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»Die Revolution hatte keine Chance«

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Von: Björn Gauges

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Es war eine Revolution »mit einer klaren Grenze zwischen Gut und Böse«, sagt der Schriftsteller Artur Klinau über die Massenproteste in Belarus im Sommer 2020. Foto: dpa © dpa

Der belarussische Schriftsteller Artur Klinau liest an diesem Donnerstag in Gießen. Im Interview spricht er über die Revolution in seiner Heimat, den russischen Einfluss und die Zukunft Putins.

Gießen. Der Schriftsteller Artur Klinau war dabei, als im Sommer 2020 ganz Belarus von Demonstrationen gegen den langjährigen Diktator Alexander Lukaschenko erfasst wurde. Klinaus Tochter Maria wurde gleich zu Beginn der Proteste gegen die gefälschte Präsidentschaftswahl in Minsk festgenommen. Und so machte sich ihr Vater auf die Suche nach der jungen Frau, während er zugleich die dramatischen Ereignisse in seinem Buch »Acht Tage Revolution« festhielt. Am Donnerstag, 27. Oktober, stellt er es im Alten Schloss in Gießen vor. Zuvor hat der Anzeiger mit dem derzeit auf Einladung des Schriftstellerverbandes PEN in Gießen lebenden Klinau gesprochen: über das Wesen der Diktatur, die horrende Polizeigewalt, über Putins Kalkül bei der Wahl 2020 und die fragile Zukunft von Russlands Nachbarn.

Herr Klinau, Sie beschreiben in Ihrem Buch »Acht Tage Revolution«, wie auch der Titel lautet. Wann wurde Ihnen bewusst, dass es sich dabei um ein historisches Ereignis handelt? Und mit welchen Gefühlen haben Sie diese acht Tage der Massenbewegung erlebt: Angst, Hoffnung, Stolz? Oder alles zusammen?

Das war kein eindeutiges Gefühl. Einerseits war ich alarmiert, weil ich verstand, dass der Kreml versuchte, die belarussische Regierung in noch größere Abhängigkeit von sich zu bringen. Anderseits kam irgendwann der Moment, als klar wurde, dass diese Pläne nicht mehr funktionierten. Auf die Straßen gingen Massen von Menschen, die aufrichtig an einen Wechsel der politischen Verhältnisse glaubten. Moralisch und ästhetisch war es eine sehr schöne Revolution, mit einer klaren Grenze zwischen Gut und Böse. Es waren Hunderttausende, die an eine Art Umzug, einen Karneval erinnerten, mit einer sehr starken feministischen Komponente. Und trotzdem verstand ich, dass diese Revolution keine Chance hat, weil der Kreml nie erlauben würde, dass sich in Belarus das Szenario des ukrainischen Maidans wiederholt. Der Preis, den die Ukraine dafür zahlt, ist der Krieg. Unser Preis, so glaube ich, wäre ein militärisches Eingreifen Russland und die Annexion unseres Landes.

Lukaschenko ist bei Ihnen nur der »Batka« (Väterchen), Putin der »Starze« (Der Alte). Beider Namen werden nie genannt. Sind es für Sie Figuren, die exemplarisch den Diktator, das Totalitäre verkörpern?

Ich wollte keine journalistische Chronik schreiben, sondern ein literarisches Werk. Es ging darum, zwei autoritäre Herrscher zu skizzieren, die auf ihre jeweilige Weise dramatische und auch tragische Züge tragen. Der eine, Batka, verliert das Land, das Werk seines Lebens. Der andere, der Starze, plant einen großen Krieg, der sein Land in den Abgrund stürzt.

Eindrücklich fand ich Ihr Bild des Batkas als Künstler, der beständig an einem großen, monochrom-braunen Gemälde namens »Macht« malt. Angesichts dieser Karikatur eines durch und durch mittelmäßigen Menschen fragte ich mich als Leser allerdings auch, wie er sich so lange an der Macht halten konnte - und warum er sich noch immer hält?

Genau das ist Geheimnis aller autoritären und totalitären Regime. Wie schaffen sie es, das Bewusstsein der Massen so zu manipulieren, dass sie sie ihrer Macht für viele Jahre unterwerfen können? Nordkoreaner unterscheiden sich physisch nicht von Südkoreanern. Aber die einen leben unter einem autoritäre Regime, die anderen in einer Demokratie. Die Kubaner sind genauso demokratiefähig wie jeder andere Lateinamerikaner und ein Belarusse genauso wie jeder andere Einwohner Europas. Eine allgemeingültige Antwort auf Ihre Frage gibt es nicht. Die Manipulationsmechanismen sind individuell. Dieses Thema ist ein wichtiger Teil meines neuen Buchs «Effizientes Imperium«, an dem ich gerade arbeite.

Sie beschreiben auch, wie überrascht viele Menschen waren, als die belarussische Staatsmacht in den Revolutionstagen im Sommer 2020 mit einer so brutalen, willkürliche Gewalt gegen quasi jedermann vorging. Was lehrt uns diese Gewalt: Ist der Firnis der Zivilisation wirklich so dünn?

Leider ja. Der Krieg in der Ukraine hat es noch einmal bestätigt. Es ist nicht schwer, einen Menschen in den Zustand der Barbarei zurückzuversetzen. Mehrere Jahrhunderte haben wir mit der Überzeugung vom sozialen Fortschritt gelebt. Sie wird jedoch gerade ernsthaft in Frage gestellt. Wobei der Mensch wirklich Fortschritte gemacht hat, das sind die Methoden, um seinen Nächsten zu töten. Erich Fromm hat geschrieben: »Das menschliche Gehirn lebt im 20. Jahrhundert, aber sein Herz in der Steinzeit.«

Sie erzählen auch vom subtilen Einfluss Russlands auf die Wahlen, in dem die Oppositionskandidaten zunächst unterstützt wurden, um Lukaschenko unter Druck zu setzen. Davon war in den westlichen Medien kaum zu hören und lesen. Wie schätzen Sie heute diese Bewegung mit den drei Frauen Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikova und Veronika Zepkalo,- den »drei Hexen« - an der Spitze ein?

Dass Russland versucht, Wahlkämpfe in Europa und sogar in den USA zu beeinflussen, würde kaum jemand bestreiten. Aber wenn es um Belarus geht, wird bei diesem Thema aus irgendeinem Grund an Verschwörungstheorien geglaubt. Obwohl es offensichtlich ist, dass es in unserem Land mehr Instrumente des russischen Einflusses gibt als anderswo. Die Wahlen 2020 waren ein erfolgreiches Projekt des Kremls, der seine Ziele erreicht hat: Sie machten Belarus vollständig von Russland abhängig und schnitten das Land von Europa ab. Das alles aber schließt nicht aus, dass die meisten oppositionelle Politiker vollkommen aufrichtig an der Wahl teilgenommen haben, motiviert von demokratischen Idealen.

Die belarussische Bevölkerung hat sich aufgelehnt, die russische scheint dies nicht zu tun? Wo ist der Unterschied?

Der Unterschied besteht darin, dass der Staatsmacht in Belarus die Manipulationsressourcen ausgehen. Wenn diese Macht keinen Konsens mehr mit der Mehrheit der Bevölkerung findet, kann sie sich nur noch mit roher Gewalt halten. In Russland dagegen gibt es noch große Manipulationsressourcen. Das Versprechen von der imperialen Größe des Volkes hat noch immer großes Potenzial. Aber mit dem Kriegsausbruch schmilzt das schnell. Wenn die Menschen für imperiale Größe vom Sofa aufstehen und raus aus der Komfortzone müssen, vielleicht sogar sterben müssen, dann beginnt das Aufwachen aus der Propaganda-Hypnose. Es beginnt die Rückkehr in die Realität.

Wie wird die Zukunft Ihres Landes aussehen? Hat es eine Chance, sich dem Westen anzunähern? Und wie geht es mit Putin und Russland weiter? Wird er Belarus im Krieg gegen die Ukraine an seine Seite zwingen können?

Alle Umfragen der vergangenen Monate zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Belarus den Krieg in der Ukraine nicht unterstützt. Darüber hinaus ist dieser Krieg äußerst gefährlich und unrentabel für die belarussische Regierung. Unrentabel, weil die Ukraine vor dem Krieg der zweitgrößte Handelspartner von Belarus war. Der Verlust dieses Marktes ist ein schwerer Schlag für die belarussische Wirtschaft. Gefährlich, weil Russland in Falle eines Sieges mit hoher Wahrscheinlichkeit zur endgültigen Lösung des belarussisches Frage übergeht. Deswegen wäre ein Kriegseintritt für die Regierung Lukaschenkos Selbstmord. Ich denke, sie wird alles tun, um das zu verhindern. Wenn es um Russland geht, sehe ich drei mögliche Zukunftsszenarien. Das Russland verliert, steht bereits fest. Der Unterschied besteht in den Folgen der russischen Niederlage. Sehr optimistisch wäre eine schnelle Demontage des Putin-Regimes, die schlechteren wären dauerhafte Turbulenzen oder gar der Zusammenbruch des Landes. In jeder dieser Szenarien besteht für Belarus die Möglichkeit, sich aus Russlands Umarmung zu befreien. Die Belarussen sind geistig und historisch Europäer, daher ist ihre Rückkehr nach Europa nur eine Frage der Zeit.

Ihre Tochter Marta ist vor den Repressionen 2021 nach Kiew gezogen? Wie geht es ihr heute?

Marta hat nur eine Woche vor Kriegsbeginn Kiew verlassen, um in Polen zu studieren. Sie lebt und arbeitet derzeit in Warschau.

Der Schriftsteller Artur Klinau ist am Donnerstag, 27. Oktober, um 19 Uhr beim Literarischen Zentrum Gießen (LZG) zu Gast. Im Netanya-Saal des Alten Schlosse s liest er aus seinem neuen Buch »Acht Tage Revolution. Ein dokumentarisches Journal aus Minsk«. Zudem gibt es ein Gespräch mit dem Gießener Osteuropahistoriker Prof. Thomas Bohn. Klinau lebt und arbeitet eigentlich in Minsk, ist derzeit jedoch als Gast des Schriftstellerverbands PEN gegenwärtig in Gießen. Bohn veröffentlichte in diesem Jahr in zweiter Auflage sein Buch »Heldenstadt Minsk. Urbanisierung à la Belarus seit 1945«, in dem er über die Konsequenzen der Revolution von 2020 nachdenkt. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. (red)

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Artur Klinau liest am Donnerstag im Alten Schloss. © Red

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