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Ein Paar, zwei Beziehungen

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Magdalena Kaim und Dietrich Faber als Ehefrau und Ehemann - oder ist es der Liebhaber? Bild: Gerd Sycha, Waggonhalle © Heiner Schultz

Dietrich Faber in ungewohnter Rolle: »Der Liebhaber« ist auch der Ehemann - gelückte Premiere eines Zwei-Personen-Dramas in der Marburger Waggonhalle.

Gießen. Ein Mann, eine Frau, ein Ehebruch. So weit, so bekannt. Doch was Dietrich Faber und Magdalena Kaim aus Harold Pinters »Der Liebhaber« gemacht haben, ist ein außergewöhnliches, anregendes Theaterereignis geworden. Das Premierenpublikum der ausverkauften Inszenierung von Matze Schmidt in der Waggonhalle Marburg zeigte sich begeistert.

Den Besucher umfängt schon beim Eintreten eine besondere Atmosphäre. Kerstin Irmischers samtweiche Musikauswahl wirkt entspannend, mit gelegentlichen tanzbaren Elementen jedoch auch anregend auf die Füße. In der Ausstattung von Daniela Vogt, die einige Linien als abstrakte Wände vorgibt, geben nur ein paar Likörgläser und die Möbel geringfügig Aufschluss über eine gedachte Zeit des Erlebens. Ansonsten lenkt nichts vom Thema ab: zwei Menschen und die Art und Weise, wie sie miteinander auskommen.

Ungewöhnlich ist die Besetzung: Dietrich Faber ist weithin bekannt als Kabarettist (einst Faberhaft-Guth), Musiker und Verfasser der legendären Bröhmann-Krimis. Und die Gießenerin Magdalena Kaim gehört zu den meistbeschäftigten Schauspielerinnen der freien Szene in Mittelhessen. Für Faber war es neu, im Rahmen eines Dramas auf der Bühne zu stehen, mit Regisseur Schmidt sowie Kaim hat er aber erfahrene Theaterprofis an seiner Seite.

Ungewöhnlich ist auch die Geschichte, in der Sarah (Kaim) und Richard (Faber) einen ganz gewöhnlichen Morgen beginnen. Er muss ins Büro, sie hat Besseres vor. »Kommt heute wieder dein Liebhaber?«, fragt er freundlich, und sie antwortet unbefangen: »Ja«. Zu sehen ist hier also ein offenbar glückliches Paar mit offenkundig besonderer Vereinbarung.

Es stellt sich aber bald heraus, dass Ehepaar und parallel Verliebte dieselben Personen sind - die zwei unterschiedliche Beziehungen miteinander führen.

Am Abend sprechen die Eheleute ohne Scheu über das Erlebte. So zeigt sich: Was im Alltag nicht geht, funktioniert im Seitensprung, nur eben mit dem Ehepartner. Ein Rollenmodell für kriselnde Ehen? Der dem Publikum vertraute Faber ist als Komödiant nicht zu erkennen, außer in ein paar ausgelassenen Seitensprung-Momenten. Magdalena Kaim zeigt an seiner Seite eine ganz normale Ehefrau, sie ist glaubwürdig und bringt die Nuancen ihrer Figuren exzellent zur Geltung. Beim Treffen mit ihrem Liebhaber lebt sie richtig auf. So lassen die beiden Schauspieler die Spannung gekonnt immer weiter steigen. Das Ganze ist ein Spiel, doch eine Aussprache ist nötig. Nur wann?

So setzt diese Inszenierung auf die Natürlichkeit der Figuren und einen langsamen Spannungsaufbau. Faber und Kaim schaffen eine Atmosphäre, in die man fast unbemerkt eintaucht und die Unterschiede zwischen den Figuren wahrnimmt: im Ehebruch ist alles etwas spielerischer und sinnenfroher. Die Ehe hingegen wirkt bei aller Freundlichkeit und Wertschätzung doch schon ein bisschen sediert.

Die Darsteller und die Inszenierung schaffen es mühelos, die verschiedenen Erzählebenen miteinander zu verschmelzen. Auch die absurden Elemente, die der britische Literaturnobelpreisträger Pinter eingebaut hat, haben eine stimulierende Wirkung. So entwickelt sich eine Art Lehrstück.

Richtig spannend wird es, als die Charade zu kippen droht. Richard stört sich plötzlich daran, dass seine Frau ihn ständig betrügt, obgleich er es ja selbst ist, der den Ehebruch ausführt. Müssen die beiden jetzt also ohne ihre Seitensprungfantasien auskommen? Scheinen sie der Ehe doch bestens zu bekommen. So gibt es am Ende enormen Beifall für einen äußerst anregenden Theaterabend.

Nächste Aufführungen: 30. und 31. Dezember sowie 26., 27., 29. und 30. Januar.

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