+
Spanische Klänge: Sopranistin Naroa Intxausti und der Opernchor des Stadttheaters unter der Leitung von Martin Spahr, begleitet von Wolfgang Wels am Klavier.

Ein ganzes Haus zeigt, was es kann

Gießen. Ein Kaleidoskop der Möglichkeiten und der Vielfältigkeit des Stadttheaters präsentierten am Sonntagabend die Mitwirkenden der Benefiz-Gala «Rollendes Klassenzimmer« zugunsten eines neuen Projekts des weltweit engagierten und in Marburg beheimateten Fördervereins Terra Tech.

Das Programm war schmissig, abwechslungsreich und kurzweilig, da nahezu alle Sparten einen Bühnenbeitrag leisteten. Der Opernchor glänzte mit Ausschnitten aus Haydns »Schöpfung«, eine Reminiszenz an das jüngste Konzert des Symphonie-Orchesters im November, wenngleich auf die orchestrale Besetzung verzichtet wurde. Der Chor wurde diesmal von Wolfgang Wels dezent am Klavier begleitet.

»Schöpfung« und spanische Klänge

Unter dem akzentuierten Dirigat von Martin Spahr, Erster Kapellmeister des Stadttheaters, erklangen neben dem opulenten Klanggerüst der »Schöpfung« auch spanische Klänge. Die Sopranistin Naroa Intxausti hat dabei jeweils Soloparts übernommen. In einem kleinen musikalischen Block, bestehend aus drei Arien (gemeinsam mit dem Chor) aus den Stücken »La Tabernera del Puerto« von Pablo Sorozabel, »Luisa Fernanda« und »La Marchernera« (beide von Federico Moreno Torroba) konnte sie ihre glockenhelle Sopranstimme entfalten. Dies ist ihr Metier, hier ist sie stimmlich zu Hause. Die Chorstücke wurde immer wieder durch Einzelinterpretationen anderer Sparten ergänzt, was für einen abwechslungsreichen und abgestimmten Fluss sorgte.

Sprachliche Akzente setzten die beiden Schauspieler Johanna Malecki und Tom Wild mit zwei sorgsam ausgewählten literarischen Texten. Malecki trug Passagen aus dem spannungsreichen Gedicht »Das Ministerium der verletzten Gefühle« des Inders Altaf Tyrewala vor, das die Zerrissenheit und den Irrwitz der Metropole Mumbai beschreibt. Wild konnte mit Passagen aus »So wirst Du stinkreich im boomenden Asien« von Moshin Hamid das Publikum begeistern, wenngleich die Geschichte auch belegte, wie weit entfernt Indien nicht nur geografisch von Europa ist.

Dass die Mitglieder der Tanzcompagnie des Stadttheaters eine Klasse für sich sind, ist bekannt. Madeleine Salhany, Jeremy Curnier, Chiara Zincone und Michael D’Ambrosio bewiesen dies mit drei höchst unterschiedlichen Kurzchoreografien: klar, modern und ausdrucksstark.

Der fast intimen Atmosphäre des Abends wurde durch zwei kammermusikalische Stücke besonders Rechnung getragen: Carol Brown (Flöte) zeigte mit der Sonate in A-Dur von César Franck ein echtes Kleinod, ebenso wie Viktoria Krasteva (Violoncello) mit der Sonate in g-Moll von Sergej Rachmaninov, beide wurden jeweils von Evgeni Ganev am Klavier begleitet.

Das Engagement des Theaters für den Verein Terra Tech kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits im Jahr 2010 gab es das erste Benefizkonzert für die Erdbebenopfer in Haiti. In Erinnerung bleibt auch das Engagement des Theaters für die Taifun-Opfer 2013. Daran anknüpfend wurde das jetzige Programm zu Gunsten eines organisiert, um bei der Finanzierung eines neuen Projekts zu helfen.

In einem Gespräch mit Dr. Gangolf Seitz, Vorsitzender von Terra Tech Förderprojekte, stellte Intendantin Cathérine Miville diese langjährige Verbundenheit heraus. Sie legte dar, warum gerade jetzt ein solches Konzert von Bedeutung sei: »Gerade, wo der Fokus weltweit von so vielen Problemen weltweit weggerückt ist, ist es besonders wichtig, mit einer solchen Veranstaltung daran zu erinnern, dass die Probleme der Welt nicht ruhen, weil wir jetzt eine Pandemie haben. Darum wollen wir ins Gedächtnis rufen, dass die Probleme bestehen und durch die Pandemie sogar noch größer werden.«

Gesammelt wurde für das »Rollende Klassenzimmer«, das der Verein in der indischen Megametropole Mumbai gemeinsam mit seinem Partnern vor Ort auf die Beine stellen will. Ein mit Lernmaterialien ausgestatteter Motorroller soll als niederschwelliges Lernangebot für Kinder in den Slums dienen. »Viele Menschen haben großes Mistrauen gegenüber den Behörden. Für sie bedeutet es schon eine große Hürde, ihre Kinder in einer Schule anzumelden. Dieses Scheu soll durch den Motorroller abgebaut werden«, erläuterte der Vorsitzende.

Weitere Informationen sind im Internet zu finden unter: https://www.terratech-ngo.de.

Muskelspiele: Jeremy Curnier von der Tanzcompagnie Gießen.

Das könnte Sie auch interessieren