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Ein Impfstoff für alle? »Das ist schwierig!«

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Gebrauchte Spritzen in einem Impfzentrum in Erfurt. In Marburg kümmern´sich Mediziner um Menschen, die nach einer Corona-Impfung zum Teil schwere Schädigungen entwickelt haben. Die Ursachenforschung steht - auch mangels valider Daten - noch ganz am Anfang. Archivfoto: dpa © Red

Bis zu neun Monate Warten. Die Patientenliste an der Ambulanz für Menschen mit schweren Schädigungen nach einer Corona-Impfung am Marburger Uniklinikum wird immer länger.

Gießen/Marburg. Long Covid ist ein vieldiskutiertes Thema. Bereits seit zwei Jahren gibt es am Standort Gießen des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) eine Long-Covid-Ambulanz, die in dieser Zeit rund 150 Patienten betreut hat, die unter den Nachwirkungen einer Covid-Infektion leiden (der Anzeiger berichtete). Auch in Marburg gibt es eine Long-Covid-Ambulanz, die seit Anfang 2022 rund 250 Patienten registriert hat. Weniger bekannt ist eine zweite UKGM-Ambulanz am Standort Marburg, die sich seit Beginn dieses Jahres um eine andere, und derzeit rapide größer werdende Gruppe von Patienten kümmert. Deren Krankheitsbilder ähneln denen von Long-Covid-Patienten zum Teil sehr, mitunter sind sie aber auch weit gravierender für Betroffene. Was sie aber alle eint, ist, dass sie nicht nach einer Infektion, sondern nach einer Impfung, englisch Vaccination, auftraten. Über dieses Post-VAC-Syndrom sprachen wir mit dem Leiter der Marburger Ambulanz, und Direktor der Klinik für Kardiologie Prof. Bernhard Schieffer.

Wie lang ist derzeit Ihre Warteliste?

Aktuell haben wir über 2000 Patienten und die Termine sind bereits bis Ende 2022 ausgebucht. Wir hatten im Frühjahr 2021 angefangen, Long-Covid-Patienten interdisziplinär zu behandeln, und haben dann festgestellt, dass dazwischen einzelne Patienten waren, die ähnliche Symptome wie Corona-Infizierte hatten, nur waren diese Patienten geimpft und hatten keine Covid-Infektion.

Waren die erkrankt und geimpft oder nur geimpft?

Das haben wir uns systematisch erst ab Sommer 2021 angeschaut, als die Impfkampagne ins Rollen gekommen war und sich gleichzeitig mehr Patienten mit Long-Covid-Symptomen vorstellten. Wir haben dann ab Herbst 2021 angefangen, diese Patienten systematisch zu untersuchen und dafür im Januar dieses Jahres eine eigene Sprechstunde parallel zur interdisziplinären Long-Covid-Ambulanz eröffnet.

Sind Sie die einzige Ambulanz für Impfnebenwirkungen in Deutschland?

Es wird immer von den Nebenwirkungen der Impfung gesprochen. Das sehen wir so nicht, sondern wir sagen Post-VAC-Syndrom, da die Beschwerden vielfältig sind und Long-Covid sehr ähneln. Die Ursachen reichen von genetischen Problemen über Autoimmundefekte bis hin zu infektiologischen oder neurologischen Erkrankungen, die vorher nicht bekannt waren. Das sind sehr bunte Symptome und Begleiterkrankungen. Im deutschsprachigen Raum sind es derzeit eine Handvoll Ambulanzen, die sich mit dieser Fragestellung beschäftigen.

Denken Sie, dass noch mehr solcher Ambulanzen nötig sind?

Also, wir kommen unseren Verpflichtungen - was unsere Mitbürger aus Hessen betrifft - auf jeden Fall nach. Das heißt, wenn wir Anfragen aus Hessen erhalten, dann ziehen wir diese vor, weil wir uns für Hessen verantwortlich fühlen. Aber für diese spezielle Fragestellung würden wir uns schon in anderen Regionen mehr Unterstützung wünschen. Da sind wir als Uniklinik, deren Aufgabe es ist, Spezialpatienten mitzubetreuen, derzeit auf uns allein gestellt.

Nach welchen Kriterien nehmen Sie ihre Patienten auf? Welche Symptomatik muss da vorliegen?

Wir haben für Patienten eine extra E-Mail-Adresse ( post-covid-impfung.mr@uk-gm.de ) eingerichtet, an die diese ihre Befunde und Anliegen schicken können. Das sind in der Mehrzahl Patienten, die sechs bis neun Monate nach der Impfung oder einer Infektion Long-Covid-Symptome haben. Je schwerer die Fälle sind und je länger die Patienten Symptome haben, desto schneller nehmen wir sie dran.

Wie groß ist die Bandbreite der Schädigungen, die diagnostiziert werden?

Die leichtesten Fälle sind Patienten, die über chronische Müdigkeit und Abgeschlagenheit bei physischer Gesundheit klagen. Es gibt aber auch Patienten, die hier mit dem Rollstuhl ankommen und die nicht mehr laufen können, da sie durch chronische Nervenschäden eine Paralyse entwickelt haben. Die Ursachen dafür sind äußerst vielschichtig, deshalb auch die interdisziplinäre Betreuung. Viele von denen sind leider lebenslang erkrankt. Wenn sie sich dann vorstellen, dass das junge Menschen sind, die mitten im Leben standen, ihre Karriere vor sich hatten, dann ist es auch für einen Arzt sehr belastend. Darunter sind viele junge Studenten, die nach jedem Strohhalm greifen, den sie kriegen können. Denen müssen sie eine Ansprechmöglichkeit bieten, ihnen erklären, wo das Problem liegt. Deshalb planen wir auch Patienten-Seminare online.

Das Thema Corona ist nach mehr als zwei Jahren Pandemie extrem aufgeladen. Fürchten Sie, dass Ihre Arbeit instrumentalisiert werden könnte?

Wir wurden ja schon instrumentalisiert, von Menschen, deren politische Gesinnung uns sehr fern liegt. Ich bin ein absoluter Befürworter der Impfung, aber wir haben hier einen Teil der Bevölkerung vor uns, der anscheinend vulnerabel ist für eine Impfung gegen Corona. Und diese Gruppe gilt es zu identifizieren. Den zugrunde liegenden Mechanismus muss man aufklären. Das ist die wissenschaftliche Herangehensweise an das Problem. Und das ist auch mittlerweile nach ein paar Monaten intensiver Diskussion in jede Richtung akzeptiert.

Kann man schon sagen, wie viele Geimpfte von solchen Komplikationen betroffen sind?

Die Hersteller sprechen von 0,02 Prozent Das ist die Zahl der Patienten, bei denen in den Zulassungsstudien und Post-Marketing-Studien der Hersteller Symptome aufgetreten sind. Die Unterschiede sind wirklich minimal zwischen den einzelnen Herstellern, so dass man im Moment davon ausgehen kann - ohne dass es bewiesen wurde -, dass es nichts mit der Art des Impfstoffs zu tun hat, sondern eher mit dem Protein, dem Virusbestandteil gegen das geimpft wurde. Dies alles spricht aber trotzdem in keinster Weise gegen eine Impfung.

Weil?

Gehen Sie mal auf unsere Intensivstationen und schauen Sie sich das Leid derjenigen Patienten an, die mit einer Covid-Erkrankung auf einer Intensivstation liegen. Diese Menschen kämpfen sich mühsam ins Leben zurück und dies kann mit einer Impfung verhindert werden. In Gießen lagen zeitweise Dutzende Patienten an kreislaufunterstützenden Geräten und wurden parallel künstlich beatmet wegen Herz-Lungen-Versagen. Das UKGM in Gießen hatte eine sehr, sehr hohe Last (und Verantwortung) in der Region getragen. Für uns ist deshalb aus wissenschaftlicher Sicht die Impfung und die möglichen Wirkungen, die diese auslöst, eine Modellerkrankung für die Behandlung von Long-Covid-Patienten und deshalb erforschen wir das so intensiv. Wir hoffen einen Mechanismus zu identifizieren, der uns hilft, künftig Bevölkerungsgruppen zu identifizieren und diese dann gezielt zu schützen. Auch in der kommenden Herbst/Winter-Saison wird nichts daran vorbei führen, diese Bevölkerungsgruppe weiter zu impfen. Aber dann möchte ich auch gerne wissen: Wer ist betroffen und wie kann man diese schützen?

Sehen das die Impfstoffhersteller denn genauso?

Wir kommen gerade aus intensiven Diskussionen mit den Herstellen zu genau diesen Überlegungen, was man eventuell optimieren kann. Die Idee «One Size Fits All - Eine Dosis für alle« ist schon recht schwierig. Das kann man machen, wenn man am Beginn der steigenden ersten Welle steht und seine Bevölkerung schützen will, aber jetzt leben wir im Jahr 2022 mit all den Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung sowie der weltweiten Epidemiologie. Jetzt können wir es besser.

Das bedeutet für die Impfstoffproduzenten aber auch mehr Aufwand.

Die Impfstoffhersteller sind genau wie wir an präziseren Daten interessiert. Den fehlen auch die Rückmeldungen aus einem Register, um sich für künftige Wellen zu rüsten.

Sie gehen also davon aus, dass uns Corona in den nächsten Jahren erhalten bleibt?

Ich bin kein Immunologe und auch kein Infektiologe, sondern Kardiologe und beschäftige mich mit den kardiologischen Komplikationen dieser Erkrankung. Aber so wie wir das jetzt über zwei Jahre kennengelernt haben, wird uns diese Erkrankung über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte beschäftigen. Das Virus wird uns immer wieder vor neue wissenschaftliche und medizinische Herausforderung stellen. Es erinnert an die Influenza-Ausbrüche in den ersten 20 Jahren des letzten Jahrhunderts oder an die Polio (Kinderlähmung) in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Viele ältere Kollegen aus der Region berichten heute noch über die desaströse und manchmal hilflose Situation als Arzt in dieser Zeit. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns wenigstens in den nächsten Jahren mit der jetzigen Pandemie und der Erkrankung Covid-19 auseinandersetzen müssen.

Das müssen wir mit der Influenza auch, die als allgemeines Lebensrisiko betrachtet wird.

Das wird mit Corona wahrscheinlich zukünftig so sein, aber da sind wir wieder bei der Spekulation. Den ersten Corona-Ausbruch hatten wir ja mit SARSCoV-1 in den Jahren 2002 bis 2004 von China ausgehend im asiatischen Raum mit damals mehreren Tausend Toten. 15 Jahre später kam dann die nächste Corona-Welle. Das wird uns aller Wahrscheinlichkeit nach immer und immer wieder drohen. Anders als früher haben wir heute mit moderner Forschung und internationaler Vernetzung aber die Möglichkeit es besser zu machen. Und deshalb ist es wichtig, dass wir einerseits den Impfstoff und unserer Impfstrategie immer anpassen und auch ärmere Länder mit ausreichend Impfstoffen versorgen.

Halten Sie es vor dem Hintergrund immer noch fehlender Daten für glücklich, dass die Schaffung eines Impfregisters mit der Einführung einer Impfpflicht gekoppelt wurde ?

Wissen Sie, das ist eine politische Frage. Ich bin Mediziner und entscheide auf wissenschaftlich-medizinischer Basis. Meine persönliche Meinung als Bürger und Arzt ist: Dieses Land braucht eine Dokumentation, wer wie geimpft ist und dann wären viele unserer Tätigkeiten hinfällig. In Schweden beispielsweise sind viele der hier beobachteten Nebeneffekte nicht aufgetaucht. Ob das daran liegt, dass in Schweden anders geimpft wurde, also tatsächlich nur die Hochrisikogruppen, während der Rest durchseucht wurde? Wir wissen es nicht. Das sind aber Überlegungen, die wir für den kommenden Herbst und Winter für unser Land im Hinterkopf behalten müssen. Hätten wir ein nationales Impfregister in Deutschland, könnte man vielen der in Social Media herumgeisternden nebulösen Anschuldigungen etwas entgegensetzen und sie entkräften.

Wie gut ist denn die Datenlage in Deutschland?

Wenn ich keine Fakten habe, dann kann ich nur spekulieren. Wir haben nur eingeschränkte Einblicke in die tatsächlich betroffene Bevölkerung in Bezug auf Long-Covid- und Post-VAC. Wir Kliniker und Wissenschaftler sollten uns mit Spekulationen zurückhalten solange keine reproduzierbaren Fakten vorliegen. Da sind skandinavische Länder oder Großbritannien uns voraus, wo diese Informationen erfasst werden. Es gibt aber bei den europäischen Gesundheitsbehörden jetzt wenigstens Studien-Anmeldungen zu diesem Thema aus Finnland, Schweden, den Beneluxstaaten und ich hoffe auch bald aus Deutschland, von uns.

Sehen Sie da Versäumnisse beim Robert-Koch-Institut oder beim Paul-Ehrlich-Institut?

Nein, denn das PEI kann nur mit dem arbeiten, was ihm gemeldet wird. Unser Bundesgesundheitsminister wird sicherlich auf die Erhebung von Daten drängen, damit wir künftig besser gerüstet sind.

So oder so: Mit validen Daten könnte man doch nur gewinnen, oder?

Wir leben in einer Zeit, in der man, so unangenehm es auch ist, nach der Wahrheit streben sollte. Jede Spekulation landet früher oder später im Datenmüll.

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