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Ein Künstler seiner Zeit

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Das Metallrelief aus dem Jahr 1965 von Walter Kröll an der Limesschule in Watzenborn-Steinberg, das zum Anstoß einer Debatte und eines Uni-Seminars wurde. Foto: Klein © Klein

Eine neue Ausstellung widmet sich dem Gießener Walter Kröll, dessen Biografie Anlass zum Nachdenken über Künstler mit problematischer NS-Vergangenheit gibt.

Gießen. Ist das Kunst - oder kann das weg? Die alte Scherzfrage bekommt eine reale Bedeutung, wenn man das Werk von Walter Kröll (1911 - 1976) unter die Lupe nimmt. Der vielseitig begabte Gießener Maler schuf neben Gemälden und Zeichnungen auch Werke der Kunst am Bau, die im Landkreis Gießen vielfach im öffentlichen Raum zu sehen sind. Darunter ist ein Metallrelief, das seit 1965 die Fassade der Limesschule in Watzenborn-Steinberg ziert. Doch nun steht die Schule vor dem Abriss und Neubau - und so stellt sich die Frage: Was tun mit der Kunst? Zumal sich zeigte, dass Kröll, Mitbegründer des Oberhessischen Künstlerbunds im Jahr 1943, nicht nur nach der Zeit des Nationalsozialismus gut im Geschäft war - sondern auch schon währenddessen.

Studierende des Institus für Kunstgeschichte an der Justus-Liebig-Universität widmeten sich nun anlässlich der Debatte um das Metallrelief intensiv dem Werk und der Person Krölls. Die von ihnen in einer Lehrveranstaltung erarbeiteten Ergebnisse führten zu einer Kabinettausstellung des Oberhessischen Museums, die am Dienstagabend öffentlich vorgestellt wurde. Die Besonderheit dieser kleinen Schau im Alten Schloss: sie wird von den als Kuratoren fungierenden Studierenden in den nächsten Wochen stetig weiter überarbeitet und ergänzt. Offizielle Eröffnung ist am 12. Oktober (18.30 Uhr).

Dass sich Kröll exemplarisch für den heutigen Umgang mit Künstlern eignet, die eine problematische Nazi-Biografie aufweisen, macht die Ausstellung im zweiten Obergeschoss schon anhand zweier Selbstporträts deutlich. Das eine zeigt den gebürtigen Gießener in kräftigen, expressionistischen Farben und Strichen. Eine Gesichtshälfte ist verschattet, der Blick des Malers skeptisch und distanziert. Auf der anderen Seite der Schau ist eine frühere Selbstbetrachtung Krölls zu sehen: selbstbewusster Blick, klare Striche, deutlich im »deutschen« Stil ihrer Zeit gehalten.

Und wie die Studierenden im Zuge ihrer intensiven Recherche im Stadtarchiv, im Museum und bei ihrer Feldforschung überall im Landkreis herausfanden, hatte Kröll auch keine Berührungsängste, sich motivisch zum Regime zu bekennen. Er schuf etwa ein »Führer-Bildnis« für die Neue Aula der Gießener Universität oder machte einen jungen Trommler der Hitler-Jugend zum Porträt.

Seiner Karriere nach dem Krieg tat dieses künstlerische Bekentnis zum Nazi-Staat jedoch keinen Abbruch. Krölls Objekte der 50er und 60er Jahre sind unter anderem an Schulen und Kindergärten zu sehen. Mit Kunst am Bau »ließ sich damals gutes Geld verdienen«, berichtet Prof. Sigrid Ruby, die Leiterin des Kunstgeschichte-Seminars. Krölls Stil der Nachkriegsjahre bezeichnet Annabel Ruckdeschel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut, als »gemäßigte Moderne«. Kröll habe nicht zur Avantgarde zählen, sondern einfach »handwerklich gute Kunst« bieten wollen. Und das sei ihm dank seiner technischen Fähigkeiten durchaus gelungen. Für Institutsleiterin Ruby ist Kröll als Künstler heute dennoch eher »exemplarisch interesant«. Sein Wirkungskreis ist weitgehend auf den Raum Gießen beschränkt. Sein Stil weise nicht über seine Zeit hinaus. Krölls Biografie mache zugleich klar: »Kunst ist eben auch ein Brotberuf.«

So lasse sich anhand seiner für diese Generation typischen Biografie die spannende Frage verhandeln, wie heute mit Künstlern umzugehen ist, die sich einst an das Nazi-Regime banden. »Zum Umgang mit Arbeiten von Walter Kröll« lautet denn auch der Titel der Ausstellung. Dazu wollen die Studierenden in den nächsten Wochen mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Und auch für weitere Hinweise zu Leben und Werk Walter Krölls sind sie dankbar.

Die Ausstellung im Alten Schloss wird regelmäßig ergänzt. Die offizielle Eröffnung findet am 12. Oktober (18.30 Uhr) statt.

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gikult_kroellzwei_080922_4c_1 © Red
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gikult_kroelleins_080922_4c_1 © Red

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