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Im Pfarrgarten findet die Abschlusskundgebung der Fahrrad-Demo statt. Rund 100 Bürger fordern die Stadt auf, ihren genau vor einem Jahr gefassten Beschluss zur Schaffung von zwei Radspuren auf dem Anlagenring endlich umzusetzen. © Berghöfer

100 Teilnehmer einer Demo fordern die Stadt Gießen auf, endlich die vor einem Jahr beschlossenen Fahrradspuren auf dem Anlagenring einzurichten.

Gießen. Vielleicht zeigt sich das ganze Elend deutscher Innenstädte ja schon am Namen der Straße, in der rund 100 Gießener Verkehrswende-Aktivisten die Abschlusskundgebung ihrer Demonstration abhielten - »Pfarrgarten«. Das klingt nach Kräutern, Blumen, Büschen und Herrgottswinkel. In Gießen ist der »Pfarrgarten« ein Parkplatz, der sich zwischen Hochhaus, Shopping-Mall und Parkhaus quetscht, um den beständig Autos kreisen in der meist vergeblichen Hoffnung auf eine Parklücke, deren Lenker dann doch oft und entnervt das eigene Fahrzeug im absoluten Halteverbot abstellen.

Es hat sich nur wenig getan

Dass das nach der Bombardierung vor allem autogerecht gebaute Gießen mittlerweile an seine Grenzen kommt, ist auch den Stadtverordneten nicht verborgen geblieben. Am 4. März 2021 beschlossen sie die Schaffung von Fahrradstraßen auf dem Anlagenring binnen eines halben Jahres und einer Radstraße quer durch die Innenstadt binnen dreier Monate. Das war ein ehrgeiziges und bis heute umstrittenes Vorhaben, allein getan hat sich seitdem in puncto Radstraßen wenig.

Die Demonstrationsteilnehmer nahmen den Jahrestag dieses Beschlusses denn auch zum Anlass, noch einmal den Druck der (Fahrrad)straße in die Politik zu tragen. Um 16 Uhr brachen sie auf dem Berliner Platz auf, radelten einmal um den Anlagenring und durch die Innenstadt zum Pfarrgarten. »Noch immer dominieren Autos das Gießener Zentrum«, klagte Organisatorin Emili Werthmann, »bislang ist noch kein Quadratmeter Stadtraum zugunsten der Radfahrer umverteilt worden«.

Eindringlich schilderte der 83-jährige Peter Zerche seine Erfahrungen als Radfahrer. Dass er jeden Tag am Selterstor um sein Leben bangen müsse, dass kaum ein Autofahrer die eigentlich vorgeschriebenen anderthalb Meter Abstand einhalte, sei »schlicht zum Kotzen«.

Zum Kotzen fand wohl auch der Fahrer eines mit Rallye-Streifen beklebten Sportwagens die Abschlusskundgebung im Pfarrgarten. Er müsse zur Arbeit und habe »keinen Bock, seinen Job zu verlieren«, tat er lautstark kund, drückte mehrmals auf die Hupe, um dann unter den Augen der Polizei mit quietschenden Reifen im Rückwärtsgang die Einbahnstraße gegen die Fahrtrichtung zu verlassen.

Eine Episode, die zeigt, wie konfliktbeladen der mit immer härteren Bandagen geführte Kampf um die endliche Ressource Straßenraum im ständig mehr Menschen beherbergenden Gießen mittlerweile geworden ist.

Verkehrswende-Aktivist Jörg Bergstedt, der unlängst noch nach einer spektakulären Verkehrsschilderbesetzung der Stadt ein Ultimatum gestellt hatte, gab sich am gestrigen Freitag konziliant. Man könne ja die von den Aktivisten geplante Demonstration am 14. Mai mit dem offiziellen »Stadtradeln« kombinieren und so ein Wochenende lang die beiden inneren Spuren des Anlagenrings zu Fahrradstraßen machen. Diese Variante wird auch von den Aktivisten favorisiert, ist aber in der Stadt angesichts des damit drohenden Verkehrschaos sehr umstritten.

Einen Adressaten für ihre Forderungen hatten die Demonstranten gestern übrigens nicht. Der neue Bürgermeister Alexander Wright von den Grünen wollte eigentlich mit den Demonstranten diskutieren, musste seine Teilnahme dann aber aufgrund einer Corona-Erkrankung absagen.

Der Schatten des Krieges

Das diese Tage alles überschattende Thema Ukrainekrieg drückte auch der schon länger geplanten Raddemonstration seinen Stempel auf. Viele Teilnehmer trugen blau-gelbe Fahnen oder Plakate mit Slogans wie »Stop Putin«. Eine Teilnehmerin hatte ihr Rad dagegen mit der Regenbogenfahne dekoriert, um sich bewusst von Nationalfarben abzugrenzen, da diese eine der Ursachen für kriegerische Konflikte in der Welt seien. »Wir können uns alle jahrelang noch so sehr abmühen«, rief Bergstedt, »wenn irgend ein Arschloch irgendwo einen Krieg anfängt, dann geht an einem Tag mehr kaputt, als Aktivisten in einem Leben mit ihren Demonstrationen an Ärger verursachen können«.

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