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»Echte Kraftquelle« in all der Verunsicherung

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giloka_Pfarrer_Wanske_Fo_4c © Red

Ein weiteres Mal erleben wir ein von Corona geprägtes Weihnachtsfest. Wie gehen Sie damit um?

Ich versuche, dankbar zu sein für das, was unter diesen erschwerten Bedingungen immerhin möglich ist. Am schlimmsten war für mich die Situation Ostern 2020, als überhaupt keine öffentlichen Gottesdienste in Präsenz gefeiert werden durften. Natürlich würde ich mir gerade zu Weihnachten wieder volle Kirchen und Gottesdienste mit kräftigem Gemeindegesang oder großen Chören wünschen. Aber ich spüre auch in den Gegebenheiten: Vor 2000 Jahren, bei der Geburt Jesu, war auch eine unruhige Zeit. Und genau das sagt ja das Weihnachtsfest: Gott kommt uns als Mensch nahe - in all unsere Nächte und Sorgen.

Was tun oder sagen Sie, um ratsuchenden Menschen Kraft zu geben?

Es gibt bei mir selbst und wahrscheinlich bei den meisten Leuten seit dem ersten Lockdown vom März 2020 eine ganz neue Sensibilität dafür, wie wichtig die ganz reale zwischenmenschliche Begegnung ist. Die digitalen und virtuellen Möglichkeiten sind prima, wenn sonst nichts geht. Aber das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, das ist durch nichts zu ersetzen. Ich habe jetzt nicht den Eindruck, dass Gespräche in größerem Umfang nachgefragt werden als früher. Aber für Gespräche mit Freude und mit Achtsamkeit zur Verfügung zu stehen, und wenn es nur zwischen Tür und Angel ist, das hilft schon unglaublich viel. Sich gegenseitig davon zu erzählen, wie es gerade geht, das ist gerade in Zeiten des »Social distancing« für jeden Menschen eine echte Kraftquelle. Fast immer geht’s dabei weniger darum, was ich sagen kann, sondern mehr ums Zuhören. Ich merke dann oft, dass ich in den Gesprächen selbst der Beschenkte bin.

Wie gelingt es bei all den Regeln, für Weihnachtsstimmung zu sorgen?

Da fallen mir als Erstes unsere Musikerinnen und Musiker ein. Die gehen mit enormer Kreativität und einem beachtlichen Einsatz daran, die Sängerinnen und Sänger mit und unter »2G-Plus« und die Orgel von Weihnachten singen zu lassen. Ich bin da oft erstaunt, mit welchem Einfühlungsvermögen und Einfallsreichtum geeignete Musik ausgewählt und mit den geeigneten Mitteln gestaltet wird, die manchmal ohne die Pandemie-Situation wahrscheinlich nicht unbedingt zum Zuge gekommen wäre. Im Advent habe ich durch die veränderten Bedingungen die Liturgie als nachdenklicher, ruhiger und meditativer erlebt. Unsere Gottesdienste haben sich ganz gewiss verändert, aber sicher nicht nur zum Nachteil.

Wie sieht bei Ihnen als Pfarrer derzeit ein typischer Tagesablauf aus?

Das denken ja viele, dass ein Pfarrer besonders viel Stress hat, wenn bei einer Reihe von Feiertagen die Gottesdienste mehr werden. Ich erlebe das eigentlich nicht so. Es gibt einiges vorzubereiten und zu bedenken, aber irgendwann kommt der Punkt, da sind die Predigten gemacht und die Kirchen geschmückt. Da erlebe ich auch viel Vorfreude, zusammen mit Leuten, die zum Weihnachtsbaum-Aufstellen oder zum Krippenaufbau kommen. An den Festtagen selbst sind die Gottesdienste letztlich immer auch für mich echte Feste, die ich mit der Gottesdienstgemeinde feiere, und keine »Arbeitstermine«.

Wie lautet das Thema Ihrer Predigt? Spielt darin auch die Pandemie eine Rolle?

Die öffentliche Situation ist ja »seit Corona« eigentlich immer im Hintergrund präsent. Mir ist in diesem Jahr ein bekanntes Wort des Jesuitenpaters Alfred Delp zu Weihnachten und zum Jahresanfang besonders wichtig: »Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt« - notiert mit gefesselten Händen am 24. Dezember 1944 in der Gefängniszelle von Berlin-Plötzensee, nach monatelanger Folter und Isolationshaft. Bewusst an Weihnachten zu feiern, dass Gott einer von uns wird und unser Leben mit uns lebt, das mag dabei helfen, in all der Verunsicherung der letzten Monate wieder Vertrauen zum Leben zu fassen.

Wie feiern Sie privat Weihnachten? Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Weihnachten war bei mir privat immer eher ruhig. In normalen Jahren haben wir uns nach den Gottesdiensten immer mit der weitläufigen Verwandtschaft am zweiten Feiertag im großen Kreis zum Festessen getroffen. Zurzeit machen wir das daheim nur im kleineren Kreis, wie das schon letztes Jahr empfohlen war, mit weniger Personen aus höchstens zwei Haushalten. Wichtig ist, dass wir uns mal wiedersehen und Zeit haben zum Erzählen. Natürlich werden dann auch Erinnerungen an längst vergangene Zeiten lebendig, wie wir noch als Kinder Weihnachten immer mit sämtlichen Onkeln und Tanten, Vettern und Cousinen bei den Großeltern waren, blättern durch die Alben mit Weihnachtsfotos, die unsere verstorbene Oma noch gemacht hat, und freuen uns, dass wir zusammen sind.

Welche Aufgaben haben Sie in St. Albertus? Wo waren Sie vorher tätig?

Ich bin im Rheinland zur Welt gekommen und wuchs im Gießener Land auf. Sehr gern denke ich an meine Schulzeit am LLG und meine Jugend in der Kirchengemeinde in Großen-Buseck. Nach dem Pfarrexamen wurde ich 2006 Bischöflicher Sekretär bei Kardinal Lehmann und kam anschließend 2009 als Pfarrer nach Friedberg. Dort wurde ich später für zwei Amtszeiten zum Dekan für die westliche Wetterau gewählt. Jetzt freue ich mich auf die neue Aufgabe als mitarbeitender Pfarrer im Gießener Pfarreienverbund - mit der Hoffnung auf mehr Zeit für Seelsorge und Begegnung und auf weniger amtskirchliche Verwaltung und Geschäftsführung.

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