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Die Würde des Kellners

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Das ehemalige Frankfurter Parkhotel nahe des Hauptbahnhofs ist der zentrale Schauplatz von Leopold Tyrmands Roman »Filip«. Noch heute wird das prächtige Gebäude als Luxushotel genutzt. © Gauges

Leopold Tyrmand (1920 - 1985) zählte zu der seltenen Sorte Menschen, die von einem unbedingten, gegen alle Regeln ankämpfenden Freiheitsdrang angetrieben werden. Und das in einer Zeit, die von der totalen Unfreiheit geprägt war. Doch inmitten des Zweiten Weltkriegs hat ihm diese Kompromisslosigkeit gegen alle Wahrscheinlichkeiten das Leben gerettet.

Die faszinierende Überlebensgeschichte des polnischen Juden steckt in dem autobiografischen Roman »Filip«, der 1961 in seinem Heimatland erschien, dort wenig Beachtung fand und bald in Vergessenheit geriet. So liegt er erst jetzt in deutscher Übersetzung vor - es ist eine schier unglaubliche literarische Entdeckung.

Späte Entdeckung

Der in Warschau aufgewachsene Tyrmand entstammt einer Familie bürgerlicher, assimilierter Juden. Nach der Besetzung und Teilung seiner Heimat durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion floh er nach Wilna (Litauen), schloss sich einer Untergrundorganisation an und wurde von der Roten Armee verhaftet. Ihm glückte die Flucht und er entschloss sich, den Furor des Krieges im Auge des Orkans zu überstehen - in Hitler-Deutschland. Mit falschen Papieren ausgestattet, landete er schließlich in Frankfurt, wo er sich aufgrund seiner hervorragenden Sprachkenntnisse als Franzose ausgab und eine Stelle als Kellner im luxuriösen Parkhotel ergatterte.

Diesen kurzen Ausschnitt seiner bewegten Biografie, wenige Monate des Jahres 1943, machte der Schriftsteller zur Vorlage für den Roman »Filip«. Es ist zum einen die Geschichte eines 23-Jährigen, der seine Identität ebenso geheimhalten wie seinen Hass gegenüber den Deutschen unterdrücken muss. Gleichzeitig schafft »Filip« das dichte Porträt einer Großstadt, deren Puls noch immer bemerkenswert gleichmäßig schlägt, kurz bevor sie selbst von den Schrecken des Krieges erreicht wird.

Das voluminöse Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste schildert Filips Leben zwischen Küche und Speisesaal des unter anderem Namen bis heute existierenden Parkhotels nahe des Hauptbahnhofs, zwischen seinem Wohnheim und Ausflügen an den Main und in den nahen Taunus. Denn dieser junge Mann schafft es dank seiner Cleverness nicht nur, streng rationierte Lebensmittel und teuren Wein beiseitzuschaffen. Ihm gelingt es auch, mit diesen Lockmitteln deutsche Mädchen zu verführen, die längst nur noch konsumieren können, was ihnen die knappen Lebensmittelkarten zugestehen.

Dennoch geht das Leben in der Stadt in diesem Sommer 1943 einen weitgehend normalen Gang. Bombenangriffe sind zunächst noch mehr ein Gerücht als Realität. Und Filip treibt sich lässig im Mainstrandbad »Nizza« herum, spaziert durch die Straßen, besucht Cafés und Lokale, trifft Freunde und Frauen. Und als wacher und instinktsicherer Beobachter gelingt es ihm bald, die wahren Nazis von den Opportunisten und Mitläufern der Stadtgesellschaft zu unterscheiden. Zu den Höhepunkten des Buchs zählt die Szene, in der er als Kellner bei einer Hochzeitsgesellschaft der Oberschicht arbeiten muss - und die ganze Korrumpiertheit und Verlogenheit dieser vermeintlichen Eliten entlarvt.

Es ist quasi der Alltag im dauerhaften Ausnahmezustand, den Schriftsteller Tyrmand in seinem Roman beschreibt. Doch dann gelingt es seinem jungen Helden irgendwann nicht mehr, diese souveräne Distanziertheit aufrechtzuerhalten - womit »Filip« inhaltlich in einen zweiten Teil übergeht. Er verliebt sich in die kluge, attraktive Hella - und seine Gefühle werden erwidert. So kämpft der junge Mann fortan nicht nur in einer weitgehend feindlichen Umgebung einen Kleinkrieg um die eigene Würde, sondern auch um eine gemeinsame Zukunft mit der jungen Frau. Ein nicht nur aussichtsloses, sondern auch gefährliches Unterfangen. Denn auf »Rassenschande« steht die Todesstrafe. Doch, wie es im Buch heißt: »Die Liebe ist, wenn man 23 Jahre alt und vom Schicksal geschlagen ist, eine der zentralen Voraussetzungen der Existenz.«

Blick auf die Stadt

Tyrmand fügt dem Großthema Nationalsozialismus mit diesem Buch einen außergewöhnlichen Beitrag hinzu. Er zeigt die Perspektive eines jungen Mannes, der nicht als geschundenes Opfer sondern als widerständiger, selbstbewusster, cleverer Antipode eines übermächtigen Gewaltregimes ums Überleben kämpft. Filip bewegt sich dabei in Nischen, von deren Existenz man als Leser bis dahin kaum eine Ahnung hatte. So ist dieses Buchs Leopold Tyrmands, dessen bewegte Lebensgeschichte ein weiteres Buch wert wäre, eine der großen literarischen Entdeckungen des Jahres 2021.

Leopold Tyrmand: Filip. 500 Seiten. 24 Euro. Frankfurter Verlagsanstalt.

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