1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Die Regeln des Fantastischen

Erstellt: Aktualisiert:

gikult_auradniczek_14052_4c
Fantasy-Autor Lucas Auradniczek. © Müller

Gießen. »Es freut mich sehr, dass die Veranstaltung genau hier stattfindet. Denn in der Stadtbibliothek sind in den letzten drei Jahren viele Teile meines Romans entstanden. So schließt sich der Kreis«, berichtet Autor Lucas Auradniczek zu Beginn seines Vortrags. Dabei entführte der Gießener die Zuhörer mit seinem Buch »Die Götter schweigen« in ein spannendes Fantasie-Szenario.

Und er zeigte, mit welchen Motiven und Symbolen sowie realen Vorbildern ein Autor wie er arbeitet, um eine mystische Welt zu erschaffen.

Es war ein gelungener Einstieg für die neue Veranstaltungsreihe »Literaturdurst trifft auf Reiselust«, die am Donnerstagabend begann. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht ferne Länder, sondern die heimische Bibliothek, die mit vielen Themenbereichen und Gebieten lockt. Zum Auftakt begab sich das Publikum in den Bereich von »Jung und Alt« - der fantastische Romane sowie Bücher mit Science-Fiction-Einflüssen beinhaltete.

Realität und Fantasie wirken zunächst wie Gegensätze, doch auf den zweiten Blick lassen sich durchaus Zusammenhänge finden - zumindest nach der Ansicht des Buchautoren, der sich mit diesem Genre auseinandersetzt. »Die Fantasie nutzt die Realität als Ausgangslage, jedoch wird dies in ein anderes Setting übertragen.« Die Auslöser einer solchen Geschichte seien oftmals allzu menschlicher Natur. Das könne ein Geschwisterkonflikt sein, wie bei Romulus und Remus, den zwei Gründervätern der Stadt Rom. Oder ein Akt der Freundschaft und Loyalität, wie er in Tolkiens Meisterwerk »Der Herr der Ringe« dargestellt wird. Auch Game of Thrones sei näher an der Realität, als den meisten bewusst sei. »Dort spielen soziale Strukturen und Klassen eine große Rolle - ein brandaktuelles Thema«, befindet Auradniczek. Doch der Zweck dieser Erzählungen habe sich im Laufe der Zeit gewandelt.

Mythos und Realität

»Früher dienten solche Mythen-Stoffe als Erklärungen für die Menschen. Dinge wie Schicksal, Seele oder der Tod wurden dadurch greifbarer, besser verständlich«, erläuterte der Autor. Heutzutage werde der Mythos genutzt, um Gegebenheiten in der realen Welt wiederzuerkennen. Dabei helfen bestimmte »Typen«, die immer wieder in solchen Romanen vorkommen und realen Personen nachempfunden sind. Vor allem sorgen sie beim Leser für Wiedererkennungswert.

»Etwa der grimmige, Bier trinkende Zwerg, oder der weise alte Mann, der eine Ratgeber-Funktion einnimmt.« Auch die Motive dieser handelnden Personen seien dazu da, »Strukturen hinter der Wirklichkeit« zu schaffen, mit denen sich der Mensch identifizieren könne: der klassische Kampf von Gut und Böse, Ordnung und Zerstörung. Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass das Mittelalter als häufigstes zeitliches Setting dient. »Etwas, das wir gut kennen und erforscht haben, wird um einen magischen Schauplatz erweitert. Dadurch, dass wir eine gewisse Vorstellung von dieser Zeit haben, können wir uns besser hineinversetzen und auch die fantastischen Elemente schneller akzeptieren«, berichtet der Schriftsteller. Man spreche dann auch von der Theorie der Rekombination.

Eine weitere Zutat, die in einer guten Fantasiegeschichte nicht fehlen darf, ist die der Magie. Dabei werde zwischen »harter« und »weicher« Zauberei unterschieden. Erstere folge klaren Regeln, etwa durch das Einhalten gewisser physikalischer Gesetze. Anders verhalte es sich bei der »weichen« Magie. »Ein gutes Beispiel ist der Zauberer Gandalf aus der »Herr der Ringe«-Buchreihe. Als Leser erfährt man nicht, seit wann er zaubern kann. Genauso wenig, wie lange oder oft die Figur Magie nutzen kann. »Vieles bleibt im Verborgenen.« Sein eigenes Werk »Die Götter schweigen« bezeichnete der ebenfalls als Musiker tätige Auradniczek als »Low-Fantasy-Roman«, der sich durch einen geerdeten Schauplatz und wenigen unterschiedlichen Rassen darin auszeichnet - auch das Magische spiele nur eine untergeordnete Rolle.

Ihm gehe es vor allem um das Thema Spiritualität. Als Inspiration nennt der Gießener vor allem das Steinzeitalter und die dort angesiedelten prä-kolonialen Völker. Nicht nur mit seinem Fachwissen glänzte der junge Schriftsteller, auch seine anschließenden Leseproben überzeugten. In »Die Götter schweigen« trifft der Leser auf eine Welt, in der heilige Tiere, besonders der Hirsch, eine zentrale Rolle einnehmen. Doch durch ihr plötzliches Ausbleiben gerät dieses empfindliche System und die darin lebenden Völker aus dem Gleichgewicht. Hungersnot und Instabilität sind die Folgen und Konflikte nicht weit entfernt.

Auch interessant