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Drei Jahrzehnte am Krankenbett

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Regina Pabst: Mehr als drei Jahrzehnte ein offenes Ohr und weites Herz für die Sorgen und Nöte von Kranken. © Hartmann

Gießen (red). Nach 32 Jahren Dienstzeit verabschieden die Evangelische Kirche und das Uni-Klinikum Gießen Ende Januar die Klinikseelsorgerin Regina Pabst. Im September 1989 nahm sie ihre Arbeit als Seelsorgerin auf.

Mag in dieser Zeit die Zahl der Kirchenmitglieder kleiner geworden sein, der Wunsch und die Sehnsucht von Patienten nach christlicher, aber auch in weiterem Sinne spiritueller Begleitung nahm nicht ab, erzählt sie. »Ältere Menschen können mir gegenüber frei ihren Glauben bekennen und über Gott sprechen.« Existenzielle Fragen und die Sehnsucht nach geistlicher Geborgenheit zeigen aber auch junge Menschen in der Klinik. Einem kirchenfernen Patienten, an den sich Regina Pabst erinnert, war Beten zunächst völlig fremd. »Ich erzählte ihm einfach, mir hilft in der Angst zu beten, worauf er erwiderte, dann solle ich mal machen.« Fortan betete sie regelmäßig mit ihm. Sie überfällt aber keinen mit einem Gebetsangebot. »Ich muss Anknüpfungspunkte finden.«

In den späten 70er Jahren studierte Regina Pabst Gemeindepädagogik, lernte ergänzend das Predigen und wurde befähigt, als Prädikantin evangelische Gottesdienste zu leiten. Als kleines Mädchen wünschte sie sich Pfarrerin zu werden, fand jedoch zu wenig weibliche Vorbilder in der Kirche, die ihr zum Theologiestudium hätten Mut machen können.

Regina Pabst war im Uniklinikum in rund 20 Stationen unterwegs. Entweder baten Patienten um ein Gespräch oder das Pflegepersonal, für das sie auch Zeit, ein weites Herz und ein offenes Ohr mitbrachte, wies sie auf Einzelne gezielt hin.

Als gebürtige Gießenerin und nach den vielen Dienstjahren traf sie dabei zahlreiche ihr bekannte Menschen. Regina Pabst gestaltet sehr gerne. Seit vielen Jahren schreibt sie Texte, Gebete und Gedichte, malt und fotografiert. Bei Besuchen am Krankenbett nahm sie von ihr selbst hergestellte Fotokarten mit. Schnell spürt sie, wovon ihr Gegenüber angesprochen sein könnte und bot ihm oder ihr eine kleine Auswahl aus den Bildern an. Oft erlebt sie, dass die Kranken sich in den auf die Rückseite gedruckten Texten wiederfinden oder geborgen fühlen.

Verändert und bereichert

Nicht zuletzt begegnete sie Patienten, die wegen chronischer Leiden oder Mehrfacherkrankungen regelmäßig in die Klinik kommen. »Mit Leidenden, auch sterbenskranken Menschen umzugehen war herausfordernd und hat mich zugleich verändert und bereichert«, sagt sie. Krankheit und Tod konfrontierten sie selbst mit der Frage: Was ist mir im Leben - noch - wichtig? Regina Pabst sagt, sie musste täglich »ausbalancieren«: Den Menschen ganz zugewandt sein und ihr Leid wahrnehmen, aber zugleich Abstand zu halten.

Abstand im wörtlichen Sinn galt es seit Beginn der Corona-Pandemie zu halten. Patienten durften keinen Besuch von Angehörigen oder Freunden mehr erhalten. Furcht wuchs, sich selbst mit Corona zu infizieren, belastend war aber auch die Sorge um die Angehörigen draußen. Dazu kam Angst um den Arbeitsplatz und die materielle Existenz in der ersten Zeit der Corona-Krise, eine zusätzliche Belastung, die die Seelsorgerin hörte oder spürte. So wie das medizinische und pflegende Personal konnte sie immer die Kranken besuchen.

Regina Pabst geht mit einem Gefühl der Dankbarkeit in den Ruhestand für sehr viel Vertrauen, das ihr von Mitarbeitenden und Patienten und Patientinnen geschenkt wurde. Im Team der evangelischen Klinikseelsorge habe sie mit Kolleginnen eng zusammengearbeitet, die an einem gemeinsamen Ziel gearbeitet haben: Patienten und Mitarbeitenden, die in Not sind, nahe sein, ihnen ein offenes Ohr und ein weites Herz schenken und den christlichen Glauben teilen.

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