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Ein Denkmal, das nicht alle lieben

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Von: Felix Müller

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Das nationalistisch geprägte Gießener Studentenmilieu setzte sich vehement für den Bau des Turms ein - hier ein Frühschoppen der Burschenschaft Germania auf dem Landgraf-Philipp-Platz 1907. Foto: Stadtarchiv Gießen © Stadtarchiv Gießen

Gießens Stadtarchivar Christian Pöpken sprach beim Oberhessischen Museum über die Geschichte des Bismarckturms auf der Hardt-Höhe.

Gießen. Der Bismarckturm auf der Hardt-Höhe ist vielen ein Begriff. Doch wie steht es um seine bewegte, mehr als 100-jährige Vergangenheit? Dr. Christian Pöpken, Leiter des Gießener Stadtarchivs, gab im Oberhessischen Museum bei einem Vortrag interessante Einblicke in die Geschichte des Denkmals - von seiner Entstehung 1905/06 bis zur Wiedereröffnung nach seiner Sanierung im Jahr 2014.

»Der Anstoß für meine Arbeit war einerseits die Verleihung des Hessischen Denkmalschutzpreis 2020 an den Förderverein, der sich seit 15 Jahren für den Erhalt des Turms stark gemacht hat. Andererseits waren es die politisch motivierten Farbbeschmierungen, ebenfalls vor zwei Jahren«, erklärte Pöpken. Der Turm und sein Namensgeber polarisieren aber nicht erst seit heute. »Die Geschichte des Bismarckturm bewegte sich in verschiedenen Spannungsfeldern, vor allem zwischen Nationalismus und Tourismus.«

Nationalismus und Tourismus

Ihren Anfang nahm die Geschichte im Jahr 1898, als ein studentisches »Bismarck-Komitee« aus den nationalistisch geprägten Verbindungen »Frankonia« und »Alemannia« gegründet wurde. Sein Ziel: Die Errichtung einer Bismarck-Säule. Finanziert werden sollte das Projekt durch Spenden der Studierenden und Professoren der Justus-Liebig-Universität. »Dieser erste Versuch verlief allerdings mäßig erfolgreich, die Spenden flossen sehr langsam. Es gab eine »allgemeine Skepsis bei Stadt und Bürgerschaft,« berichtete Pöpken.

Erfolgreicher war der nächste Anlauf 1904. Wieder wurden die Studenten zur Kasse gebeten. Von den veranschlagten 12000 Mark Baukosten, sollten sie drei Viertel aufbringen und »jeder Student im Wintersemester 1904/1905 zwei Mark zahlen. Eine Bitte, der lange Zeit nicht jeder nachkam.«

Die Grundstücksfrage klärte sich unterdessen dank des damaligen Bierbrauereimeister Georg Bichler im Frühjahr 1905. Dieser stellte das Grundstück auf der Hardt-Höhe unentgeltlich zur Verfügung. Am 29. Juli erfolgte schließlich die Grundsteinlegung des Bismarckturms, der 15 Meter hoch in den Himmel wuchs - inklusive einer begehbaren Aussichtsplattform auf 13 Metern Höhe. Genutzt werden sollte der Platz für zumeist elitäre studentische Kundgebungen.

Am 1. August kam es dann für die Stadt Gießen zu einer folgenschweren Entscheidung. Denn die Anlage wurde nach einem Vertrag zwischen Stadt und Universität zu städtischem Eigentum. Nun war die Stadt selbst für die Unterhaltung und Instandhaltung zuständig - was zu einigen Problemen führte. »Vandalismus durchzieht die Geschichte des Bismarckturms wie ein roter Faden«, berichtete Pöpken.

In den ersten Jahren nach dem Bau wurde versucht, den Turm als Ausflugs- und Wanderziel anzupreisen, »Der Standort bot einen tollen Blick über den Hardtrücken auf die Burgen Gleiberg und Vetzberg und die Berge des Lahntales, pries ihn eine Studentenzeitschrift an. Mit dem »dauerhaften Erhalt, der angemessenen Herrichtung der Umgebung, sowie die Bereitstellung des Geländes für studentische Feierlichkeiten« zeigte sich die Stadt jedoch überfordert. Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen war der Bismarckturm durch seine abgelegene Lage ein leichtes Ziel für Vandalismus. Zum anderen war das allgemeine Desinteresse zu groß. »Die Verehrung Bismarcks war kein Anliegen der Stadt oder der Bürger, sondern ging von der Studentenschaft aus.« So beschwerte sich die Universität bereits 1912 in einem Schreiben über den schlechten Zustand des Gebäudes. Bis zur NS-Zeit blieben allein die stark nationalistisch anmutenden »Fackelzüge« der Studenten zum Bismarckturm ein fester Bestandteil der Nutzung des Geländes.

»Leider gibt es kaum bis gar keine Quellen, die sich mit der Geschichte der Bismarck-Säule während der NS-Zeit, sowie der Nachkriegszeit auseinandersetzen«, bedauert der Stadtarchivar Bekannt ist, dass der Turm neben weiteren Renovierungsarbeiten (1954) auch als Austragungsort für Hirtentreffen genutzt wurde. Ebenso gab es in den 1990ern einige Volksläufe rund um das Denkmal. Doch ansonsten blieb es neben dem wiederkehrenden Vandalismus lange relativ ruhig um den Aussichtsturm, dessen Eingang bereits 1975 zugemauert wurde. Seit 2007 setzte sich ein Förderverein für den Erhalt de Bauwerks ein - mit Erfolg. Sieben Jahre später erfolgte die Wiedereröffnung des sanierten und wieder begehbaren Turms.

Weltweit gibt es übrigens noch 174 Bismarcktürme, in Deutschland sind 146 erhalten geblieben. So lässt sich erkennen, dass die Geschichte des Denkmals eng mit den Konjunkturen der öffentlichen Bismarck-Wahrnehmung verbunden ist. »Ebenso beständig zeigt sich, dass das Fremdeln der Stadt mit dem Turm von damals bis heute gilt,« so Pöpken.

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Zwischenzeitlich aus dem Blick geraten: der von Unkraut bewucherte Bismarckturm im Jahr 2004. Foto: Stadt Gießen © Stadt Gießen

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