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»Dinge, die wir hier leider häufig erleben«

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Gießen (ebp). Mal zwei Jeans für zusammen rund 40 Euro, mal Alkohol und Zigaretten im Wert von etwa 50 Euro, später eine Winterjacke für gut 170 Euro. Weil er zwischen August und Dezember vergangenen Jahres siebenmal in Kaufhäusern und Supermärkten in Gießen und Marburg geklaut und einem Passanten am Marburger Bahnhof den Rucksack gestohlen haben soll, musste sich ein 28-Jähriger nun wegen gewerbsmäßigem Diebstahl vor dem Schöffengericht des Gießener Amtsgerichtes verantworten.

Da er bei zwei der Taten ein Taschenmesser bei sich getragen haben soll, drohten bis zu zehn Jahre Haft.

20 Zeugen waren zu der Verhandlung geladen, zwei Fortsetzungstermine angesetzt. Doch so weit kam es nicht, denn der Algerier, der seit Dezember in Untersuchungshaft sitzt, räumte die Vorwürfe ein. Das Taschenmesser habe er immer dabei und nutze es beispielsweise, um sich die Fingernägel zu schneiden. Dass er es als Waffe einsetzen wollte, davon schienen weder der Vorsitzende Richter Dr. Dietrich Claus Becker noch Staatsanwalt Alexander Hahn auszugehen. Das sichergestellte Messer sei »sehr klein«, sagte Hahn. Er habe auch so eines, »das hat man dabei und ist sich dessen gar nicht bewusst. Natürlich darf man damit nicht klauen gehen«.

Warum er immer weiter gestohlen habe, obwohl er doch bereits erwischt worden war, wollte der Staatsanwalt von dem Angeklagten wissen. Seine Clique habe ihn mitgeschleift, ließ dieser über seinen Dolmetscher mitteilen. Der Algerier, der im Juni 2021 nach Deutschland gekommen war, berichtete, wie man ihm bereits im Flüchtlingscamp erklärt habe, wie er etwa die Diebstahlsicherung an Kleidungsstücken mit Alufolie austricksen könne.

Geringer Schaden

»Es gibt Dinge, die wir hier leider häufig erleben«, sagte der Vorsitzende. Man erlaube den Asylsuchenden nicht, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und habe offenbar die »romantische Vorstellung«, dass sie die viele Zeit zum Lesen nutzen. Als Entschuldigung wollte Becker das aber nicht verstanden wissen: »Daraus entsteht nicht zwingend eine Straftätigkeit. Da gehört auch der Wille dazu.« Mit Blick auf die Schadenssumme - weniger als 600 Euro - müsse man aber »die Kirche im Dorf lassen«.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Zwar sei der Angeklagte nicht vorbestraft, eine günstige Sozialprognose sehe er aber nicht, sagte Hahn. Pflichtverteidiger Philipp Kleiner plädierte auf ein Jahr und sechs Monate.

Das Schöffengericht folgte der Forderung der Verteidigung. »Wir haben alle relativ wenig Ahnung davon, wie es in Ihrem Leben aussieht«, sagte der Vorsitzende mit Blick auf den Fluchthintergrund des Angeklagten. Es gebe jedoch »eine ganze Menge Menschen«, die ebenfalls in Deutschland Schutz suchen und nicht straffällig werden. Positiv wertete das Gericht das Geständnis des 28-Jährigen. Angesichts des Diebstahls am Marburger Bahnhof, bei dem der Angeklagte das Opfer zunächst um eine Zigarette gebeten hatte, ehe man ihm zu viert den Rucksack klaute, könne man aber »ein Fragezeichen hinter die charakterliche Eignung« des Mannes setzen. Der Angeklagte bleibt in Haft. Das Urteil ist rechtskräftig, Staatsanwaltschaft und Verteidigung verzichten auf Rechtsmittel.

Zum Zeitpunkt der Festnahme hatte der Algerier eine Duldung, nun droht ihm die Abschiebung. Sein Mandant hoffe auf einen schnellen Abschluss, um nach einer Teilverbüßung zurück in sein Heimatland reisen zu können, hatte Philipp Kleiner zuvor erklärt. Er wisse, dass er »keine Chance mehr in Deutschland« habe.

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