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»Ein einzigartiger Mensch«

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Der »Tour der Hoffnung«-Organisator Gerhard Becker ist überraschend verstorben. Jahrzehntelang hatte er Geld für krebskranke Kinder gesammelt.

Gießen/Heuchelheim. »Es ist so unfassbar«. Mit diesen drei Worten beschreibt die Schirmherrin der »Tour der Hoffnung«, Petra Behle, jene Nachricht, die sich am Freitag wie ein Lauffeuer verbreitete: Gerhard Becker, Organisationschef der »Tour der Hoffnung - zugunsten krebskranker Kinder« verstarb in seinem Geburtsort völlig unerwartet im 76. Lebensjahr.

Am Abend veröffentlichte dann Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich einen ersten Nachruf. »Gerhard war Jahrzehnte das prägende Gesicht der »Tour der Hoffnung«. Nicht nur seine Familie, auch die große Tour-Familie hat einen wunderbaren Menschen verloren«, so Ullrich. »Mit seiner sehr humorvollen, feinen Art hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass die »Tour der Hoffnung« Jahr für Jahr immer höhere Erlöse einfuhr, um schwer kranken Kindern und Jugendlichen zu helfen. Sein unermüdlicher Einsatz war vorbildlich und hinterlässt eine große Lücke.« Der Auto- und Motorradclub Gießen (AMC) im ADAC, an dessen Spitze Becker seit 2000 stand, formulierte mit »Wir sind geschockt und unendlich traurig« den Verlust treffend für viele weitere Weggefährten.

Die »Tour der Hoffnung« war sein »drittes Kind«, wie Becker in Gesprächen gerne einräumte. Seit 1987 fungierte er als Organisator, was zu seiner Lebensaufgabe wurde. Tatkräftig dabei unterstützt wurde er dabei von Ehefrau Erika, die aber stets im Hintergrund blieb. Doch die Benefiz-Radtour war nicht das einzige Feld auf dem sich Becker ehrenamtlich engagierte. Über den AMC Gießen hinaus brachte er sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Heuchelheim, als Vorstandsmitglied beim Verein »Menschen für Kinder« und über drei Jahrzehnte in der Kommunalpolitik ein. In der Gemeindevertretung Heuchelheim hatte er bis zu seinem Ausscheiden zur Kommunalwahl im vergangenen Jahr über ein Vierteljahrhundert das Amt des Fraktionsvorsitzenden der FW inne. Bürgermeister Lars-Burkhard Steinz (CDU) zeigte sich bestürzt.. »Die Nachricht kam für uns alle völlig überraschend und unerwartet. Persönlich bin ich sehr traurig, er war ein guter Freund und politischer Weggefährte. Ganz Heuchelheim trauert um einen angesehenen und verdienten Mitbürger. Er hat durch sein Handeln viel Gutes bewirkt, die Kommune ist ihm zu Dank verpflichtet«, so Steinz.

Heuchelheim war nicht nur Beckers Geburts- und Wohnort, sondern lag ihm auch besonders am Herzen. Nach seiner Schulzeit begann er seine Berufs- und Beamtenlaufbahn am Fernmeldeamt der Deutschen Bundespost in Gießen und ging bei der heutigen Telekom in Pension.

35-jähriges Jubiläum stand an

Am Ausbau der 1983 von Prof. Fritz Lampert ins Leben gerufenen Benefizradrundfahrt war Becker als Organisationsleiter und mit Volker Klein als sportlichem Leiter an seiner Seite maßgeblich beteiligt. Das 35jährige Organisationsleiterjubiläum hätte in diesem Jahr angestanden, verbunden mit der Hoffnung wieder eine »richtige« mehrtägige Tour durchzuführen, nachdem in Coronazeiten lediglich zwei Tagestouren möglich waren. Die Spendenergebnisse steigerten sich von 145000 Euro auf zuletzt rund 2,3 Millionen Euro (2019).

Die heimische Geschäftswelt konnte Becker für die Unterstützung von krebskranken Kindern gewinnen und alle schätzten den Verstorbenen als einen Mann der Tat, dessen Wort verbindlich und Unterstützung selbstverständlich war. Aber auch seine ruhige Art schätzten seine »Promis«, die er für die »Tour der Hoffnung« und als Repräsentanten für Benefizveranstaltungen gewann. Mehr als 50 Prominente aus Sport und Politik konnte er für eine Mitfahrt auf den Sattel holen. Da ist zu allererst Schirmherrin Petra Behle, dann Boxer Henry Maske und auch Fernsehmoderator Johannes B. Kerner. Bundespräsident Horst Köhler konnte er ebenfalls zur Mitfahrt motivieren und Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing die »Tour«-Verantwortlichen gleich mehrfach im Kanzleramt in Berlin. Eigens nach Gießen gekommen, um die »Tour« und Gerhard Becker zu ehren, war 2010 der damalige Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitee (IOC), Dr. Thomas Bach. Fünf Jahre später folgte die Pierre-de-Coubertain-Medaille des IOC. Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt Becker 2000 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland als Verdienstkreuz am Bande und 2013 aus den Händen von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier das Verdienstkreuz 1. Klasse. Bereits 2006 hatte Bouffier im Auftrag von Ministerpräsident Roland Koch Becker mit dem Hessischen Verdienstorden ausgezeichnet und dabei betont »mit Ihrem unermüdlichen Wirken und dank der Spenden leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Krebsforschung und -behandlung. Sie schenken den erkrankten Menschen und ihren Familien Hoffnung«.

»Chief Commander« hatte noch viel vor

In den beiden vergangenen Jahren waren es »Henry’s Biker Jungs« die mit Becker Spenden einfuhren. »Mit Gerhard Becker geht ein einzigartiger Mensch, der seine ganze Kraft für die Hilfe von krebskranken Kindern einsetzte«, so Biker-Initiator Heinrich Ranft. »Ein Vereinsleben ohne dich, lieber Gerhard, ohne deine Ideen, dein Engagement, dein Organisationstalent, die uns so viele unvergessliche Stunden, Eindrücke, Einblicke und Begegnungen beschert haben, können wir uns heute noch nicht vorstellen«, teilt der AMC Gießen mit. Die Tour-Verantwortlichen mit Petra Behle und den beiden Technischen Leitern Mathias Rinn und Karsten Koch hat der Tod ihres »Chief Commander« tief geschockt. »Gerhard, wir hatten noch so viel vor. Wir wollten doch gemeinsam endlich Corona hinter uns lassen und an die schönen und erfolgreichen Zeiten anknüpfen, die wir alle mit der Tourfamilie erlebt haben. Deine Planungen passten auf den Punkt, aber vor allem dein Netzwerk war das, was wir immer bewunderten. Und deine Ruhe. Nichts brachte dich aus der Fassung. Jetzt bringst du uns aus der Fassung«, schreibt Petra Behle.

Der Verstorbene hinterlässt seine Ehefrau, zwei Söhne und zwei Enkel.

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2013 erhielt Becker das Verdienstkreuz 1. Klasse. © Thomas Wißner

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