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Ein Abend gefüllt mit Zugaben

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»Nur Zugaben« heißt das Programm von Martin Gärtner, der in der Vitos-Kapelle viel Klanggefühl beweist. Foto: Schultz © Schultz

Unter kompletter Umgehung der Tradition gab der bekannte Musiker und Kabarettist Martin Gärtner jetzt in der Vitos-Kapelle einen Klavierabend und spielte einfach »Nur Zugaben«.

Gießen . Das Vitos-Programm ist immer für eine Überraschung gut. Nicht, dass Martin Gärtner dort auftrat, das ist schon fast normal. Aber sein neues Programm fällt doch ganz schön aus dem Rahmen. Unter kompletter Umgehung der Tradition gab der bekannte Musiker und Kabarettist jetzt einen Klavierabend und spielte einfach »Nur Zugaben«. Und siehe, es war ein großes Vergnügen.

Es war das 307. Konzert in der Reihe »Musik bei Vitos«, erläuterte Veranstalter Rainer Römer zu Beginn. Vor 14 Jahren fand das allererste Konzert der Reihe statt, ebenfalls mit Gärtner. Der gab damals mit einem jugendlichen Chor des Stadttheaters einen musikalischen Abend. Römer: »Wenn es Martin Gärtner nicht wär, hätte es diese Konzertreihe nie gegeben.«

Gärtner moderierte sein Programm unterhaltsam, kundig und vor allem charmant, das ist gleichsam sein Markenzeichen - die fließende Vermittlung und zugleich unaufdringliche und humorvolle Selbstdarstellung sind sein Metier. Gärtner studierte Gesang, Klavier und Dirigieren an der Musikhochschule in Karlsruhe und schloss ein Kapellmeisterstudium an der Musikhochschule in Detmold an. Die Verschmelzung von Wort, Gesang und Klavier ist seine Kernkompetenz, die er immer wieder erfolgreich demonstriert, wie etwa in seinem Bombenerfolg »König Ödipus«, um nur einen zu nennen.

Werke aus vier Jahrhunderten

Jetzt wollte er also einen Klavierabend machen, aber natürlich keinen gewöhnlichen, »Das war schon lange mein Traum.« Also präsentierte er ein Programm aus Kabinettstückchen der klassischen Klaviermusik, mal bekannt, mal unbekannt, mit der einen oder anderen Überraschung. Es waren Werke aus vier Jahrhunderten, »die die großen Pianisten gerne an das Ende ihrer Programme setzen, wofür es meistens den größten Applaus gibt,« sagte er. Konsequenz: »Ergo lasse ich den Rest weg und spiele gleich die Zugaben!«

Das ist schon paradox: Nur Abschlüsse? Aber Gärtner machte sogar einen formidablen Schuh draus. »Noch etwas«, sagte er, »Manche Stücke spiele ich im Original und manche in einer Bearbeitung durch jemand anderen.«

Los ging’s mit einer Sonate Domenico Scarlattis. Ein plätschernder, flotter Auftakt, ein paar barocke Triller erinnerten an den klassischen Ursprung des Werks. In der Wohnzimmerakustik der Kapelle klang das wunderbar sauber und rund, der Klang des Flügels kam ohne Einschränkung zur Geltung.

Im Intro eher energisch und zügig kam Chopins Fantaisie impromptu in Cis-Moll, um dann wieder schön poetisch und langsam zu werden. Das war lebhaft variiert, insgesamt eine sehr transparente, plastische Realisierung.

Gärtner kann auch bestens erklären, am Beispiel der jazzigen Bearbeitung etwa, die das Jaques-Loussier-Trio einigen Bach-Werken angedeihen ließ, die sich dafür besonders eignen. Das Trio feierte damit solide kommerzielle Erfolge, und Klassikbearbeitungen sind ja auch aus der Popmusik bekannt, etwa von Emerson, Lake und Palmer.

Gärtner stellte die Titel jeweils in einen einleuchtenden Zusammenhang und ließ keine Ehrfurcht vor der Klassik aufkommen, hier ging es um die Freude am Tun und ungewöhnliche, ungewohnte Musik. Die vermittelte er ausgezeichnet, da das Programm mit ein paar Ausnahmen keine traditionellen Musikerlebnisse enthielt.

Zu Lang-Lang sagte Gärtner etwa: »So schnell wie er kann ich den Hummelflug nicht spielen, aber ich kann etwas anderes.« So ließ er Rimsky-Korsakoffs Dauerbrenner wie von der Sehne geschnellt abgehen und machte mit ein paar eitel-selbstverliebten Blicken des Großpianisten ins Publikum klar, was er meinte. Sehr gut kam die Version von Hannes Otahal an, der daraus einen »Bumble-Boogie« gemacht hatte. Den stellte Gärtner vibrierend in den Raum, ließ dazu noch die »Hummel-Babys« von der Leine und bewies großes Gefühl fürs Genre: Little Richard hätte dazu sicher gelächelt, die Zuhörer applaudierten heftig.

Eigenartig, wie Gärtner Georg Kreisler in Momenten immer wieder ähnlich sah, nur vergnügter, und es gab mehr Abwechslung. Mahtvoller, ja schicksalsträchtiger Abschlussakzent: Gershwins »Rhapsody in blue«, also keine Zugabe.

Gärtner schuf schöne nachdenkliche Momente und bewies ein ganz sicheres Klanggefühl und füllte das Haus bis unters Dach. Donnernder Beifall des vollen Hauses für ein bemerkenswert niveauvolles und unterhaltsames Programm: das könnte er ruhig öfter spielen.

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