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Ein Möller geht, ein Bouffier kommt

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Die Delegierten des Parteitages des CDU-Stadtverbandes, darunter Ex-Ministerpräsident Volker Bouffier (l.), verabschiedeten den scheidenden Vorsitzenden Klaus Peter Möller (r.) mit stehenden Ovationen aus seinem Amt. Fotos: Berghöfer © Berghöfer

Frederik Bouffier, der Sohn des früheren Hessischen Ministerpräsidenten, ist neuer Vorsitzender der Gießener CDU, Klaus Peter Möller erster Ehrenvorsitzender des Stadtverbandes.

Gießen. Die Zeitenwende ist ja derzeit eine viel strapazierte Vokabel in der deutschen Politik. Eine echte Zeitenwende war nun auf jeden Fall der Parteitag des CDU-Stadtverbandes im Bürgerhaus Wieseck. Nach mehr als 23 Jahren ging an diesem Abend die Ära Klaus Peter Möller an der Spitze der Gießener Christdemokraten zu Ende. Neuer Vorsitzender wurde der Spross einer Gießener Christdemokraten-Dynastie. Nur einen Tag, nachdem sein Vater das Amt des Hessischen Ministerpräsidenten niedergelegt hatte, wurde Frederik Bouffier zum neuen Vorsitzenden der Gießener CDU gewählt. Der 31-jährige Rechtsanwalt hatte keinen Gegenkandidaten, für ihn votierten 66 der 69 Delegierten - oder 95,7 Prozent.

Am Ende des Parteitags ehrten seine Parteifreunde den Mann, der fast ein Vierteljahrhundert CDU-Politik geprägt hat und unter dessen Ägide die Partei im strukturell eher linken Gießen zweimal in die Regierungsverantwortung kam, mit einer besonderen Auszeichnung. Klaus Peter Möller wurde zum ersten Ehrenvorsitzenden des Stadtverbandes überhaupt gewählt. Dass Möllers Amtsführung in den eigenen Reihen zuletzt nicht unumstritten war, schlug sich im Wahlergebnis nieder. Zehn Delegierte nutzten diese letzte Gelegenheit zum Nachkarten und stimmten gegen Möller in einer Wahl, die doch eigentlich Ehrensache sein sollte.

Ende einer Ära

Der Ehrenvorsitzende hatte zuvor in einer bemerkenswerten, reflektiert-nachdenklichen Rede Siege und Niederlagen Revue passieren lassen und dabei auch Weggefährten Tribut gezollt, die man bei »KPM« nicht unbedingt auf dem Zettel gehabt hätte. So lobte er ausdrücklich den früheren SPD-Oberbürgermeister Manfred Mutz, der zwar Sozialdemokrat, »aber ein ordentlicher Kerl« gewesen sei und ihn sehr geprägt habe. In dessen Zeit hätten sich Stadtverordnete aller Parteien nach den Sitzungen noch zum offenen Dialog getroffen. »Es war ein offener Austausch, weil wir alle wussten, nichts, was hier gesagt wird, steht am nächsten Tag in der Zeitung.«

Möller räumte ein, dass es ihm nicht leicht falle, ein Amt, mit dem er in 23 Jahren und damit der Hälfte seines bewussten Lebens verwachsen sei, aufzugeben, aber er sei mit sich im Reinen. »Ich habe meiner Partei alles gegeben, was ich geben kann. Ich kann ihr aber jetzt nichts mehr bieten, was sie in den kommenden Wahlkämpfen benötigt«, schloss Möller seine Ansprache, die als einzige an diesem Abend mit stehenden Ovationen bedacht wurde.

Auch wenn Möllers Nachfolger an der Parteispitze im Kampf um das Gießener Rathaus im vergangenen Jahr unterlegen war, zeigte sich Frederik Bouffier in seiner Bewerbungsrede an die Delegierten als versierter und kämpferischer Anführer, obwohl es den ganz großen Rundumschlag zum Ukraine-Krieg und dem »Kriegsverbrecher Putin« oder die Attacken auf den zaudernden Bundeskanzler und das »unwürdige Schauspiel« seiner Verteidigungsministerin« vielleicht nicht gerade im Wiesecker Bürgerhaus gebraucht hätte. Den größeren Teil seines Vortrags widmete Bouffier Junior unter den Augen seines Vaters zwei anderen Themen. Zum einen nahm er sich die Angriffsflächen der grün-rot-roten Koalition vor, die weder in der Lage sei, den von ihr mit »großem Getöse« angekündigten - und von der CDU abgelehnten - Verkehrsversuch in der versprochenen Zeit umzusetzen, noch gegen die »Party-Exzesse« vor dem Unihauptgebäude aktiv werde. Bouffier konstatierte, dass es bereits jetzt innerhalb der Koalition knirsche. Die Konflikte zwischen jungen, klimabewegten Grünen und den erfahrenen Kräften in der Partei dürften noch größer werden bei Reizthemen wie der vom Unternehmen »Bieber + Marburg« gewünschten Erweiterung ihres Firmengeländes im Gießener Stadtwald.

Aber auch der eigenen Partei schrieb der neue starke Mann der Gießener Union einiges ins Stammbuch. Trotz zuletzt gegen den Bundestrend gestiegener Mitgliederzahlen müsse die Gießener CDU für die Bürger wieder attraktiver werden. »Es kann nicht sein, dass man erst die klassische ›Ochsentour‹ durchlaufen und jahrelang Parteimitglied sein muss, um sich mit seinen Ideen Gehör zu verschaffen. Da kann ich jeden verstehen, der nach drei Tagen sagt: ›Den Mist brauche ich nicht‹«, betonte Bouffier. Die Partei müsse nicht nur durchlässiger und transparenter werden, sondern auch im Stadtbild sichtbarer werden, forderte er, und dies nicht nur in Wahlkampfzeiten. Auch Frauen und junge Menschen würden viel zu selten den Weg zur CDU finden, kritisierte der neue Vorsitzende.

Allerdings ging sein Stadtverband an diesem Abend nicht mit guten Beispiel voran. Nach dem Ausscheiden einiger langjähriger Vorstandsmitglieder wie Peter Neidel, Thomas Rausch oder Christine G. Wagener gehören dem neuen 14-köpfigen Parteivorstand gerade mal drei Frauen an - und damit eine weniger als dem alten Vorstand. Zumindest ist der CDU-Vorstand in Gießen künftig jünger - mit der 22-jährigen stellvertretenden Vorsitzenden Kathrin Schmidt und diversen Mitgliedern, die ihre Wurzeln in der Türkei oder Eritrea haben.

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Große Ehrung zum Schluss: CDU-Vorsitzender Frederik Bouffier (l.) und Europaabgeordneter Sven Simon (r.) gratulierten Klaus Peter Möller zum Ehrenvorsitz des Stadtverbandes. © Ingo Berghöfer

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