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Die schöne Fratze des Systems

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Nur gaga oder gar gefährlich? Der Autor und Blogger Wolfgang M. Schmitt warnte bei seinem Vortrag in Gießen davor, den Einfluss der Influencer zu unterschätzen. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Der Podcaster und Autor Wolfgang M. Schmitt rechnete in Gießen mit dem Influencer-Unwesen ab

Gießen. Manchmal sagt die Autokorrektur die Wahrheit. Beim Verfassen dieses Artikels versuchte jene hartnäckig aus dem Influencer eine Influenza zu machen, und da ist ja auch etwas dran. Unter der Wahrnehmungsschwelle der Boomer breitet sich die neueste und mal wieder verheerendste Inkarnation des Spätkapitalismus seit einigen Jahren pandemisch im Internet und den Köpfen aus.

Für Altvordere mögen Bibi, Dagi oder Sami Slimani die harmlosen Teletubbies sein, mit denen ihrer Sprösslinge ihre noch reichlich vorhandene Lebenszeit verdaddeln. Für den Film-, Kultur- und Zeitgeistkritiker Wolfgang M. Schmitt sind sie eine existenzielle Bedrohung des kritischen Geistes einer ganzen Generation; und es ist sicher nicht nur der Gnade der frühen Geburt des 35-Jährigen geschuldet, dass sein Vortrag »Influencer: die Ideologie der Werbekörper« 150 Zuhörer und engagierte Diskutanten in den vollen Hörsaal 1 in der Licherstraße 68 lockte, Trotz hochsommerlicher Temperaturen und eines Input-Flächenbombardements von Adorno über Horkheimer bis Bourdieu hielt Schmitt sie zwei Stunden lang in seinem Bann.

Bedürfnisse wecken

In der entwickelten Welt, in der seit 50 Jahren die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen befriedigt sind, kann der Kapitalismus das für ihn existentielle Wachstum nur noch mit der Schaffung neuer Bedürfnisse generieren, postuliert Schmitt.

Und keiner ist bei der Schaffung dieser neuen Bedürfnisse so wirkmächtig wie die Influencer, die nichts anderes machen als den lieben langen Tag auf Instagram oder TikTok Konsumprodukte und das Versprechen eines Lifestyles anzupreisen, der für die meisten ihrer Follower immer unerreichbar sein wird.

Was aber macht nur die Beeinflusser zu einem mittlerweile milliardenschweren Phänomen? Für Schmitt ist es zum einen die Kommunikation auf Augenhöhe. Influencer sind in Habitus und Sprache wie die kleine Schwester oder der gute Kumpel. Damit eng verbunden ist der wiedergängerische Zombie des eigentlichen mausetoten amerikanischen Traums. Vom Hauptschüler zur Muiltimillionärin mit steuergünstigem Wohnsitz in Dubai: Das ist die Möhre, die der Eselsherde vor die Nase gehalten wird, auf dass die den Karren noch ein wenig weiter den Berg hinaufzieht.

Ein weiteres Kennzeichen des Influencerunwesens ist dessen völlige Ironiefreiheit. Das komme gut an bei einer Generation, die Mikroaggressionen maximal ernst und sich selbst viel zu wichtig nehme. Der in den Neunzigern noch gefeierte Sarkasmus eines Harald Schmidt würde heute genauso wenig funktionieren, ist sich Wolfgang M. Schmitt sicher, wie die sich selbst nicht allzu ernst und die vo ihr angepriesenen Produkte bisweilen sogar auf die Schippe nehmende Werbung jener Zeit.

In ihrer eindimensionalen Direktheit seien die Influencer aber auch »furchtbar antiaufklärerisch«. Ihre Ansprache richte sich an keine souveränen Bürger, die ihre Kaufentscheidung hinterfragen, sondern an permabegeisterte und stets nach dem neuesten Accessoire für die eigene Selbstinszenierung gierende Performancer.

Kritik, so Schmitt, sei ebenso unerwünscht, wie politische Positionen. Deshalb könnten Influencer auch in repressiven Systemen wie China problemlos zu Stars für ein Millionenpublikum werden oder sich gleich im Dutzend aus Deutschland nach Dubai locken lassen, wo Menschen zwar gefoltert werden, die Steuern aber angenehm niedrig sind. Influencer seien stets systemstabilisierend. Und wenn unterm Strich eh alles wurscht ist, dann kann schließlich auch die Volksbank mit »Black life matters« -Banner und Regenbogenfahne für nachhaltiges Wachstum werben.

Das die gute alte Kulturkritik von einem neuen Publikum so begeistert aufgenommen wird, straft Schmitt zum Glück immerhin partiell Lügen. Daran ist er nicht unschuldig.

Sein menschenfreundlicher, sympathisch eitler aber unelitärer Auftritt in einem offenbar aus dem Nachlass von Tom Wolfe stammenden, lachsfarbenen Anzug, der in einer gnadenlos durchgesungenen Karaoke-Version eines Volker-Lechtenbrink-Schlagers gipfelte, lässt die bittere Medizin leichter ins eigene Hirn einsickern.

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