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Dicke Kumpels: Altglascontainer (links) und Tonne (rechts). Schön ist anders.

Über den Umgang mit Dingen

Echt guter Bro mit Auffangbauch

Eine Ortskritik der etwas anderen Art - von Glasscontainern und Symbiose-Tonnen in Gießen. Dabei kam ein fataler Gedanke auf: Können die eigentlich frieren?

Gießen . Als ich neulich einen großen Karton mit Altglas durch die Gegend kutschierte, um dieses Altglas ordnungsgemäß zu entsorgen, kam mir, als ich an einem Glascontainer, der offiziell ja Altglascontainer heißt, ein fataler Gedanke: Können die frieren?

Also nicht, ob Restflüssigkeiten in Flaschen und Gläsern zu Eis werden können, nein, ganz sinnlich und mitfühlend: Können Altglascontainer frieren? Ist denen kalt, haben die Schmerzen, klamme Körper oder zittern die gar manchmal? Fragen wollte ich den Altglascontainer nun auch nicht. Man kennt sich ja kaum. Also fütterte ich ihn schweigend mit Unmengen von Glas, das ja genau genommen kein Altglas war, sondern Einmal-gebraucht-Glas. Ne Flasche Wein, ne Flasche irgendwas, etliche Schraubdeckelgläser, wo sonstwas drin war, von denen man die Schraubdeckel abschrauben muss, damit der Glascontainer nur das bekommt, was ihm lieb ist: Braunglas, Grünglas, Weißglas.

Böser Finger

Wenn man dann so neben ihm steht und ihn füttert, kommt man auf die dollsten Gedanken, zum Beispiel, dass man in der Verrichtung dieser Tätigkeit zwar Grünglas in den Grünglasschacht wirft, es sich im Innern aber mit dem Braunglas und Weißglas mischt. Vielleicht gibt’s zwar drei Schächte, aber nur einen Auffangbauch? Und der Glascontainer zeigt einem, kaum hat man sich abgewandt, den bösen Finger: Leute verarscht. Von wegen Umwelt.

Sie sehen schon, diese Ortskritik unterscheidet sich von den bisherigen Ortskritiken, die ja konkrete Gießener Orte kritisierten, massiv: Sie ist de facto eine phänomenologisch-philosophisch-humanistische Abhandlung über unseren Umgang mit Dingen und Dingern. Und eben auch darauf abzielend, ob Glascontainer Gefühle haben? Kommt gerade recht, so kurz vor Weihnachten. Dinge(r), die was fühlen.

Ganz ehrlich: Der Altglascontainer ist grundsätzlich auch in Gießen ein Paradeort für die Ortskritik. Er sieht sch… aus, steht ständig irgendwo in der Gegend rum, und um ihn verstreut liegt der Tand unserer Konsumgesellschaft. Denn offensichtlich schrauben die Altglascontainerbesucher zwar die Schraubdeckel von den Gläsern, schmeißen sie aber in nicht geringer Zahl dann auch durch die Gegend. Rund um den Altglascontainer meiner Wahl jedenfalls lagen Aludeckel, Kronkorken, Sektkorken, Korkenkorken, Flaschenbeschriftungen auf Papier, Alukäppchen, Zigarettenkippen und natürlich Scherben, kaputtes Glas, grün, braun, weiß. An dieser Stelle eine Frage: Können Sie immer die Glasfarben zuordnen? Oder ist es ein Indiz für eine Glas-Grün-Blindheit, wenn man, wie ich, da manchmal zögert? Was weiß ich, was Weißglas ist, wenn es grün schimmert. Einen Stich hat, wie man so schön sagt. Aber egal. Wird schon ankommen im Recycling-Werk. Wussten Sie, dass seit 1974 in Deutschland Glas gesammelt wird? Solange sind sie also schon treue in Städten-Rumsteher, diese Dinger, die in Berlin auch Glas-Iglus genannt werden. Das ist ein zutreffender und weniger technischer Begriff, er menschelt. Na, du Glas-Iglu, wie geht’s dir denn heute? Ganze Nacht wieder rumgestanden und die Grün-Braun-Weißglas-Löcher auf Durchzug gehabt? Könnte dir so passen.

Der treue Begleiter des silbern-alufarbenen Containers ist übrigens stets eine Mülltonne mit zumeist rotem Deckel. Die steht immer, wie bestellt und nicht abgeholt, neben dem Altglas-Fresser. Es ist eine symbiotische Beziehung, so ähnlich wie die Schiffshalter-Fische, die sich unten an einen dicken Walhai kleben. Oder die komischen Vögel, die ihre Nahrung mit langem Schnabel aus dem Rachen von Krokodilen oder der Haut von Nashörnern fischen.

Die Mülltonne ihrerseits ist schlank und versteckt sich gerne im Altglascontainer-Windschatten. Neulich meinte ich zu hören, wie sie mich ansprach: »Haste mal ne Mark?« Erstens, hätte ich fast zurück geraunzt, haben wir mittlerweile den Euro, du altvorderes Ding, und zweitens: Von mir gibt’s nix, ich bin zum Altglas recyclen hier.

Streetart-Projekt

Die Tonne ist freilich eine feine Errungenschaft als Container-Beifang, denn wer weiß, was sonst noch alles auf dem Boden landen würde? Sämtliche Tüten, Taschen, Kartons und Kisten, in denen das Glas herangeschafft wurde. Und noch mehr Deckel und Schraubverschlüsse. Die Abfalltonne ist der arme Bettler, der uns am Hosenbein zupft, wenn wir dem Kunststückchen vorführenden Straßenmusikanten namens Container seinen Obolus entrichtet haben.

250 000 Altglascontainer gibt’s in Deutschland, jede Flasche im Handel besteht zu 60 Prozent aus recycelten Scherben. Der Altglascontainer ist ein echt guter Bro in Zeiten der Verschwendung, Vernutzung, Verhunzung unserer dereinst niegelnagelneuen Natur. Vielleicht, so mag ich die Ortskritik schließen, könnte man die alufarbenen Iglu-Container in Gießen verschönern. Ein Projekt für Streetart-Spezialisten. Oder jemand, der gut stricken kann. Immerhin hat der Kugelbrunnen auch eine Mütze. Gefroren habe er übrigens noch nie, hat mir mein Container zugeflüstert. Dafür habe er immer zu viele Schnapsflaschen intus. Da ahnt man, warum es auf ne Pulle Korn kein Pfand gibt.

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