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Durch Brand in Gießen »Menschen in Gefahr gebracht«

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In dem Sicherungsverfahren vor dem Landgericht geht es um die Unterbringung in der Psychiatrie. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Ein psychisch kranker Mann soll sein Zimmer in der EAEH angezündet haben. Neben einem Sachschaden in Höhe von 20000 Euro hätte laut Staatsanwaltschaft auch Schlimmeres passieren können.

Gießen. Das Zimmer im ersten Obergeschoss der Flüchtlingsunterkunft brannte komplett aus, der Putz platzte von den Wänden, ein Fenster wurde aus dem Rahmen gerissen. Den auf 20 000 Euro bezifferten Schaden in Haus 12 der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (EAEH) soll ein 44-jähriger Somalier verursacht haben. Da im Sommer vergangenen Jahres bei dem Feuer in der Rödgener Straße wohl auch Menschen in Gefahr gebracht wurden und ein Security-Mitarbeiter Verletzungen davon trug, steht der Mann wegen schwerer Brandstiftung und fahrlässiger Körperverletzung vor dem Gießener Landgericht. Da er zum Tatzeitpunkt laut Antragsschrift der Staatsanwaltschaft unter »paranoider Schizophrenie in akuter, unbehandelter Form« litt, geht es in dem Sicherungsverfahren allerdings nicht um eine Haftstrafe, sondern um die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Schaden auf 20 000 Euro beziffert

Der Beschuldigte, ein gepflegter Mann in Karohemd und schwarzer Hose, wird von zwei Justizwachtmeistern in den schmucklosen Saal 15 geführt. Derzeit lebt der frühere Sicherheitsmann in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Beiordnung eines Dolmetschers hat er für die englische Sprache, nicht etwa für Somali, verlangt. Offenbar wohnte der 44-Jährige vor seinem Aufenthalt in Gießen längere Zeit in England. Dorthin möchte er laut seinem Verteidiger nach Abschluss des Prozesses bestenfalls auch zurückkehren. »Falls er hier rauskommt«, wie Rechtsanwalt Tomasz Kurcab betont. Den Pass, der ihn als anerkennten politischen Flüchtling ausweist, habe sein Mandant aber infolge »seines furchtbaren gesundheitlichen Zustandes« verloren.

In keiner guten Verfassung war der Somalier nach Angaben der Staatsanwaltschaft ebenfalls am 31. Juli 2021. Der Antragsschrift zufolge ist der 44-Jährige »hinreichend verdächtig« an diesem Tag »ein Gebäude in Brand gesetzt und teilweise zerstört« sowie dadurch »andere Menschen in Gefahr gebracht« zu haben. An dem Sommermorgen, gegen 9.30 Uhr, soll der Beschuldigte eine Plastiktüte auf seinem Bett in der Erstaufnahmeeinrichtung angezündet haben. Wie Staatsanwalt Alexander Hahn ausführt, griffen die Flammen anschließend zunächst auf die Bettdecke, dann auf die Matratze über. Krankheitsbedingt habe der Mann »das Unrecht der Tat nicht einsehen« können.

Das Feuer muss sich rasend schnell ausgebreitet haben. »Das Zimmer brannte vollständig aus«, verdeutlicht Hahn. Der Schaden war dementsprechend beträchtlich: Laut Antragsschrift war der gesamte Raum voller Ruß, dazu bröckelte der Putz von den Wänden, ein Fenster brach aus der Verankerung. Der durch den Brand entstandene Sachschaden beläuft sich auf 20 000 Euro. Doch über den materiellen Schaden hinaus hätten das Feuer und die »erhebliche Rauchentwicklung« offenbar noch weitreichendere Folgen anrichten können. Insgesamt seien drei Security-Mitarbeiter der EAEH der Gefahr einer Rauchvergiftung ausgesetzt worden, konkretisiert der Staatsanwalt. Einer der Männer habe sich in der Folge tatsächlich wegen Atemproblemen in Behandlung begeben müssen und aufgrund des Vorfalls außerdem einen Schock erlitten.

Rückkehr nach England angestrebt

Für den Prozess vor der Sechsten Großen Strafkammer sind insgesamt drei Verhandlungstage angesetzt. Zum Auftakt wurde lediglich die Antragsschrift verlesen. Über die Biografie und die Krankheitsgeschichte des Beschuldigten war somit bislang nichts zu erfahren. Bei der Fortsetzung Anfang Februar werden unter anderem die betroffenen Sicherheitsangestellten der EAEH als Zeugen aussagen. Geplant ist neben der Einschätzung eines psychiatrischen Sachverständigen dann auch die Vernehmung einer Sozialarbeiterin, die für den 44-Jährigen bereits Kontakt nach England hergestellt hat. »Er könnte direkt mit einer Begleitperson in den Flieger gesetzt und nahtlos in eine Einrichtung für betreutes Wohnen gebracht werden«, schildert der Verteidiger bisherige Erkenntnisse. Vorausgesetzt, das Urteil lässt eine solche Maßnahme zu.

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