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Dominoeffekt bleibt aus

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Die roten Legosteine sollen ungeimpfte Personen darstellen, die gelben Bauklötze stehen für Einschränkungen, die zu einem Bruch der Infektionskette führen. Screenshot: Leyendecker © Felix Leyendecker

Gießen (fley). Hohe Inzidenzwerte trotz einer Impfquote von rund 70 Prozent? Für den Infektionsmediziner Prof. Michael Lierz, der an der Justus-Liebig-Universität (JLU) lehrt, ist das nicht überraschend. Im Gegenteil: Lierz betont die Wichtigkeit von Impfungen, vor allem die benötigte Impfquote von 90 Prozent sei ein Schlüsselelement. Dies verdeutlicht er nun mit der Hilfe von Legosteinen in einem Youtube-Video.

Der Veterinärmediziner nutzt in seinem Erklärvideo über geimpfte und ungeimpfte Personen Legosteine. Die weißen symbolisieren die Geimpften, die roten die Ungeimpften. Die weißen Steinchen sind deutlich in der Überzahl, vergleichbar mit der angestrebten Herdenimmunität. Lierz nimmt dann im Video eine mit Zahnstochern gespickte Blaubeere - das Virus. Mit der Frucht schubst er den ersten Legostein dann um, aber nur wenige Steine fallen, ein Dominoeffekt bleibt aus. »Mit vielen Geimpften kann die Infektionskette immer wieder unterbrochen werden«, sagt der 50-jährige. In einem solchen Szenario, sprich bei einer Impfquote von 90 Prozent, würden viel weniger Menschen erkranken und müssten nicht auf der Intensivstation behandelt werden. Das Problem ist jedoch bekannt: Noch ist diese 90 Prozent-Grenze nicht erreicht.

Mit Igelball und Bügelperlen Corona- Impfung erklärt

Schon zu Beginn des Jahres hatte Lierz ein ähnliches Video veröffentlicht, in dem er mit Hilfe eines Igelballs und Bügelperlen erläutert, wie die Impfung gegen Covid funktioniert. Hintergrund seines aktuellen Legostein-Videos sind Aussagen aus seinem Bekanntenkreis. Dort wurde argumentiert, dass Impfungen offenbar überflüssig seien. Denn obwohl 70 Prozent der in Deutschland lebenden Personen ab zwölf Jahren geimpftseien, platzten die Krankenhäuser aus allen Nähten und die Inzidenzzahlen erreichten ihren Höchststand. Alles Humbug also? Lierz verneint das vehement und betont, dass Corona uns immer begleiten wird, aber die Impfung ein wirksames Mittel dagegen sei. »Wie viele sich später mal infizieren ist ja nur dann wichtig, wenn von ihnen viele ins Krankenhaus müssen. Deswegen impfen!«, sagt Lierz.

Zu Beginn der Pandemie seien wegen fehlender Antikörper Einschränkungen wie Lockdowns und Kontaktverbote der einzig gangbare Weg gewesen, um die Situation teilweise in den Griff zu bekommen. Lierz symbolisiert das durch gelbe Legosteine, die querliegend die Infektionsketten unterbrechen. Dadurch seien die Infektionszahlen gesunken, »nur wenige erkrankten nach den Lockdownmaßnahmen und infizierten sich«, sagt Lierz.

Ansteckungsgefahr bei Geimpften geringer

Jetzt, wo wieder Großveranstaltungen stattfinden und Leute wieder in die Kneipen gehen, seien die Maßnahmen nicht mehr so streng wie zu Beginn der Pandemie, was auch mit der Impfkampagne zusammenhänge. Die Folge erläutert der Professor mit gelben, roten und weißen Legosteinen. Die Nicht-Geimpften steckten sich an, aber natürlich gebe es auch Geimpfte, die erkrankten. Der Impfschutz liege eben nicht bei 100 Prozent. Allerdings würden die immunisierten Personen meist nicht schwer krank und auch die Ansteckungsgefahr, die von ihnen ausgehe, sei geringer. »Dadurch brechen Infektionsketten ab«, erläutert Lierz. Die Ungeimpften treiben die Infektionen nach Ansicht des Forschers weiter an. »Wir haben kaum Lockdownmaßnahmen, die Infektionsketten unterbrechen, obwohl wir 70 Prozent geimpft haben«.

Ein weiterer Aspekt, den Lierz benennt, sind die Krankenhäuser. Hier würden die Betten hauptsächlich von ungeimpften Personen belegt. Er rechnet vor: Bei 100 Geimpften, die erkranken, müsste einer im Krankenhaus versorgt werden, bei 100 Ungeimpften wären es bereits zehn.

Wie sieht die Situation, wenn die Impfquote bei 90 Prozent liegt? »Es erkranken natürlich Leute und infizieren sich, aber weil so viele geimpft sind, kann die Infektionskette nicht mehr außen herumlaufen«, erklärt Lierz. Es komme immer wieder zu einer Unterbrechung der Infektionskette durch die Geimpften. Absolut gesehen müssten dadurch immer weniger Menschen ins Krankenhaus. »Wir lasten unsere Intensivbetten weniger aus«, sagt der Forscher.

Impfquote von 90 Prozent als magische Hürde

Es sei daher wichtig, dass nicht die Infektionszahlen ausschlaggebend seien, sondern wie viele Menschen schwer erkranken. »Das sind bei den Geimpften viel, viel weniger. Man schützt sich durch die Impfung«, so Lierz. Impfdurchbrüche hießen nicht, dass die Vakzine nicht funktionieren würden, sondern dass Einzelne trotz Impfungen erkranken. »Man spielt trotzdem mit Torwart, auch wenn Tore fallen«, zitiert Lierz die Forscherin Mai Thi Nguyen-Kim. Der Mediziner hält strengere Maßnahmen für wahrscheinlich: »Im Moment glaube ich, bei einer Impfquote von unter 90 Prozent, wird es ohne Lockdown und weitere Beschränkungen nicht gehen. Jede Impfung muss übrigens aufgefrischt werden. Je schneller wir impfen, desto eher kommen wir durch die Pandemie.«

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