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Die Welt als Insel

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Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk entwirft mit seinem neuen Roman ein großes Zeitpanorama aus dem frühen 20. Jahrhundert. Foto: dpa © dpa

»Die Nächte der Pest«: Bei diesem Romantitel drängen sich sofort zwei Verbindungen auf: zum einem die seit mehr als zwei Jahren weltweit grassierende Pandemie. Zum anderen Albert Camus, ein zweiter Literaturnobelpreisträger, der sich dieses Themas annahm und mit »Die Pest« einen Klassiker schuf. Doch auch wenn Orhan Pamuk in seinem neuen Buch vom Leben und Sterben mit einer alle und alles erfassenden Seuche erzählt, ist es doch ein Werk geworden, das einen ganz eigenen literarischen Weg einschlägt - indem es auf rund 700 Seiten eine kleine, geschlossene Welt entstehen lässt.

Fertiggestellt hat der große Erzähler es überdies gerade, als Corona die Welt zu erobern begann.

1901 in der Ägäis

Seine Geschichte siedelt Pamuk im Jahr 1901 an, die Ägäis-Insel Minger wird über einen Statthalter aus der Hauptstadt des Osmanischen Reichs regiert. Um sie zu verorten, gibt es gleich zu Beginn des Buchs eine gezeichnete Karte der Hauptstadt Arkaz, auf der all ihre Bezirke verzeichnet sind. Doch trotz dieser enormen Detailfreude sind Arkaz und Minger Erfindungen des 1952 geborenen Schriftstellers, der sich fortan mit großer Verve und Akribie der Schilderung dieses auf umfangreicher Recherchearbeit zu Zeit und Region basierenden Ortes widmet.

Arkaz und sein Umland sind auch weitgehend die einzigen Schauplätze dieses Romans, der dafür umso mehr Personal versammelt, mit dem er ein Gesellschaftspanorama zusammenfügt. Die laut Pamuk von ihrer Größe und Vegetation her Kreta ähnelnde Insel wird dabei zu einer Art trügerischem Arkadien, in dem die zumeist einfachen Menschen weitgehend friedlich miteinander leben. Oder doch eher: nebeneinander her. Denn außer der Mehrheit der Türken, die sich dem Sultan im fernen Konstantinopel verpflichtet fühlen, gibt es auch viele Griechen, deren Nationalbewusstsein sich zu Beginn des Jahrhunderts gerade verstärkt herausbildet. Aber auch die europäischen Kolonialmächte versuchen, über ihre nach Minger entsandten Konsuln mehr und mehr Einfluss zu nehmen. Die Tragödie des Ersten Weltkriegs, der die Völker endgültig voneinander trennen wird, steht den Menschen also erst noch bevor.

Da bricht die Pest aus und der Sultan schickt einen erfahrenen Infektionsarzt auf die Insel, um eine Ausbreitung auf das gesamte Osmanische Reich zu verhindern. Doch der Mediziner wird schon bald von Unbekannten ermordet, während sich die Seuche immer weiter ausbreitet, sodass Minger unter Quarantäne gestellt wird. Diese Entscheidung des Sultans birgt enorme Sprengkraft für das gesellschaftliche Zusammenleben. Denn die Insulaner sind nun Gefangene ihrer Heimat ebenso wie der unheimlichen Krankheit, die vor niemandem Halt machen wird. Und bald regiert das Chaos.

Orhan Pamuk macht eine Historikerin von heute zur Erzählerin dieses Dramas, die rückblickend immer wieder Entwicklungen sortiert und bewertet. So entsteht eine etwas distanzierte Perspektive, die auch durch die (vermeintlich) wichtigste Quelle des Geschehens erzeugt wird: die junge Frau eines Quarantänearztes, die regelmäßig Briefe an ihre Schwester schickt.

Doch keine der zahlreichen im Laufe der Handlung auftauchenden Personen wird zur zentralen Figur des Romans. So bleiben die unterschiedlichen Charaktere zumeist ein wenig zu flach und blutleer, und häufig sind sie auch bald schon wieder tot, nachdem man sie als Leser kennengelernt hat. Dafür gelingt Pamuk mit seinem süffig zu lesenden Buch ein anderes Kunststück: Er zeigt, welch unterschiedliche Persönlichkeiten die Menschen im Angesicht der existenziellen Krise entwickeln: Liebe und Hass, Mitgefühl und Opportunismus, Engagement und Fatalismus - all das ist hier zu erkennen. Und sorgt in seiner Vielschichtigkeit dafür, dass dieser Roman gegen Ende eine enorme Wucht entwickelt. So entsteht, Pest hin, Corona her, der Eindruck einer Art ewiger menschlicher Schicksalhaftigkeit. Diese Insel Orhan Pamuks ist die ganze Welt - und alles andere als eine Fiktion.

Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest. 696 Seiten. 30 Euro. Hanser.

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