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Ein Richter, der Menschen Würde gab

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Gießen . Als es vor etwa 15 Jahren darum ging, ob Horst-Eberhard Richter Gießener Ehrenbürger werden solle, wurde von Teilen der CDU ernsthaft die Frage aufgeworfen, was jener Herr Richter denn eigentlich für die Stadt getan habe? Nicht nur der ehemalige Übergangs-Gießener und Revoluzzer Georg Büchner mag sich angesichts dieser Erbsenzählerei gegenüber einem mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten und international bekannten Psychoanalytiker sowie Autor und Friedensaktivisten im Grabe umgedreht haben.

Da blitzte sie wieder auf, jene von Büchner diagnostizierte »hohle Mittelmäßigkeit.«

Dabei kann sich jeder die Fragen nach dem (Gießener) Lebenswerk Richters ersparen, wenn er (auch heute noch) an den Gießener Eulenkopf fährt, vielleicht mit dem klammheimlichen »Ortsvorsteher« Theo Strippel spricht, oder sich bei den Menschen in dem Quartier in Gießens Nordosten nach Horst-Eberhard Richter erkundigt. Voll des Lobes sind sie dort. Richter hatte in dem als sozialen Brennpunkt gebrandmarkten Wohngebiet mit seinen Studenten und Studentinnen Anfang der siebziger Jahre ein einzigartiges Projekt auf die Beine gestellt, das weltweit Schule machen sollte. Richter gab den Bewohnern Aufgaben, gründete einen Verein, den Athletic Club Eulenkopf, investierte in Köpfe, Steine und Beine und behandelte die dort lange mehr geduldeten als anerkannten Männer, Frauen und Kinder so, wie es ihnen gebührte: als Menschen.

Horst-Eberhard Richter gab den Eulenköpflern ihre Würde zurück und hinterließ mit viel kleinteiliger Arbeit und psychosozialer Betreuung ein Werk, das seinen Wert bis heute aus sich selbst schöpft. Im besten Sinne gelang es ihm, Menschen zusamenzubringen, die zuvor Vorurteile getrennt hatten. Was sich nicht nur darin ausdrückte, dass in der ACE-Fußballtruppe die langhaarigen Studenten mit den Heyerweg-Straßenkickern gemeinsam das gelb-blaue Dress trugen. Bis hin zu Theo Strippel, der den Verein zu einer weltweit anerkannten Powerlifting-Hochburg machte, selbst Weltmeister war, und schwere Jungs an die Hanteln brachte, die dann im Sport ihr (Selbst-)Bewusstsein fanden, das sie auf der Straße oft verloren.

Wer Richter bei Feierlichkeiten im ACE-Sportheim erlebt hat, der weiß, dass der weltberühmte Analytiker sich dort wohler fühlte als auf von steckensteifen Zwängen geprägten Veranstaltungen der doch nur vermeintlich besseren Gesellschaft. Wenn Strippel seine Rede auf »unseren Horst« hielt und der ihm antwortete und das Glas erhob, wurde deutlich, was Richter bewirkt hatte - eben auch für Gießen. Einen Weg aus Isolation und Ausgrenzung hat er geschaffen - er hat Mut gemacht, wo zuvor Wut herrschte, Verständnis geweckt, wo ehedem der Verstand aussetzte. »Horst-Eberhard Richter hat hier alles verändert«, sagt Strippel. Und dieser Richter würde längst schon auf die Barrikaden gehen, wenn er sähe, wie derweil das ACE-Sportheim vergammelt. Weil für viele Verantwortliche der Stadt der ACE immer noch zu weit draußen ist, um zu verstehen, was Richter geleistet hat. Rüdiger Dittrich

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