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Ein Name, der für viele steht

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Gießen (bcz). Das Foyer des Stadttheaters verwandeltet sich am Sonntagabend in einen türkischen Teegarten, mit Tee und Gebäck bot es ein heimeliges Ambiente für ein Gespräch, das jedoch wenig behaglich war. Ayse Güvendiren, künstlerische Leiterin des Projekts »Jahr der Erinnerungskultur« am Stadttheater, sprach mit der Künstlerin Cana Bilir-Meier über die Autorin Semra Ertan, in deren Werk es um Rassismus, Ausgrenzung und Klassismus gegenüber einer Gruppe von Menschen geht, die lange Zeit unsichtbar war:

türkische Arbeiter und ihre Familien, die ab Mitte der 1960er Jahre nach Deutschland kamen.

Mit dieser Thematik setze sich Ertan in ihren eindringlichen Gedichten auseinander. Und sie wusste, wovon sie schrieb. Sie war 1971 als 14-Jährige aus der Türkei zu ihren Eltern nach Kiel gezogen und verfasste mehr als 350 Gedichte. Das Bekannteste: »Mein Name ist Ausländer / Benim adim yabanci«. Ihr Leben endete bereits mit 24 Jahren auf tragische Weise: Aus Protest gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbrannte sie sich 1982 öffentlich in Hamburg, was sie zugleich in ganz Deutschland bekannt machte.

Cana Bilir-Meier ist ihre Nichte und hat sich zur Aufgabe gemacht, das künstlerische Erbe ihrer Tante zu bewahren und einen differenzierten Blickwinkel auf die Person Ertan zu eröffnen. Dank ihrer Beharrlichkeit erschien 2020 der zweisprachige Gedichtband »Mein Name ist Ausländer / Benim adim yabanci« mit ausgewählten Werken ihrer Tante.

Um den Sprachklang erahnen zu können, trugen die Schauspielerinnen Zelal Kapçik und Anne-Elise Minetti einige der Texte vor, in denen es um Leid, Wut, Liebe, Hoffnung und Freundschaft, Mut zum Widerstand und ein menschlicheres Miteinander geht. Für Bilir-Meier geht es dabei auch um die Verarbeitung eines Familientraumas. »Es ist die Geschichte der Migration, die in den Texten erzählt wird. »Eine Geschichte, die zu Deutschland gehört, aber oft nicht gesehen wird«, berichtet sie.

Semra Ertan habe zu ihren Lebzeiten nur wenige Texte veröffentlichen können. Dabei stehe ihr Name »für viele, die in der Zeit als Arbeitsmigrantin hier gelebt und gearbeitet haben«, erläuterte die Nichte. Dennoch seien sie und ihre Familie mit diesem Buchprojekt auf etliche Widerstände bei Verlagen gestoßen: »Mal wollten sie die Texte nicht zweisprachig abdrucken, ein anderes Mal seien sie nicht hochkulturell genug gewesen. Das ist auch eine Art von Rassismus. Wer entscheidet, was zu der Hochkultur gehört und was nicht?« Deswegen sei ihr Kampf gegen Rassismus und Ungleichheit noch nicht zu Ende. »Er wird weiter gehen, solange wir nicht alle die gleichen Rechte haben.« Die Reihe »Teegarten« soll im Juni fortgesetzt werden.

Eine Neuauflage von Semra Ertans Gedichtband ist für Mai 2023 geplant.

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