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»Die Versöhnung mit dem Bösen«

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Von: Petra A. Zielinski

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Auf Einladung der Arbeitsstelle für Holocaustliteratur an der JLU sprach Holocaustüberlebender Dr. Leon Weintraub in Gießen. Foto: Zielinski © Zielinski

Der 96-jährige Leon Weintraub berichtet an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur in Gießen vom Leben und Überleben während der Zeit des Nationalsozialismus.

Gießen. »Das Gewebe unter der Haut ist bei allen Menschen absolut identisch«, betonte Dr. Leon Weintraub. Auf Einladung von Prof. Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität (JLU), erzählte der 96-jährige Holocaust-Überlebende und Mediziner aus seinem Leben.

Als fünftes Kind einer jüdischen Familie wurde Weintraub am 1. Januar 1926 in Lodz geboren. Als sein Vater 1927 starb, weigerte sich seine Mutter wieder zu heiraten und zog ihn und seine vier Schwestern allein groß. »Unsere kleine Wäscherei war Arbeitsplatz und Behausung zugleich«, erinnert er sich. »Nur durch Bildung hatte ich die Möglichkeit, eine andere Welt zu betreten.« Zum geplanten Besuch eines Gymnasiums kam es jedoch nicht.

Denn gerade mal 13 Jahre alt musste er am 8. November 1939 den Einmarsch der Wehrmacht in Lodz miterleben. »Das Geschmetter der Stiefel ging mir durchs Knochenmark«, berichtet er. 1940 war er gezwungen mit seiner Familie in das Ghetto Lodz/Litzmannstadt umzusiedeln. »160 000 Einwohner von Lodz wurden dort zusammengepfercht. Wir mussten uns mit acht Personen ein Zimmer teilen.« Vom September 1939 bis April 1945 habe er sich nur einmal satt essen können.

Bis zur Liquidierung des Ghettos 1943 arbeitete Weintraub dort - »gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten« - zunächst im Bereich Metall, später dann in der Galvanisation einer Fabrik. »Einwohner, die von den Nazis als nichtproduktiv eingestuft waren, wurden einfach mitgenommen.« Innerhalb von nur wenigen Tagen seien 15 000 bis 20 000 Menschen einfach verschwunden.

Im August 1944 wurden die Weintraubs mit einem Güterzug ins Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert. »Noch heute klingt die Stille im Zug in meinen Ohren«, stellte der Mediziner fest. Dort angekommen seien die Menschen in zwei Gruppen eingeteilt worden. »Daumen rechts bedeutete Tod, Daumen links Arbeit«, berichtet Leon Weintraub. Seine Schwestern und er seien nach links gekommen. Dort sollte auch seine Mutter hin, die allerdings von ihrer, nach links eingeteilten, Schwester festgehalten wurde. »An diesem Tag habe ich meine Mutter das letzte Mal gesehen.«

Dann habe die »Entmenschlichung« mit Duschen, Haarentfernung und Kleiderausteilung - »Pyjamas, die wie Kostüme aussahen« - begonnen. Bei der groben Rasur sei das ein oder andere Mal auch Haut mitentfernt worden. Sofort aufgefallen sind Leon Weintraub, der als »Maststeiger« arbeitete, zwei Schornsteine, aus denen »übelriechender Rauch« aufstieg. »Ich habe unmenschliche Hinrichtungen erlebt.«

Auch er selbst war für den Tod durch Vergasung vorgesehen, doch ihm gelang die Flucht, in dem er sich als Arbeitshäftling illegal einem Gefangenentransport anschloss, der aus dem Lager beordert worden war. Nach drei Tagen ohne Essen und Trinken und durch Eis und Schnee kam Weintraub im Konzentrationslager Groß-Rosen an, wo er als Elektriker arbeitete. Am 25. Februar 1945 erfolgte die Verlegung in das Konzentrationslager Flossenbürg. »Wir waren dort in Baracken untergebracht und mehr tot als lebendig.«

Am 22. März wurde Leon Weintraub in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof/Offenburg gebracht. »Dort musste ich die Wäsche der Wachen waschen.« Einmal sei etwas zerrissen und er habe dafür Schläge bis zur Ohnmacht bezogen.

Als die französische Armee näherkam, trieben die SS-Truppen die Häftlinge weiter ins Landesinnere. Auf dem Weg Richtung Bodensee gelang Leon Weintraub und anderen Häftlingen die Flucht, nachdem ihr Zug von einem Jagdbomber beschossen wurde. Als sie Soldaten sahen, sei die Angst groß gewesen, so lange bis diese sie mit »Comment ca va?« begrüßt hätten.

Am 23. April kam die ausgezehrte Gruppe in Donaueschingen an, wo sie im »Gasthaus zur Sonne« erstmals wieder in Federbetten schlafen konnten. »Ich habe mich aber auf den Boden gelegt, da ich nicht mehr gewöhnt war in einem weichen Bett zu liegen.« Durch Fleckfieber stark geschwächt, musste Weintraub bis Juni in einem Krankenhaus in Donaueschingen bleiben. »Danach begann mein Weg zurück ins Leben.«

Durch Zufall traf er zwei Frauen, die wussten, dass drei seiner Schwestern noch im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen lebten. Per Autostopp gelangte er dorthin. Am 11. November 1946 nahm Leon Weintraub - obwohl er nur sechs Jahre die Grundschule besucht hatte - sein Medizinstudium in Göttingen auf. »Nach dem vierten Semester fiel auf, dass ich kein Abiturzeugnis habe«, erzählt er. Das holte er 1948 mit Unterstützung seiner ersten Frau, der deutschen Slawistin Katja Hof, nach.

Ab 1950 arbeitete Leon Weintraub in einer Warschauer Frauenklinik, 1966 folgte die Promotion. In Folge eines zunehmenden Antisemitismus in Polen emigrierte er 1969 mit seiner Familie nach Schweden, wo er heute - in zweiter Ehe verheiratet - noch lebt. Seine erste Frau starb 1970 in Stockholm.

»Ich freue mich immer vor jungen Deutschen zu sprechen und von meiner Vergangenheit zu erzählen«, erklärte Dr. Leon Weintraub. Nur eine von fünf Personen aus seiner großen Verwandtschaft habe den Holocaust überlebt. Seine Erinnerungen hat der Mediziner in dem erst kürzlich erschienenen im Buch »Die Versöhnung mit dem Bösen - Geschichte eines Weiterlebens« festgehalten. »Es ist die Geschichte einer Versöhnung mit unsagbarem Leid - aber auch eine Mahnung«, sagt er. Sascha Feuchert hat umfangreiche Annotationen zur deutschen Übersetzung hinzugefügt.

Leon Weintraub/Magda Jaros, Die Versöhnung mit dem Bösen - Geschichte eines Weiterlebens, Aus dem Polnischen von Jan Obermeier, Wallstein Verlag, Göttingen 2022, 292 Seiten.

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