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Digitale Lehre an Uni Gießen: »Ein bisschen Hollywood für alle«

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Studierende der JLU kritisierten bei einer Demo im November auch die Durchführung digitaler Formate. Archivfoto: Schäfer © Red

Eine vom Kompetenzteam für Digitale Lehre an der JLU erarbeitete Handreichung enthält Tipps zur Gestaltung von ansprechenden Online-Formaten

Gießen. Ein Treffen im virtuellen Raum, die Lehrveranstaltung wird direkt aus dem WG-Zimmer angewählt. Die Corona-Krise hat diese Szene auch an der Justus-Liebig-Universität (JLU) alltäglich werden lassen. Und selbst wenn die Hochschule inzwischen wieder schrittweise in Richtung Präsenzbetrieb steuert und auf ein Abflauen der Omikron-Welle im Frühling hofft, werden die digitalen Formate wohl nicht mehr vollständig verschwinden. Dass Online-Lehre auch als Chance für einen Transformierungsprozess der Hochschule begriffen werden kann, stellte Uni-Präsident Joybrato Mukherrje bereits in der letzten Senatssitzung des vergangenen Jahres heraus. Um einen Mehrwert zu schaffen, müssen Digitale Lehrveranstaltungen allerdings auch entsprechend aufbereitet sein. Was Dozierende dabei bestenfalls beachten sollten, ist nun einer von Dr. Sabine Fritz und Dr. Maja Bärenfänger aus dem »Kompetenzteam Digitale Lehre« verfassten Handreichung zu entnehmen. Unter dem Titel »Getting closer und get involved: Digitale Nähe in der Online-Lehre gestalten« wird herausgearbeitet, wie Interaktion und Einbezug trotz fehlender Präsenz gelingen kann.

Positive Effekte

Der Einsatz digitaler Medien bietet viele Möglichkeiten. Dass diese jedoch nicht standardmäßig ausgeschöpft werden, zeigte sich zuletzt im Rahmen von Demonstrationen der studentischen Initiative »Gießen für Präsenz« im November. Das Bündnis, dem größtenteils Medizinstudierende angehören, kritisierte neben der zögerlichen Präsenz-Rückkehr an der JLU auch wenig ansprechende Online-Formate, die etwa aus reinem Frontalunterricht oder dem Download von Materialen bestünden. Auf 16 Seiten beleuchten Fritz und Bärenfänger nun die Vor- und Nachteile von Distanz-Veranstaltungen und liefern konkrete Tipps zu deren Gestaltung. So biete der digitale Raum »viele bereichernde Möglichkeiten für die Lehre«. Die Autorinnen nennen hier etwa das individuelle Lernen sowie Zeit- und Ortsunabhängigkeit.

Weitere positive Effekte, »die auch bei Rückkehr zur Präsenz niemand mehr missen möchte«, sehen Fritz und Bärenfänger in dem Einsatz vielfältiger »medialer Lernlandschaften«, wie Podcasts, Videos oder Augmented/Virtual Reality, worüber »die Vorteile echter und virtueller Welten zusammengebracht und ausgeschöpft werden«. Auf der anderen Seite der Medaille lasse das Online-Setting manche Vorgehensweisen nicht zu, die in Präsenz zu gutem Kontakt zu den Studierenden beitragen könnten. Soziale Interaktion geschehe eben oftmals »automatisch«, etwa durch einen kurzen Small-Talk vor oder nach den Veranstaltungen. Studierende treffen sich im Uni-Betrieb auf einen Kaffee und finden sich zu Gruppen zusammen. Im virtuellen Raum wird der Kontakt allerdings auf einen »minimierten audiovisuellen Kanal« heruntergebrochen. So falle es schwer »eine Beziehung zu einer Kachel« aufzubauen. Viele Dozierende beklagten außerdem, dass die Kameras der Studierenden meist ausgeschaltet blieben. Und manchmal verschwänden Studierende im wahrsten Sinne des Wortes einfach vom Bildschirm. Der Grund bleibe für die Lehrenden unklar. »Vielleicht war es nur ein technisches Problem, vielleicht fühlten sich die Studierenden auch allein oder gar verloren«. An diesem Punkt setzt die Handreichung an.

Die »Hall of Fame« bietet vor der Veranstaltung etwa eine Plattform, um den Kontakt zwischen Studierenden schon im Vorfeld zu fördern. Auf dem »Ich-Marktplatz« können sich alle mit drei Informationen zur eigenen Person vorstellen, darunter eine falsche Behauptung. Per Videokonferenz raten sie dann in Kleingruppen, welche Info nicht stimmt. Als »Ice-Breaker«, also zum warm werden, können Dozierende eine Frage im Chat beantworten lassen, zum Beispiel »Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?« Ähnlich läuft eine »Fotochallenge« ab: Alle senden etwa ein Bild ihres Arbeitsplatzes und die anderen raten, zu wem welches Foto gehört.

Analogien zum Film

In dem Block »Ein bisschen Hollywood für alle« geht es darum, die Einbindung der Kamera zu erleichtern. Gelingen kann dies beispielsweise durch »lebendige Statistik«, wie den eigenen Standpunkt durch Nähe zur Kamera anzugeben, oder der »Abstimmung via Mimik oder Gestik«. Eventuell könne außerdem die »Haltung der Studierenden zur Kamera über Analogien zum Film positiv befördert werden«, etwa durch die Gestaltung eines Trailers zum Thema oder Kurzfilmen statt klassischer Referate. Gemeinsame Pausen sollen zudem das Gemeinschaftsgefühl stärken. Zum Beispiel - wie auch im analogen Leben - durch Kaffee trinken: »Jeder holt eine Tasse und hält sie hoch.«

Abschließend machen Fink und Bärenfänger noch deutlich, dass das Bedürfnis nach sozialer Nähe nicht bei allen Menschen gleich ist. Wieviel Nähe im digitalen Setting zugelassen und wieviel Distanz bewusst aufrecht erhalten werden soll, muss demnach individuell entschieden werden Und die eingesetzten Methoden und Tools sollten natürlich zur Persönlichkeit passen, »damit Sie als Lehrende authentisch bleiben«.

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