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Ein abgründiges Vergnügen

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Gießen. Die beliebte Reihe »Stories, Wein, Musik« bot am Dienstagabend im Who killed the pig ihren Besuchern in mehrerer Hinsicht besondere Reize. Thematisch ging es um »Affenliebe«, was teilweise durchaus wörtlich gemeint war. Dabei war mit Vorleser Mathias Znidarec ein exzellenter Vertreter seiner Zunft am Werk, zum anderen veredelte Jazzpianist Stefan Seitz die musikalische Ebene nachhaltig.

Der Abend erwies sich als reines Vergnügen.

Veranstalter Christoph Jilo, eine ausgewiesene Spürnase, wenn’s ums Finden reizvoller Texte geht, hatte diesmal mit Charles Bukowski einen bekannt raubeinigen Autor ausgewählt. Doch auch die anderen Texte waren ganz und gar nicht von der Stange.

Drehbuchautor Andrew Davies erzählt in »Der neue Pavian« verblüffend beiläufig vom Schicksal eines erfolgreichen Affenhordenchefs, der sich von einem einsamen Neuankömmling zunächst bedroht sieht, nach und nach jedoch herausfindet, dass ihm das alte Leben gar nicht mehr gefällt. Davies findet Begriffe der Affensprache für Sex, Penis und allerlei andere Dinge des Lebens.

Und hier kam Mathias Znidarec ins Spiel. Der Schauspieler am Staatstheater Darmstadt studierte am renommierten Wiener Max-Reinhardt-Seminar und brachte neben Präzision und Intonationssicherheit eine große Natürlichkeit in den Text. »Das Leben steckt voll bitterer Ironie«, sinniert er als Hordenboss melancholisch, und während er bemerkt, dass ihm die Zügel über seine Schar langsam aber sicher entgleiten, verliert er auch die Lust, immerzu Rivalen zu bekämpfen, und er geht fort. Schließlich findet er eine aufgeschlossene Menschenfrau. Da ist das Glück zu zweit vollkommen, zumal sie ihm gesteht, dass sie »im früheren Leben eine Affenfrau« war. Großes Gelächter und Applaus.

Stefan Seitz, ein erfahrener Jazzpianist und Sänger (Europe Jazz Quartet), verlieh dem Abend mit seinen persönlichen Fassungen von Nat King Coles »Nature boy« und anderen Jazzklassikern einen niveauvollen musikalischen Glanz. Da er auch ein kompetenter Sänger ist, veränderte sich die Atmosphäre im ziegelwändigen »Pig« in die einer kultivierten Musikbar, was gut zur literarischen Qualität des Abends passte.

Charles Bukowskis »Hundekuchen in der Suppe« brachte die nächsten Überraschungen für die Zuhörer. Anfangs ein Spielball von Droge und Zufall, fand der Ich-Erzähler des Autors vom Rumtreiberdasein zu einem mehr als exotischen Familien- und Liebesleben - im Zoo einer barmherzigen Verrückten. (»Ein Tiger im Bad - war es das Delirium tremens?«) Znidarec fand auch hier den richtigen Ton und nahm die Zuhörer immer tiefer mit in den sich öffnenden Kosmos von Sex, Wahnsinn und Tierliebe und einigen attraktiven Variationen dessen; hinzu kam ein superlativer Schluss. Die Überraschung war groß, Missfallen wurde nicht empfunden: Riesenbeifall.

Von Affen und Straßenhunden

Höchst vergnüglich war auch Harald Martensteins Text »Böse Hunde« über einen aus dem Heim geholten ehemaligen polnischen Straßenköter, der nur Männer beißt. Also dominante, womöglich faschistische, eine beißend komische Hundegeschichte.

Schließlich steigerte Lydia Davis in »Einen fahren lassen« genüsslich die gesellschaftliche Problematik eines Windes im Salon und die schwierige Frage, wie man einen Gast das Gesicht wahren lassen soll, von dem man nicht mal weiß, ob er der Täter ist, zu wahrhaft absurder Kompliziertheit; herrlich. Mit geradezu maliziös hinterhältigen Momenten wie einem bühnenreifen tückischen Seitenblick stattete Znidarec schließlich in Robert Gernhardts »Elch, Biber, Bär, Kröte« die überkandidelten und beißend selbstentlarvenden Gespräche eines Paars aus, die in der Erkenntnis gipfeln, auf der Veranda Krötenkacke entdeckt zu haben.

So viel vergnügliche Schrägheit bekam man in einer Lesung hierzulande lange nicht geboten, selten harmonierten Leser und Musiker so zwanglos als jeweils komplementärer Akzent. Das Publikum war höchst zufrieden.

Die nächsten beiden Folgen der Reihe sollen im Herbst folgen. Weitere Infos gibt es im Internet: https://storiesweinmusik.de.

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