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»Die Stimmung ist gedrückt«

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Anna Conrad © Stephan Scholz

Die »Tafel Gießen« hat Strafanzeige wegen Lebensmitteldiebstahls gegen drei bis vier Mitarbeiter gestellt.

Gießen. Lkws entladen, Ware verräumen, Kunden empfangen - Normalbetrieb bei der »Tafel Gießen« am Mittwoch. Aber »die Stimmung bei unseren Mitarbeitern ist sehr gedrückt«, berichtet Organisationsleiterin Anna Conrad. Am Dienstag hat sie die Ehrenamtlichen über die Diebstähle von »Tafel«-Lebensmitteln informiert, die auch in der vergangenen Woche bekannt wurden. Die Enttäuschung über den »Vertrauensbruch« einer Gruppe von drei bis vier Helfern der Einrichtung des Diakonischen Werks Gießen ist der Leiterin immer noch anzumerken. Mehr noch: »Unsere Ehrenamtler erzählen, dass sie auch in ihrem privaten Umfeld angesprochen werden. Der eine oder andere hat erzählt, dass er zu hören bekommt: Du klaust ja auch. Es schmerzt mich natürlich sehr, dass jetzt 99 Prozent der Ehrenamtlichen darunter leiden müssen, was eine kleine Gruppe organisiert, geplant und durchgeführt hat«, betont Conrad. Auf Nachfrage berichtet das Polizeipräsidium Mittelhessen, dass zu den Diebstählen eine Anzeige vorliegt. Die Ermittlungen laufen.

Es ist ein Hinweis aus der Bevölkerung, der Conrad und Holger Claes, Leiter des heimischen Diakonischen Werks, in der vergangenen Woche auf den Plan ruft. Das »Tafel«-Auto werde »in gewissen Abständen in einem Wohngebiet gesichtet, wo es nichts zu suchen hat. Wir konnten mit den Tippgebern die Gegend und die Zeitpunkte etwas eingrenzen«. Man habe sich schließlich auf die Lauer gelegt, um den Tipp zu überprüfen. Am vergangenen Donnerstag hatte Claes schließlich Erfolg. »Wir wollten das Ganze schnell aufklären und konnten gemeinsam mit der Polizei, die wir verständigt haben, auf einem Gartengrundstück Ware von der ›Tafel‹ sicherstellen. Die Ware stammt von einem Großhändler. Auf der Fahrt vom Händler zurück in unsere Einrichtung ist man dort stehengeblieben, hat die Ware abgestellt und später wieder abgeholt. Wir können nur spekulieren, was mit der Ware geschehen sollte. Ob sie nur für den Eigenverbrauch war oder anderweitig veräußert wurde, wissen wir nicht. Das ist Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen«, führt die Leiterin aus. Man habe sofort Hausverbot erteilt und Strafanzeige gestellt. Conrad: »Seit 16, 5 Jahren gibt es die ›Tafel‹ in Gießen. So einen Fall haben wir hier noch nicht erlebt.«

Noch ist das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Gießen nicht angekommen. Nach dem, was bereits öffentlich bekannt ist, nimmt Staatsanwalt Rouven Spieler aber eine erste juristische Einordnung vor. »Je nach Einzelfall kommt hier ein Diebstahl, eine Unterschlagung, eine veruntreuende Unterschlagung (ein Sonderfall der gewöhnlichen Unterschlagung mit höherer Strafandrohung) oder eine Untreue in Betracht«, so Spieler.

Diebstahl, Unterschlagung oder Untreue

Die Tatsache, dass die Lebensmittel der Tafel geschenkt werden sollten, ändere an der Erfüllung der Tatbestände nichts, da die bisherigen Eigentümer der Lebensmittel nicht das Eigentum an den Lebensmitteln aufgegeben hätten, sondern jene explizit der ›Tafel Gießen‹ übereignen wollten, erklärt der Staatsanwalt. »Das kann man mit dem Herausstellen von Mülltonnen vergleichen: Man möchte in diesen Fällen ja auch nicht, dass der Nachbar sich den Papiermüll schnappt (und ihn sichtet), sondern dass das Entsorgungsunternehmen ihn der Verwertung zuführt« erläutert der Jurist. Für die Abgrenzung von Diebstahl, Unterschlagung und Untreue komme es auf die konkrete Stellung der Einzelpersonen bei der »Tafel Gießen« an und der konkreten Ausgestaltung von deren Auftrag. Am wahrscheinlichsten erscheine, dass es sich um einen Fall der veruntreuenden Unterschlagung gemäß Paragraf 246 Absatz 2 des Strafgesetzbuches handele. »Hier droht Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren«, resümiert der Staatsanwalt.

Den Wert der am vergangenen Donnerstag entwendeten Waren schätze man auf 350 bis 400 Euro. »Aber der emotionale Schaden, der uns dadurch entstanden ist, wiegt viel schwerer. Wir arbeiten mit Vertrauen. So funktioniert die ›Tafel‹-Arbeit mit den Ehrenamtlichen. Ohne Vertrauen geht es nicht. Dass unser Vertrauen ausgenutzt, und Ware den Bedürftigen weggenommen wurde, wiegt schwer. Umso schwerer ist es für mich zu diesem Zeitpunkt, nachdem wir erst vor Kurzem zu Spenden wegen Lebensmittelknappheit aufgerufen haben«, unterstreicht Conrad. Dennoch halte die Einrichtung an der Vertrauenskultur fest. »Es wäre sehr schwierig, Kontrollmechanismen einzuführen, weil wir keine detaillierten Beschreibungen von den Händlern bekommen. Auch sie wären schwer zu kontrollieren. Wir wollen weiterhin vertrauen. Natürlich werden wir schauen, ob bestimmte Prozesse angepasst werden können. Ob wir vielleicht bestimmte Touren neu oder rotierend besetzen«, fasst die Organisationsleiterin zusammen. Im Regelbetrieb versorge die »Tafel« derzeit 850 Haushalte und damit über 3500 Menschen. An Personen, die kurzfristig in Notlagen gekommen seien, habe die Einrichtung zwischenzeitlich 1500 Notfallpakete ausgegeben. Foto: Scholz

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Die »Tafel Gießen« versorgt Bedürftige mit Lebensmitteln. Derzeit sind das rund 850 Haushalte. Foto: Scholz © Scholz

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