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Digitale Schnitzeljagd

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Von: Gesa Coordes

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Geographie-Didaktiker Philipp Bengel hat den Senso-Trail entwickelt. Bis zum 20. Oktober können sich interessierte Jugendliche für die kostenlosen Touren am 25. und 27. Oktober anmelden. Fotos: Coordes © Coordes

»Senso-Trail« der Marburger Uni: Jugendliche und Studierende können selbst erfahren, wie Wissenschaftler das Ökosystem Wald erforschen.

Marburg. Wie Wissenschaftler das Ökosystem Wald erforschen, erfahren Jugendliche und Studierende auf dem »Senso-Trail« der Marburger Philipps-Universität. In den Herbstferien bietet die städtische Jugendförderung an, den ungewöhnlichen Erlebnispfad zu erkunden - Sensoren, Antennen und Drohnen inklusive.

Die 50 Jahre alte Eiche im Universitätswald sieht eigenwillig aus. Bunte Bänder haben die Forscher um ihren Stamm gewunden. Ein kleiner Kasten wurde mit der Rinde verdrahtet. Das ist der Tree-Talker. Mit einem Infrarot-Sensor misst er den Stammzuwachs, mit Ultraschall und Temperaturmessungen kommt er dem Wassergehalt und dem Saftfluss im Splintholz auf die Spur. Mehr als 100 Bäume des Universitätswaldes sind so ausgestattet. Schließlich ist er Teil des Projektes »Natur 4.0«. Dabei wird mit ausgefeilten Hightech-Methoden ein Frühwarnsystem zum Zustand des Waldes und gegen das Artensterben erarbeitet. Drohnen liefern Aufnahmen zu Waldschäden. Sensorboxen fahren regelmäßig in die Baumkronen.

»Natur 4.0«

Dabei ist der 212 Hektar große Wald zwischen Caldern, Michelbach und Dagobertshausen ein Relikt. Landgraf Philipp schenkte das von einem Bach durchflossene Areal vor mehr als 400 Jahren der Universität. Die Professoren durften sich Holz zum Heizen schlagen, die Präsidenten holten sich hier ihre Weihnachtsbäume. Heute ist der Mischwald, der sonst zum Spazierengehen, Radeln und Joggen genutzt wird, vor allem ein Forschungswald. Und wie das mit modernen Methoden funktioniert, zeigt der Senso-Trail, den der Geographie-Didaktiker Philipp Bengel mit seinem Team entwickelt hat.

»Wir wollen Wissenschaftsverständnis fördern und Methoden vermitteln«, erläutert der Forscher. Allerdings auf eine ungewöhnliche Weise. Jugendliche und Studierende gehen mit »Sensi« durch den Wald.

Der elektronische Guide führt die jungen Leute mit Sprachnachrichten, Erläuterungen und Quizfragen kreuz und quer durch das Unterholz. Bevor sie auf den Tree-Talker treffen, erklärt er Grundlagen des Öko-Systems und leitet zu einer Eiche, an der das Wachstum des Baums noch mit der herkömmlichen Methode gemessen wird - ein dehnbares Metallband, an dem sich ablesen lässt, wie stark der Stammumfang zugenommen hat. Genauer und weniger aufwändig arbeitet der Tree-Talker, an dem die Jugendlichen sogar die aktuellen Daten abrufen können: 16,34 Prozent beträgt die Stammfeuchte aktuell, also ziemlich trocken.

Weiter geht’s über schmale Pfade zur Klima-Station: Hier wird die Bedeutung des Mikroklimas erklärt, Antennen und Sensoren messen Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag, Luftdruck und Sonneneinstrahlung in Bodennähe, in mittlerer Höhe und in der Krone der Bäume. Und auch hier können aktuelle Werte abgerufen werden - am Wärmsten ist es in der Stammmitte.

An weiteren Stationen geht es um künstliche Intelligenz, Umweltmodelle und Fernerkundung - schließlich wird der Wald auch aus der Höhe mithilfe von Satelliten und Drohnen betrachtet. Dabei kann man sehen, wie einzelne Bäume innerhalb weniger Monate sterben, während andere gesund bleiben.

Im Wald verstecken sich zudem 15 Empfängerstationen für Fledermäuse, deren Flugrouten mit kleinen Sendern und Kameras aufgenommen werden. Die Jugendlichen können die verlangsamten Fledermausgeräusche sogar hören und sehen, wo sie nach Insekten jagen.

Rund 100 Schülerinnen und Schüler waren bereits auf dem Senso-Trail. Die Jugendlichen sind von der digitalen Schnitzeljagd sehr beeindruckt, berichtet Jugendbildungsreferentin Sandra Rabung: »Bei dieser Verbindung zwischen modernster Technik, echten Daten und Fragen der Umwelt und des Klimawandels lernen sie unglaublich viel über Umwelt, Wissenschaft und Technik.« Und Philipp Bengel ergänzt: »Natur und Technik sind keine Gegensätze, wenn es um die Herausforderungen unserer Zeit und unserer Zukunft geht.«

Jugendliche ab zwölf Jahre können den Senso-Trail am 25. Oktober ab 13.30 Uhr und am 27. Oktober ab 10 Uhr erkunden. Eine Anmeldung für das kostenfreie Angebot ist bis zum 20. Oktober möglich. Weitere Informationen unter www.hausderjugend-marburg.de.

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Die Mikroklima-Messstation erfasst Windstärke, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Temperatur. © Gesa Coordes

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