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Ein ganz vielschichtiges Problem

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An verschiedenen Stationen informierte MediNetz Gießen über seine Arbeit. © Kremer

MediNetz Gießen stellte bei einem Infotag in der Innenstadt seine Projekte und politische Arbeit vor. Im Mittelpunkt steht die Hilfe für Menschen ohne Krankenschein.

Gießen. Angebunden an die Flüchtlingshilfe Mittelhessen und in Kooperation mit unterschiedlichen medizinischen Einrichtungen und gemeinnützigen Organisationen, wie dem Diakonischen Werk, setzen sich die Mitglieder von MediNetz Gießen für Menschen ohne Krankenversicherung ein und vermitteln medizinische Hilfe an die Betroffenen. Anlässlich des Weltfrauentags informierten sie in der Innenstadt über Projekte und die politische Arbeit der Initiative.

Verschiedene MediNetze gibt es bundesweit, in Gießen besteht das Team zu großen Teilen aus Medizinstudierenden, bei den wöchentlichen Treffen sind aber auch Studierende aus anderen Fachrichtungen sowie praktizierende Ärzte, Psychiater oder Lehrer dabei. Bei dem Stadtrundgang stand besonders die Arbeit mit schwangeren Frauen im Vordergrund. Mit einigen Fallbeispielen demonstrierten die Mitglieder von MediNetz, wie unterschiedlich die Arbeit mit den und die Probleme der einzelnen Frauen sein können. Manche brauchen über neun Monate Unterstützung, andere Fälle sind schnell und mit einem einmaligen Treffen zu regeln.

Mit informativen Kurzvorträgen regten die Organisatoren ihre Zuhörer auch mit einem Quiz zum Nachdenken an, unter anderem mit der Frage, warum es überhaupt Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland gibt. Neben Selbstständigen, die aus finanziellen Gründen die Beiträge für die private Krankenversicherung nicht mehr zahlen können oder ausländischen Studierenden, die ihre Regelstudienzeit überschritten haben, seien es auch häufig Geflüchtete, die aus Angst vor einer Abschiebung auf die Registrierung verzichten. »Es ist ein ganz vielschichtiges Problem«, bringt Merle Bitter es auf den Punkt.

Der Schritt zum Sozialamt kann ein Risiko sein, gleichzeitig sei es aber auch »die belastende Situation einer fehlenden Krankenversicherung, die dann krank macht«, fügt Chiara Bach hinzu. Werner Fleck, Kooperationspartner von MediNetz Gießen und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Tagesstätte und Beratungsstelle für Wohnungssuchende »Brücke«, erzählt von dem Misstrauen, das einige Leute gegenüber dem System haben. »Im Grunde ist die Idee, die Leute wieder an das Krankensystem heranzuführen, ihnen Mut zu machen, wieder zum Arzt zu gehen«, schildert er den gemeinsamen Auftrag von »Brücke« und MediNetz. Besonders während der Corona-Pandemie sei wieder deutlich geworden, dass viele Menschen bei politischen Entscheidungen durchs Raster fallen und Hilfen schließlich an der praktischen Umsetzung scheitern, beispielsweise wenn die Frage aufkommt: Wo gehen Menschen in Quarantäne, die kein Zuhause haben? Perspektivisch zeigt er sich bereits besorgt, mit welchen Hindernissen ukrainische Flüchtlinge bei der Beantragung einer Krankenversicherung konfrontiert sein werden.

Anonymer Behandlungsschein

Seit einigen Jahren arbeiten MediNetz Gießen und Marburg zusammen, Ziel dieser Kooperation ist die Etablierung eines Anonymen Behandlungsscheins in Hessen. Dieser Schein würde Menschen ohne Krankenversicherung - unabhängig vom Aufenthaltsstatus - den Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung gewährleisten. Gleichzeitig wäre mit Vergabe ein sogenanntes »Clearing-Programm« verbunden. Bei einem »Clearing« wird über die Möglichkeiten zur Eingliederung in die medizinische Regelversorgung informiert oder eine reguläre Krankenversicherung vermittelt.

In enger Kooperation mit der Stadt und dem Landkreis arbeitet die Initiative momentan insbesondere daran, die Versorgung von schwangeren Frauen in Gießen zukünftig zu verbessern. Das Ziel des Schwangerenprogramms ist es, die Frauen akut durch Beratungsangebote und medizinische Hilfe zu unterstützen und gleichzeitig insgesamt den Weg zurück in die Krankenversicherung zu erleichtern. Für die Umsetzung dieser Pläne hofft das MediNetz auf Unterstützung durch die Stadt. Obwohl sich die Organisation als direktes Vermittlerprogramm durch seine Niedrigschwelligkeit auszeichnet, steht für die Mitglieder die politische Arbeit stark im Fokus. »Es ist uns ganz, ganz wichtig, dass unsere Arbeit nicht zu einer Parallelstruktur wird«, betont Rebecca Maitra, schließlich sei das Endziel eine Krankenversicherung für alle. Der Staat müsse »seiner Aufgabe zum Menschenrecht nachkommen«, erklärt sie und weist auch auf die Petition der Initiative hin.

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