1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Ein jüdisches Leben

Erstellt:

»Mir scheint, dass Isidor dieser weitere Schritt der systematischen Beraubung, der in so bürokratisch tadelloser Gestalt daherkam, irgendwie vertraut erscheinen musste, wie die Steuererklärung all der Jahre zuvor.«

Die Gestalt des Grauens, das wissen wir heute, war zu Zeiten des Nationalsozialismus umso perfider, weil sie sich in den Mantel der Selbstverständlichkeit, ja scheinbaren Normalität kleidete. Getragen wurde dies von Menschen, die zuvor noch mit den Unterdrückten, Verfolgten und Gejagten Tür an Tür, Haus an Haus lebten, in eine Kneipe gingen oder sich zum Sport getroffen hatten.

Immer noch reiben wir Nachgeborenen uns die Augen, wie das gehen konnte, diese Barbarei im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur salonfähig zu machen, sondern als eine - wie heißt es heute so unschön? - gefühlte Normalität zu etablieren.

Auch davon erzählt Shelly Kupferberg in der (halbfiktionalen) Biografie ihres Urgroßonkels Dr. Isidor Geller, die zwischen Erzählung und Bericht changiert. Man kann die 1974 geborene Autorin nicht genug dafür loben, die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben zu haben, denn mit jedem Buch, das gelesen wird und wie ein Stolperstein in seiner Wirkung ist, bleibt die Erinnerung erhalten, da die Zeitzeugen immer weniger werden, ja, bald nicht mehr sind.

Schnörkellos und ganz nah dran

Nah dran sind wir dank Kupferbergs eingängigem und schnörkellosen Stil am Leben der Gellers in Wien. Nah dran an jenem Kommerzialrat, der es aus ärmsten Kreisen im hintersten Winkel Galiziens in die Welt der oberen Zehntausend Wiens geschafft hat. Anerkannt, (groß)bürgerlich, als Berater des österreichischen Staates zutiefst integriert. Und dann dringen sie ein, in diese Welt: die vulgären, obszönen, niederträchtigen Braunhemden, die Menschen jagen, erniedrigen, ihnen Hab und Gut entreißen, sie zur Flucht zwingen oder in die Gaskammern verfrachten.

Wir kennen diese Geschichten, wir kennen die Geschichte, lesen aber auch »Isidor. Ein jüdisches Leben« mit Schrecken, mit Scham, mit Abscheu. Und dann sehen wir uns um. Kupferberg erinnert daran, dass es auch damals unvorstellbar schien, was geschah. Literatur als Erinnerung, aber auch Mahnung: wachsam zu bleiben. Und Literatur als Denkmal »für Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hieß er Israel.« Unbedingt zu empfehlen.

Shelly Kupferberg: Isidor. Ein jüdisches Leben. 252 Seiten. 24 Euro. Diogenes.

Auch interessant