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Ein »Gießener Kopf« für Ria Deeg?

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Von: Stephan Scholz

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Die »Gießener Köpfe« erinnern an bekannte Persönlichkeiten. Kommt eine Büste von Ria Deeg dazu? © Docter

Die »Gießener Köpfe« erinnern an historische Persönlichkeiten, die in der Stadt Spuren hinterlassen haben. Schon länger wird diskutiert, ob Ria Deeg dazugehören soll. Nun liegt ein Gutachten vor.

Gießen. An bedeutende Persönlichkeiten erinnern. Das ist die Idee der »Gießener Köpfe«. Soll Ria Deeg in diesen Kreis aufgenommen werden? Immer wieder hat die Stadtpolitik diese Frage in den vergangenen Jahren diskutiert - bislang blieb die Ehrung aus. Am heutigen Donnerstag steht nun ein zeithistorisches Gutachten zu der Gießenerin auf der Tagesordnung des Ausschusses für Schule, Bildung und Kultur. Unter dem Titel »Ria Deeg. Ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis der Stadt Gießen« hat sich Dr. Ulrike Krautheim mit Heinrich Brinkmann, Christine Schmidt und Hans-Walter Schmidt mit der im Jahr 2000 verstorbenen Gießenerin befasst.

Krautheim und Mitstreiter kommen zu einer klaren Bewertung: »Ria Deeg trat ein für die Sache der Friedensbewegung, die Sache der Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sowie der Demokratie und Toleranz im Sinne ihrer politischen Grundüberzeugung. Ihr ist dabei gelungen, was durchaus nicht allen ihren Gegnern gelungen ist - nämlich die Gegenseite menschlich zu akzeptieren, ja sogar sich selbst durchaus auch mal mit leiser Ironie zu betrachten. Dazu gehört, neben einem scharfen Verstand, ein großes Herz - dass es links schlägt, sollte nicht daran hindern, ihre Lebensleistung anzuerkennen, ja, vielleicht sogar zu bewundern.«

»Ein Arbeiterkind«

Die Argumentationslinie von Krautheim und Kollegen führt weit zurück - bis ins städtische Arbeitermilieu zu Beginn des 20. Jahrhunderts. »Ria Baitz (verheiratete Deeg) war ein ›Arbeiterkind‹ mit allen Konsequenzen dieses sozialen Status: bittere Armut, ein Vater, der kurz nach ihrer Geburt 1907 tödlich verunglückt war und ihre Mutter mittellos mit drei Kindern und ohne Versorgung zurückließ. Eine Mutter, die sich und ihre Kinder ohne Stütze als Wasch- und Putzfrau durchschlagen musste, die darauf angewiesen war, dass ihre Kinder so bald wie möglich auf eigenen Füßen standen. Für Mädchen wie Ria bedeutete dies:Ende der geschützten Schulzeit 1922, entgegen eigenen Wünschen und Bedürfnissen, und Arbeitsaufnahme als Dienstmädchen (...)«, verdeutlicht das Team. In dieser Zeit sei Deeg in der SAJ, Jugendorganisation der SPD. aktiv gewesen. Politik und politische Bildung standen natürlich im Fokus. »Dass die Dienstherrschaft nicht begeistert ist, als das junge Mädchen die rote Fahne schwenkend durch Gießen zieht, und sich bei der Mutter beschwert, tut dem Engagement keinen Abbruch«, heißt es in dem Gutachten. In diesem Lebensabschnitt habe Deeg die Handelsschule besucht und ihr Geld mit einer Putzstelle verdient. Der Blick auf die SPD wurde um 1927 zunehmend kritisch. Krautheim und Kollegen führen aus, dass Deeg empört gewesen sei über Widersprüche zwischen Wahlkampfparolen und realer Politik. Unter Einfluss der sozialistischen Studentengruppe der Uni wechselte sie schließlich die Partei: Mit einigen anderen trat Deeg 1932 in die KPD ein.

Ein wichtiges Thema sei in dieser Zeit das Engagement gegen die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern gewesen. Ria Deeg eine frühe Feministin? Ja, sagen Krautheim und Mitarbeiter.. Die Gießenerin habe sich selbst die Genossen zur Brust genommen: »So heiße es immer, man müsste die Frauen viel mehr aktivieren, aber wie die ›Proletenfrauen‹ daheim zurechtkämen, interessiere keinen Mann. Diese hätten, besonders als Arbeitslose, den ganzen Tag im Parteibüro gesessen und den Frauen den Rest der Lebensbewältigung überlassen.« In SPD und KPD war Deeg zuständig für »Frauenthemen«. Ab 1933 wurde der Widerstand gegen die Nationalsozialisten zentrales Thema. Flugblätter verfassen und verteilen, Familien von Genossen helfen, die selbst im Konzentrationslager sind: Bis zu ihrer Verhaftung im November 1934 habe sich die Gießenerin aktiv gegen die Nazis engagiert.

Widerstand gegen die Nazis

Im Juli 1935 das Urteil: Zweieinhalb Jahre Zuchthaus, nach denen ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Krautheim und Mitarbeiter berichten, dass die Kommunistin 1940 Walter Deeg heiratete, der zwei Kinder in die Ehe einbrachte - ein drittes folgte 1941. »Sie leben zu fünft in einer Einzimmermansarde, belästigt durch Denunziationen von Nachbarn, polizeilich schikaniert und bedroht. Ria Deeg macht die Erfahrung, dass nicht nur Polizisten und Justizbeamte brüllen, sondern auch Babies und Ehemänner - die Nerven liegen blank«, heißt es in dem Gutachten. Nach entbehrungsreichen Jahren und dem Kriegsende sei Deeg am 1. Dezember 1946 als Abgeordnete der KPD in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. Ihr habe sie bis 1956 angehört. Trotz Verbot der Partei im selben Jahr seien die Deegs ihren Überzeugungen treu geblieben. Praktisch habe dies unter anderem Protest gegen die Wiederbewaffnung sowie das Engagement in der Friedensbewegung bedeutet. Das Ende der DDR sei für Deeg offensichtlich ein »schmerzhafter Prozess der Ablösung« gewesen. Das Verhältnis zu Stalin angesichts von Nachrichten zum Beispiel über Massenmorde beschreiben die Verfasser als komplizierter. Die Gießenerin selbst habe gesagt: »Ich stelle Unrechtes nicht in Abrede und es ist nicht in Abrede zu stellen, das wäre ja blöd, zu sagen, das war alles nicht so, aber es ist sehr bitter, das zugestehen zu müssen. Es war schon ein Schlag, sehr hart für einen überzeugten Kommunisten«. 1987 wurde Deeg, die sich mit ihrem Mann auch als Zeitzeugin engagierte, vom ehemaligen Oberbürgermeister Manfred Mutz für ihren »Einsatz für Menschlichkeit, Anstand und politische Moral« mit der Goldenen Ehrennadel ausgezeichnet.

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