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Dreckige Beats und saubere Straßen

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Feiernd und tanzend sollte sich bei der »CleanUpDemo« aktiv für ein sauberes Gießen eingesetzt und auf diese Problematik aufmerksam gemacht werden. Mehr als 60 Teilnehmer halfen dabei mit.

Gießen . »Putzen statt Verschmutzen« steht auf dem offenen Klein-Lkw, der den von »CleanUpWalk Gießen« organisierten Demonstrationszug »CleanUpDemo« anführt. Auf der Seite ganz groß: »Wer feiern kann, kann auch aufräumen.« Dröhnende, ohrenbetäubende Musik kommt vom Fahrzeug. Unter dem Motto »Dreckige Beats und saubere Straßen« ziehen gut fünf Dutzend junge Leute - nicht nur Studenten - fast fünf Stunden lang durch halb Gießen, um die Stadt »wieder im großen Stil aufzuräumen.«

Aufmerksamkeit erzeugen

Feiernd und tanzend soll sich aktiv für ein sauberes Gießen eingesetzt und auf diese Problematik aufmerksam gemacht werden. »Auf diesem Weg wollen wir allgemein die Sensibilität für Vermüllung innerhalb und außerhalb der Teilnehmer schärfen,« so Julian Lange als Anmelder der Demo. Ein Jahr und fünf Tage sind es her, dass sich am 13. Juni 2021 die Initiative gründete, zu deren engeren Zirkel knapp zehn Aktive zählen. Im Oktober 2021 startete die erste große Demonstration durch die Stadt, der nun die »zweite Runde« folgte.

»Zwischendurch laufen wir ein- bis zweimal pro Monat durch die Stadt zu ausgesuchten Räumen, um herumliegende Hinterlassenschaften aufzusammeln«, erzählt Lange. So am Tag der Verkehrsinitiativen am 14. Mai rund um den Anlagenring. Wie diese Anti-Müll-Initiative entstanden ist? Dazu Lange: »Die Hinterlassenschaften nach Partys vor dem Unihauptgebäude und am Lahnufer haben damals den Ausschlag gegeben, dagegen etwas zu tun.« Wieso Sie das machen? »Wir wollen das Bewusstsein der Leute schärfen, die beispielsweise ihre Kippen achtlos wegschnipsen.«

Ausgerüstet mit Greifzangen, Handschuhen und Müllbeuteln geht es an der Ringallee los. Erster der Zwischenstopps vor dem Unihauptgebäude, weitere am Berliner Platz, Kirchenplatz und Neustädter. Lutz Hiestermann von Gigg (Gießen gemeinsam gestalten), Vertreterinnen der Grünen Jugend, des SDS und von Green Peace halten Reden und nehmen dabei auch die Stadt in die Verantwortung.

Kontakt

Wer mit „CleanUpWalk Gießen“ Kontakt aufnehmen möchte, kann dies auf Instagram oder per Mail an cleanupwalkgiessen@gmail.com tun.

Wohlstandsschrott

»Wir ersticken in Müll. Unsere Meere, Land und Wüsten sind voll damit. Und während wir uns der Illusion des Recyclings hingeben, wird es immer und immer mehr.« So Anina Vogt und Helena Renz von Green Peace Gießen vor dem Uni-Hauptgebäude. »150 Millionen Tonnen Plastikabfall werden in den Weltmeeren vermutet.« Kleidung werde in Europa jährlich tonnenweise weggeworfen. »75 Prozent davon enden auf der Müllkippe oder werden verbrannt - also nicht recycelt.« Auch bei Elektromüll sehe es nicht besser aus. »Die aktuelle durchschnittliche Nutzungsdauer für ein Handy beträgt nur rund zwei Jahre.« Deutschland habe beim Wohlstandsschrott der Industrienationen einen entscheidenden Anteil. »Wir konsumieren und verbrauchen Ressourcen in einem atemberaubenden Tempo. Und am Ende steht Müll.«

In den Industrienationen des Westens lohne sich das Recyceln nicht, sei viel zu teuer. So werde der ganze Elektromüll einfach nach Afrika und Asien exportiert und somit das Problem ausgelagert. »In den Slums von Städten in Ghana und anderen afrikanischen Staat verbrennen die Ärmsten der Armen, häufig Kinder und Jugendliche, unseren Elektroschrott, um an ein bisschen verwertbares Material zu gelangen, das sie verkaufen können.« Die Slums vieler Städte seien so zu Müllhalden für Elektroschrott geworden, die Luft, Wasser und auch die Menschen dort vergifteten.

Tonnenweise Kleidungsmüll

Bei Kleidung sehe es nicht besser aus. »Früher war das Recycling von Textilien noch halbwegs möglich.« Mittlerweile jedoch dominiere sogenannten »Fast Fashion« (schnelllebige Mode) und »Real Time Fashion« (täglich wechselnde Echtzeit-Mode) den Markt. Es sei schlechte Qualität für ständig neue, künstlich geschaffene, kurzlebige Trends zu billigsten Preisen - gar nicht erst produziert, um lange zu halten. »Unsere Kleidung ist so billig, dass wir uns übervolle Kleiderschränke leisten können und unser Altkleidersystem unter der Riesenlast schier zusammenbricht.«

Gleichzeitig sei die Kleidung so minderwertig, dass sie sich nicht mehr sinnvoll verarbeiten lassen könne. »Es bleibt oft nur noch die Verbrennung.« Es sei denn, sie werde in die chilenischen Atacama-Wüste verbracht. Dort stapelten sich Jahr für Jahr weitere fast 40 Tausend Tonnen aller Art von gebrauchter und unverkaufter Mode-Kleidung. »Fast Fashion rechnet sich nur über Masse. Schnelle, kurzlebige Trends werden absichtlich kreiert, um hohen Absatz zu schaffen.« Konzerne produzierten nicht für einen Bedarf, sondern sie erschufen den Bedarf selber, indem sie schlechte Qualität mit geringer Haltbarkeit offerierten. »Und uns weismachen, wir bräuchten die neuesten Trends, um dazuzugehören, um akzeptiert zu sein, um uns wohlzufühlen.« Alle Konsumenten sollten sich dessen bewusst sein und nur Dinge kaufen, die sie wirklich benötigen. »Wir brauchen nicht noch mehr von zu viel, weil uns dieser Überfluss ohnehin nicht glücklicher macht.«

Dies gelte nicht nur für Kleidung, sondern für jeglichen Konsum. »Lasst uns also stets fragen: Brauche ich das wirklich, was ich gerade in meinem Warenkorb hüte, oder eifere ich nur zufälligen irgendwelchen Trends nach?« Wir sollten lieber durch Konsumverzicht unser Ökosystem beschützen. »Das brauchen wir ein bisschen mehr.«

Die produzierenden Konzerne forderten die beiden Rednerinnen auf, ihre Artikel länger haltbar und besser recycelbar zu machen. »Elektroartikel müssen reparierbar, einzelne Komponenten ersetzbar sein. Mischgewebe in Textilien müssen so lange vermieden werden, wie es noch keinen geeigneten Recyclingprozess gibt.« Die Politik sei gefordert, die Konzerne in die Pflicht zu nehmen. Sie müsse die Verlagerung des Recyclings auf den Müll per Gesetz verbieten und steuerliche Erleichterungen für wiederverwendbare, reparierbare Produkte schaffen. »Wir können es nicht. Und die Konzerne wollen es nicht.«

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