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Dietlind Grabe-Bolz sagt »tschüss«

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Emotionaler Moment: Die Gäste im Stadttheater würdigen Dietlind Grabe-Bolz mit stehenden Ovationen. © Friese

Als Dietlind Grabe-Bolz mit der Amtskette des Gießener Oberbürgermeisters auf ihren Nachfolger zugeht, entfaltet sich die Tragweite des Augenblicks. Der Wechsel an der Rathausspitze ist vollzogen.

Gießen. Als Dietlind Grabe-Bolz mit der Amtskette des Gießener Oberbürgermeisters auf ihren Nachfolger zugeht, entfaltet sich die ganze Tragweite des Augenblicks. Der Wechsel an der Spitze des Rathauses ist am Freitagnachmittag im Stadttheater offiziell vollzogen, auch wenn das Amt erst kurz nach Mitternacht am Montag an Frank-Tilo Becher übergeht. »Ich empfinde sehr viel Dankbarkeit, aber auch viel Wehmut«, sagt die Sozialdemokratin im Großen Haus. Dort findet die Übergabe als 2G-plus-Veranstaltung statt. Das bedeutet, dass Teilnehmer genesen oder geimpft und getestet sein müssen. Um die Abstände einzuhalten, sind die Reihen im Zuschauerraum stark gelichtet. »Jetzt ist es soweit. Wir sind bei der Amtsübergabe angekommen, auch wenn mein Antritt förmlich auf der anderen Seite des Wochenendes liegt«, wendet sich Becher an die Zuschauer.

Zwölf Jahre an der Spitze

»Wow, was für ein Abschied«, freut sich der langjährige evangelische Dekan über den Beifall für seine Vorgängerin. Dabei soll das große Finale erst noch kommen. Denn als der offizielle Akt vollzogen ist, und die Sozialdemokratin ihre Abschiedsurkunde aus den Händen von Stadträtin Gerda Weigel-Greilich erhalten hat, erheben sich die Zuschauer von den Plätzen. Minutenlang gibt es stehende Ovationen für die scheidende OB, die zwölf Jahre an der Spitze der Stadtverwaltung gestanden hat. »Ich sage tschüss. Wir sehen uns in einem anderem Rahmen«, spricht eine sichtlich gerührte Politikerin ihre Gäste an. Und dann hat der Nachfolger das Wort.

»Ja, Dietlind, Du hast das Amt mit Würde getragen und Du verlässt es mit Würde«, erklärt Becher. Es handele sich nicht um eine Würde, die im Rathaus gethront habe. Sie habe sich vielmehr in Empathie und Respekt gegenüber den angesprochenen Bürgern ausgedrückt. »So warst Du als Oberbürgermeisterin mit dem Fahrrad unterwegs und auf dem Markt mittendrin, und im Rathaus später dann mit Leidenschaft und Sachverstand am Werk.« Er habe sie in den vergangenen zwölf Jahren als »seine« Oberbürgermeisterin so erlebt und deshalb so sehr ins Herz geschlossen wie viele andere in Gießen auch, betont der Sozialdemokrat. Freuen würde er sich, wenn man dies am Ende seiner Amtszeit auch über ihn sagen würde. Denn »ich glaube fest daran, dass genau diese Empathie für Menschen gebraucht wird, um eine Stadt gut zu gestalten.« Diese Auffassung teilten Vorgängerin und Nachfolger, ebenso wie manche andere Sicht auf die Stadt. »Es ist eine Amtsübergabe offener und vertrauensvoller Worte«, berichtet der Gießener. Für ihn als Nachfolger könne die Situation nicht besser sein: Klarheit, Offenheit, Unterstützung und Motivation prägten die Übergabe, wofür er sehr dankbar sei.

Er selbst wolle die Gesellschaft der Stadt zusammenhalten, was letztlich aber auch harte Arbeit bedeute. Das gelte gerade in der Pandemie, die »sich niemand von uns ausgesucht hat und für die niemand etwas kann. Sie ist eine harte Realität, mit der wir umgehen.« Er trete sein Amt in einem Moment an, der viele Krisen in sich trage: in den Familien, den Kindertagesstätten, den Schulen und Hochschulen, den Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und den Geschäften sowie in der Erstaufnahmeeinrichtung. Unterstützen und Helfen sei in dieser Zeit eine Angelegenheit der ganzen Gesellschaft, nicht nur des Staates. »Wir unterstützen und helfen, wenn wir uns impfen lassen, an Hygieneregeln halten und uns mit Tests unserer Situation immer wieder vergewissern. Ich sage auch das deutlich: Wer für sich selbst sorglos damit umgehen möchte, der soll sich bitte bewusstmachen, wie sehr damit andere Menschen in Not und Sorge gestürzt werden«, unterstreicht der neue Chef im Rathaus. Die Überschaubarkeit der Stadt Gießen könne helfen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt auch in komplizierten Zeiten nicht zu verlieren und füreinander aufmerksam zu sein. »Das werden wir brauchen angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen.« Dazu zählt Becher vor allem die Entwicklung der sozial gerechten, nachhaltigen, produktiven, kreativen und innovativen Stadt. An den Feldern wolle er sich ausrichten.

Diese großen Themen stünden zudem immer mehr in regionalen oder überregionalen Zusammenhängen. »Wir brauchen deshalb das planvolle und vertrauensvolle Miteinander von Stadt und Landkreis, speziell vielleicht auch in der Triangel Gießen, Wetzlar, Marburg.« Das betreffe nicht nur Corona, sondern etwa auch Klimaschutz, Verkehrsentwicklung oder Digitalisierungskonzepte. »Wir werden uns da immer wieder gemeinsam hinsetzen müssen und auch gegenüber Wiesbaden und Berlin die kommunale Seite stärken.«

»Für ein buntes Gießen«

Sie habe das schönste Amt gleich nach dem Papst gehabt, erklärt Grabe-Bolz lächelnd. »Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich ›mein Gießen‹ immer wieder neu kennenlernen, und sein Leben und seine Zukunft mitgestalten durfte.« Zu den wichtigen Themen ihrer Amtszeiten zählt sie die Einrichtung des Runden Tischs »Problemgruppen«, die Bürgerbeteiligungssatzung, sowie die Schaffung eines Investitionsprogramms für den Wohnungsbau mit dem Volumen von zwölf Millionen Euro. Insgesamt spricht Grabe-Bolz von einer prosperierenden Entwicklung der Stadt, die am Ende ihrer Amtszeit auch über stabile Finanzen verfüge. Als Kern des politischen Verständnisses der langjährigen Magistratskollegin hebt Weigel-Greilich ihr Bemühen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, hervor. Ebenso wie den »vielfältigen Einsatz« für ein buntes Gießen.

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Dank und Zauberei: Frank-Tilo Becher und Albrecht Beutelspacher verabschieden sich von Dietlind Grabe-Bolz. Natürlich ist auch die Familie zur Feierstunde gekommen. © Friese
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giloka_1112_amtsuebergab_4c_2 © Katrina Friese
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giloka_1112_amtsuebergab_4c_5 © Katrina Friese

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