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Ein bisschen zu viel Unentschieden

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Es führt ein Weg nach Nirgendwo - oder ins Dickicht einer seltsamen Gießener Grünanlage. © Gauges

Eine Brachfläche auf dem Seltersberg in Gießen kann sich nicht recht entscheiden. Ja, was genau ist das eigentlich? Wald jedenfalls kann man es nicht nennen.

Gießen. Man kennt das Problem: Sollen die Gäste nun das elegante Hemd, das schicke Kleid anziehen, wenn gute Freunde zu sich nach Hause einladen - oder reichen Jeans und Kapuzenpulli? Werden Schampus und Canapés gereicht oder wie meist Grillgut und Flaschenbier? Kommen auch Adlige und Selfmade-Millionäre oder die üblichen Verdächtigen? Wird es also diesmal förmlich oder doch eher ausufernd? In solchen Situationen tut man gut daran, sich mutig für eine Garderobe, für einen Stil, für eine Haltung zu entscheiden, anstatt es allen recht machen zu wollen. Denn sonst bleibt am Ende womöglich nur noch ein Platz zwischen allen Stühlen.

Gefordert sind in dieser wie anderen relevanten Lebenslagen vor allem Mut, Entschlossenheit, Entscheidungsfreude - doch genau daran mangelt es allzu vielen Zeitgenossen. Nehmen wir etwa den Flecken Gießener Erde, dem unsere heutige Kritik des Ortes gilt. Es handelt sich um ein Stück - ja, was genau ist das eigentlich?! Wald kann man es nicht nennen. Die vom Aulweg im Süden und Leihgesterner Weg im Osten begrenzte Fläche umfasst schließlich kaum mehr als einige hundert Meter im Quadrat. Wovon wiederum nur geringe Teile von Bäumen bewachsen sind. Also vielleicht Brachland ? Trifft es auch nicht recht. Denn dafür sind es dann doch wiederum ein paar Bäume zu viel. Vielleicht ist das hier einfach ein Stück Natur ? Irgendwie schon, aber mittendrin befindet sich ein Spielplatz - und der ist natürlich von Menschenhand gemacht.

Umkreisen wir das Phänomen daher zunächst über die Lage. Eingerahmt wird diese Fläche entlang des Aulwegs von ein paar Schrebergärten, die im nasskalten, farblosen Februar einen Anblick erschütternder Trostlosigkeit verbreiten. Teile der Einfassungen werden von Stacheldraht gesichert, bei anderen sind die morschen Holzpalisaden in sich zusammengefallen. Dazwischen ein verblichenes Poster im XL-Format, auf die beiden längst in die Jahre gekommenen Men in Black für ihre Mission in Schwarz werben. Auf der anderen Seite der Spielplatz, der inmitten dieser organischen Tristesse eigentlich einen Pluspunkt verdient hätte. Zu den Gerätschaften neuerer Bauart zählen Schaukel und Rutsche, Sandkasten und Sprungmatte. Das sieht alles noch recht adrett und benutzbar aus, die üblichen unbekannten Stadt-Vandalen haben von diesem Ort wohl bislang noch nichts mitbekommen.

Das dürfte an den mannshohen Brombeerhecken liegen, die einen Gutteil des Areals bewuchern und für einen meterhohen Sichtschutz hin zur Straße sorgen. Wer es nicht weiß, wird hiervon nicht heiß (gemacht). Und so können sich ein paar Mütter mit ihrem Nachwuchs eine entspannte Auszeit gönnen, ohne von Baustellenlärm, Autoverkehr oder heimlich rauchenden Jugendlichen gestört zu werden.

Doch zu diesem Spielplatz gehört noch mehr - was den Pluspunkt dann doch in ein dickes Minus verwandelt: ein Bolzplatz. Und dort, so viel ist sicher, wird ganz sicher kein Fußballer, der seine sieben Sinne beieinander hat, seine Knochen riskieren. Denn dieses Feld hat doch tatsächlich ein Gefälle von mehreren Prozent. Und damit auch ganz sicher niemand in Versuchung gerät, vielleicht trotzdem das Bällchen auszupacken, wurde der Platz mit großen Wackersteinen bepflastert. Ein gerader Pass über zwei Meter ist hier also exakt so unmöglich wie die Qualifikation zur Champions League.

Bleibt dem Ortskritiker also nur, dem hinter dem Platz beginnenden Trampelpfad ins Dickicht zu folgen, um doch noch nach lohnenden Ausblicken zu fahnden. Der Weg führt auf ein offenes Feld, das dem Auge ganz neue Horizonte hinaus nach Westen, Süden und Osten eröffnet. Und was ist da zu sehen: Zweckbauten der Justus-Liebig-Universität, das Heizkraftwerk und das Polizeipräsidium.

Wildwuchs oder Spielpark? Naturidyll oder Großstadtatmosphäre? Hier gibt es alles gleichzeitig und doch nichts richtig. Es ist ein laues Unentschieden - der Ort, an dem sich Gießen einfach nicht entscheiden kann.

In der »Kritik des Ortes« widmen sich Rüdiger Dittrich und Björn Gauges in monatlichen Folgen besonderen, aber nicht unbedingt besonders schönen Orten, die in Gießen zu entdecken sind.

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