+
Ganz in schwarz, aber gar nicht düster drauf: das Ensemble der English Theatre Group bei der Premiere.

Die Sache mit den Nachbarn

  • schließen

Gießen. Wie ein Phoenix aus der Asche stieg im Landgraf-Ludwig-Gymnasium eine Theaterproduktion: Die English Theatre Group präsentierte eine Geschichte über Vampire und Kleinbürger namens »Neighbours« nach dem Stück von Peter Griffith in der Regie von Steven Schlömer. Die rundum herausragende Aufführung machte dem Publikum einen Mordsspaß.

Im ersten Bild zieht das Ensemble, ganz in schwarz und stumm, mit ein paar Requisiten über die Bühne. Hier stimmt jede Geste, genau wie das Timing, was die große Sicherheit der Gruppe unterstreicht. Es geht darum, dass eine Familie mit Sohn neue Nachbarn bekommt. Und, oh Gott, wie traurig, sind beim Umzug gleich zwei Särge mit eingetroffen. »Ein schlimmer Schicksalsschlag,« findet man mitfühlend und geht rüber, sein Beileid auszusprechen.

Dabei lernt Sohn Rick die Tochter des Vampirhauses kennen, und zwischen ihm und Phylthia (Familienname »Spatula«) ist große Sympathie spürbar. Die zurückhaltende Annäherung wird von Cara LaMonica und Erik Löschen sehr differenziert umgesetzt. Locker macht sie ihm beim Hausbesuch klar, dass moderne Vampire ihr Blut aus Flaschen trinken, die sie im Kühlschrank aufbewahren. Und: »We never bite neighbours.«

Das beruhigt Rick minimal, aber auch sonst sind allerlei Vorurteile zu bearbeiten. Probleme macht ihm auch die minimale Möblierung im Hause Spatula, denn außer den zwei Särgen gibt’s nichts: keinen Stuhl, keinen Tisch, kein Bett. Man könne doch sehr schön in ihnen schlafen und bequem drauf sitzen, sagt Phylthia. Irgendwann kommt Ricks Vater auf der Suche nach seinem Sohn vorbei, und Rick muss sich im Sarg verstecken. Als er dann irgendwann rauskommt, wähnt der schockierte Vater ihn transformiert und sieht das Ende der Welt gekommen. Aber Phylthia will Ricks Blut gar nicht, Gottseidank. »She’s a modern vampire,« erklärt er den Eltern. Ja, dann.

Die Eltern, von zwei Frauen gespielt, sind witzig kostümierte, sanfte Karikaturen mit bürgerlichen Ängsten und Stereotypen beladener Mitmenschen. Höhepunkt ihrer Episode ist die Aufklärungsrede, die Ricks Vater dem Filius in Anbetracht der neuen Freundin hält, hoch verklemmt, sehr britisch, sehr komisch und einfach gelungen. Das Ensemble liefert noch ein paar Szenen verängstigter Mitbürger, die allerlei Gerüchte ventilieren, was einem irgendwie vertraut vorkommt.

Die Inszenierung rollt von Anfang an sehr rund ab, die Darsteller agieren mit auffälliger Ruhe und Sicherheit bis in die Details. Auch das Sprachtiming steht sicher, was den Dialogen sehr zugute kommt und den Betrachter schnell in die Geschichte reinzieht. Noch dazu sprechen die Darsteller ein ziemlich bis sehr gutes Englisch, das praktisch keine Verständigungsprobleme schafft - nicht alltäglich in englischsprachigen Amateurensembles.

Präzise Situationskomik

Überdies sind ein paar ›running gags‹ eingebaut, die immer sicher zünden und Lacher auslösen; so muss es sein. Das höchst spielfreudige Ensemble setzt auch immer wieder überraschend präzise situationskomische Elemente um. Auffällig ist die Geschlossenheit, mit der Gruppen- und Einzelchoreografien umgesetzt werden und jeweils die beabsichtigte Stimmung im Parkett entstehen lassen - hier guckt niemand ohne Dialog auch ohne Ausdruck in die Luft, alle sind tief in ihren Rollen. Man kann sich der rumpelfreien Inszenierung getrost hingeben, die ihre aufklärerischen Aspekte eher zurückhaltend vermittelt.

Erfolgreich wurde zudem die Knappheit der Darsteller gelöst. Die Doppelbesetzungen fallen fast gar nicht auf, denn die Akteure begeben sich so übergangslos und komplett in die jeweilige Rolle, dass man einfach die neue Figur zur Kenntnis nimmt, etwa bei Leander Schätz, der allerdings als Spatula die stärkste Wirkung entfaltet.

Der abschließende Appell an die Zuschauer, über eigene Vorurteile nachzudenken, ist da fast schon überflüssig, denn mit der Zeit tun die saftigen Klischees, die die Normalbürger im Stück ablassen, ihre Wirkung: es geht natürlich um die menschlichen Nachbarn. Aber man kann ja mal unauffällig aufs Gebiss schauen...

Ganz rund und stimmig wiederholt sich der Einzug der Company am Ende als Auszug, das wirkt besser als jeder Vorhang. Der heftige und langanhaltende Beifall des Premierenpublikums zeigt, dass die Inszenierung und das Ensemble komplett funktioniert haben, ihr Elan ist ihnen in den zweieinhalb Jahren, die sie zwangsweise auf diesen Abend warten mussten, nicht ausgegangen. Chapeau!

Erik Löschen als Rick und Cara LaMonica als Vampirin Phylthia.

Das könnte Sie auch interessieren