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Diese Gleichung geht nicht auf

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Coronakidz_ov_140122 © Red

Nicht logisch, aber angenehm: Das Schultestheft als Ferien-Eintrittskarte für die Kinder.

Gießen. Corona ist wie ein mieser Lehrer. Unberechenbar, mal grantig und kratzbürstig, zu manchen richtig bösartig, dann wieder harmlos auftretend, um dem einem oder anderen hinterrücks doch noch eine zu verpassen. Corona lehrt uns das Fürchten wie der Mathelehrer, der mich anno dazumal an die Tafel rief. Er wusste, dass ich nichts weiß. Und ich wusste, dass er weiß, dass ich nichts weiß. Und so stand ich käseweiß oder kreidebleich vor unlösbaren Aufgaben. Setzen, sechs. Oder doch ne Mitleids-Fünf?

Man lernt nie aus (außer in Mathe, wenn man es später nicht braucht), Corona führt uns das tagtäglich vor Augen. Zum Beispiel in den Weihnachtsferien. Das Testheft, in das im besten Falle dreimal wöchentlich das (ebenfalls im besten Falle) negative Ergebnis des Sars-Cov-Antigentests in der Schule eingetragen wird, war auch mittenmang in den Ferien von den (noch nicht komplett geimpften) Kindern mitzuführen und galt als Eintrittskarte für Kaufhaus, Restaurant und Kino. Hat der Herr Lorz sich ausgedacht, oder sonst einer aus dem hessischen Kultusministeriums-Land.

Das ist so gesehen eine nette Geste, weil es den pandemiegebeutelten Kindern einen Stäbchen-Einsatz in der Nase ersparte, aber ein virologischer Sinn ist darin nicht zu erkennen. Weil der letzte Schultag am 22.12. war, ist der Negativnachweis von diesem Tag kein Garant für Corona-Freiheit am 29.12. Das versteht man sogar ohne Mathekenntnisse. Im benachbarten NRW (kurz für Nordrhein-Westfalen) galt beispielsweise das Testheft nicht, um ans wohlverdiente Kinderschnitzel zu kommen. Da war ein aktueller Test gefordert. Der Föderalismus fö(r)dert manch seltsame Ungereimtheiten zutage. Ehrlich gesagt war uns die Hessenlösung lieber, man kann ja auch zuhause nochmal seine privaten Wattestäbchen die Nasenschleimhaut begutachten lassen, aber logisch ist es nicht. Für die Schul- und Kita-Kinder indes, die bis dahin noch nicht vollständig geimpft waren, war das ähnlich überraschend, als würde man mit einem abgelaufenen Reisepass in die USA einreisen dürfen.

Doch Corona lehrt uns nun bald im dritten Jahr, dass es gerade im Schulwesen nichts gibt, was es nicht gibt. Dass vor allem von oben nach unten die Verantwortung weitergereicht wird, sodass am Ende der Nahrungskette zumeist die Schulleiter und Lehrer gekniffen sind, weil sie ständig wechselnde Beschlüsse ebenso auszubaden haben, wie die Tatsache, dass Bildung und die »Chancen unserer Kinder« in Sonntagsreden ebenso gerne hochgejubelt werden, wie sie im Alltag unterrepräsentiert und -finanziert sind. Übrigens haben Schweizer Forscher herausgefunden, dass so ziemlich alles, was mit den Schulschließungen im letzten Frühjahr einherging, negative Folgen für Kinder und Jugendliche hatte. Fehlende soziale Kontakte, weniger Stoff gelernt, Ängste, depressive Verstimmungen, Gewalt zuhause.

Aber eins, so heißt es in einem Artikel des »Spiegel«, sei schlichtweg positiv: Die Kinder konnten länger schlafen, waren ausgeruhter und hellwach in den Homeschooling-Stunden. Weil der Weg mit Rad oder Bus zur Lehranstalt doch länger ist, als aus dem Bett an den Schreibtisch zu fallen (Zähneputzen nicht vergessen!).

Vielleicht lernen wir aus dieser Corona-Zeit wenigstens, diese immer wieder auftauchende Forderung von Kindern, Jugendlichen und Lehrerverbänden umzusetzen. Preußisch-pünktlich vor acht Uhr in den Schulbänken sitzen zu müssen, ist nicht hilfreich. Eine Stunde später tut es auch. Und macht’s besser. Kann man ja testen. Auch ohne Testheft.

In der Reihe »Corona-Kids« widmen sich die Anzeiger-Redakteure Rüdiger Dittrich, Jasmin Mosel und Björn Gauges dem Thema Kinder in der Pandemie.

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Corona lehrt und das Fürchten wie manch einen Schüler einst die Mathelehrer. © dpa

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