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Digitale Bildung mit Herz

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Die Expertenrunde diskutierte vor laufenden Kameras im Löbershof. Foto: © Foto: Regionalmanagement Mittelhessen/Max Kramolisch

Gießen (hei). »Mit Herz und Fantasie kann digitale Bildung gelingen!« Diese zentrale Ansage im Vortrag von Psychologin und Buchautorin Verena Hasel fasste die Beiträge beim Bildungsforum Mittelhessen 2022 gut zusammen. Die Veranstaltung des Regionalmanagements Mittelhessen fand online statt und über 100 Teilnehmer beteiligten sich an dem hybriden Format, das aus dem Studio der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) im Gießener Löbershof gesendet wurde.

Wie Digitale Bildung in anderen Regionen der Welt aussieht, beschrieb der Lehrer und Bildungsforscher Alexander Brand in seinem Beitrag. Regionale Experten brachten die mittelhessische Perspektive aus Schule, Hochschule und Wirtschaft in einer Diskussionsrunde ein. Die überregionale Bedeutung der Veranstaltung machte das Grußwort der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger deutlich: »Wenn wir den Fortschritt im Land wollen, müssen wir bei der Digitalisierung in der Bildung anfangen«, sagte die hessische FDP-Politikerin.

Verena Hasel schilderte ihre Erfahrungen aus neuseeländischen Schulen: Wie »Herz und Fantasie« dort eingebracht werden, zeigte sie am Beispiel eines Schulleiters, der in der Pandemie seine Schüler im Lockdown jeden Morgen live begrüßte und dabei auch Geburtstage nicht vergaß. »Das Fundament von Lernen sind Beziehungen«, sagte die Co-Initiatorin des »wirfürschule-Hackathons« 2021. Sie appellierte auch an die Lehrkräfte, das Internet als Chance zu sehen. »Wer das Netz als notwendiges Übel ansieht, kann keinen guten digitalen Unterricht machen.«

»Bildungsmeister«

Wie sich die Digitalisierung auf die Lernkultur in anderen Ländern auswirkt, wollte der Lehrer und Bildungsforscher Alexander Brand ergründen und nahm dabei vor allem die »Bildungsmeister« in Skandinavien, das Baltikum und Asien in den Fokus. So sei in Estland die »zuverlässige« digitale Ausstattung der Schulen auch ein Ergebnis der notgedrungenen Digitalisierung des Landes nach der Unabhängigkeit, bei der vor allem Kosten und Effizienz eine Rolle spielten. In Finnland werden auch Abiturprüfungen digital abgenommen und Lehrende tauschten sich landesweit per App aus. Und in Singapur gab es bereits 1997 einen ersten »Masterplan zur Digitalisierung«.

Allerdings sei zwar die Digitalisierung in den von ihm besuchten Ländern »gelebte Realität«, dennoch habe er auch dort »träge Systeme« erlebt, in denen eher traditionell frontal unterrichtet als das »Fächergrenzen durchstoßen werden«. Um eine kognitive Aktivierung der Schüler zu erreichen, sei wichtig, wie digitale Medien eingesetzt werden.

Eine den Keynotes folgende Podiumsdiskussion gab Gelegenheit, digitale Bildung aus den unterschiedlichen regionalen Blickwinkeln von Hochschule, Schule und Wirtschaft zu beleuchten. »Solange wir noch die Frage stellen: ›Wie unterrichten Sie denn digital?‹, steht immer noch die Technik im Vordergrund«, sagte Prof. Dr. Evelyn Korn, Vizepräsidentin der Marburger Philipps-Universität. Am liebsten würde sie das Audimax abreißen und durch Räume ersetzen, in denen Studierende digital und real in unterschiedlichen Gruppen zusammenarbeiten können. Über solche Räume verfügt Thomas C. Ferber, Leiter der Richtsberg-Gesamtschule in Marburg, mit dem Konzept PerLenWerk. »Wir haben eine Insel geschaffen, die Vorbild sein könnte«, sagte Ferber. und weiter: »Wir brauchen keine neuen Fächer, wir brauchen einfach eine neue Form des Denkens«.

Die Grenzen digitaler Medien zeigte auf dem Podium Oliver Barta, Vice President Human Resources bei der Wetzlarer Bosch Thermotechnik GmbH, auf: »Bei uns findet Arbeit eben nicht nur im Büro statt.« Wichtig sei es deswegen, Berufsbilder praktisch zu erfahren, zum Beispiel durch Betriebspraktika. »Ich glaube, dass wir uns dual aufstellen müssen«, sagte Barta und wies dabei auf die Bedeutung eines überall verfügbaren und zuverlässigen Netzausbaus hin.

In vier Sessions mit den Titeln »Frauen und Digitalität - nicht ohne meine Lehrerin!«, »Widerstände überwinden - Bildungssysteme verändern«, »Wirtschaft & Schule - Berufsorientierung 4.0« und »Digitalität in der Lehre/Bildungsprozesse - Blick in die Zukunft« hatten die Gäste am Nachmittag Gelegenheit, das zuvor Gehörte und Gesehene untereinander in virtueller Runde zu diskutieren. »Digitale Medien sind nicht geeignet zu vermitteln, wie sich etwas anfühlt«, sagte Natascha Baumann von der Carl Zeiss SMT GmbH zum Thema »Berufsorientierung 4.0«. Daher seien Praktika vor Ort unabdingbar - auch, um dem Mangel an Auszubildenden entgegenzutreten. Und Jochen Leeder vom Regionalen Medienzentrum Gießen-Vogelsberg machte zu »Digitalität in der Lehre/Bildungsprozesse« deutlich, dass zunächst Lehrpläne »entschlackt« werden müssen, um Raum für Innovationen zu schaffen. Dabei sollten Ideen und Kreativität über dem Aneignen von purem Wissen stehen. »Schule muss sich zu einer Lern-Community entwickeln, in der alle von allen lernen.«

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