die eigentlich kostenfrei sind, bei denen nach Bezahlung aber weitere Funktionen freigeschaltet werden. Der fällige Betrag wird dann vom Konto eingezogen oder einfach auf die laufende Telefonrechnung gesetzt. So kann sich - davor warnt unter anderem die Verbraucherzentrale - eine Kostenfalle auftun.

Telefonanbieter häufigste Gläubiger

Im Jahr 2021 haben laut Statistischem Bundesamt 82 Prozent der in Deutschland lebenden Personen zwischen 16 und 74 Jahren mindestens ein Mal etwas im Internet gekauft. Weit vorne in der Beliebtheit liegen dabei Kleidungsstücke, 70 Prozent der Online-Nutzer haben in dieser Warengruppe zugeschlagen. Streaming und Lieferservices für Essen teilen sich Platz 2 (31 Prozent).

Bei der Schuldnerberatung der Caritas Gießen beträgt die Wartezeit bis zum Beginn eines Regulierungsverfahrens aktuell rund 16 Monate. Im vergangenen Jahr sind 166 neue Klienten aufgenommen worden, teilt Tatjana Krug mit. 25 Prozent der Ratsuchenden waren unter 30 Jahre alt. »Keiner unserer Klienten hat sich nur aufgrund von Handyverträgen, Smartphone oder In-App-Käufen verschuldet, jedoch geht aus unserer Statistik hervor, dass immer mehr Menschen Schulden bei Telefonanbietern haben«, verdeutlicht Caritas-Schuldnerberaterin Natalija Schmidt. Damit würden diese am häufigsten als Gläubiger angegeben. Ratenkäufe oder lange Vertragslaufzeiten seien vorrangig zwar kein Auslöser für Überschuldung, könnten aber als Begleiterscheinung auftreten, wenn ein weiterer Auslöser hinzukomme, wie längerfristiges Niedrigeinkommen, unwirtschaftliche Haushaltsführung, Trennung oder Sucht.

Das Statistische Bundesamt hat zu dieser Problematik zuletzt 2018 Zahlen erhoben. Demnach hatten verschuldete unter 25-Jährige im Durchschnitt 1573 Euro Schulden bei ihren Telefonanbietern. Bei einem monatlichen Einkommen von durchschnittlich 777 Euro mussten also mehr als zwei Gehälter allein für die Deckung der Handyschulden aufgebracht werden.

Sieben Online-Abos sind definitiv ein paar zu viel. Ohne Internet bleibt davon vor allem: nichts. Als Ersatz für meine Lieblingspodcasts habe ich mir nun zwei True-Crime-Magazine gekauft. Die kosteten zusammen fast so viel wie zwei Streaming-Abos. Bezahlt wurde aber direkt - an der Supermarkt-Kasse.

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