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Ein »Schichtwechsel«, der begeistert

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Von: Albert Mehl

Gießens Feuerwehr-Chefin Martina Klee und Frank Wagner von der Lebenshilfe haben ihren Arbeitsplatz getauscht. Es geht darum, neue Perspektiven zu gewinnen und Vorurteile abzubauen.

Gießen. Es mutet an wie eine Episode von »Verstehen Sie Spaß?«. Die Mundwinkel formen sich unwillkürlich zu einem Schmunzeln. Denn etliche Fahrzeuge der Lebenshilfe Gießen kutschieren mit dem Werbeaufdruck »Zündende Feuerideen« durch die Gegend. Als die hiesige Lebenshilfe erstmals an der Aktion »Schichtwechsel« teilnimmt, wählt sie aus der breiten Palette ihrer Berufsfelder den Arbeitsbereich Brennholzfertigung aus - und sucht sich justament die Berufsfeuerwehr Gießen als Partner. Da könnte man glatt Hand in Hand arbeiten, fällt dem Spötter spontan ein. Doch es hat einen ernsten Hintergrund, als Frank Wagner, einer von 13 Mitarbeitern der Brennholzfertigung-Außenstelle der Lebenshilfe, für einen Tag seinen Arbeitsplatz mit Martina Klee, der Chefin der Brandschützer, tauscht.

»Wir wollen verdeutlichen, wie die Arbeit in unseren Werkstätten aussieht, und andererseits unseren Mitarbeitern ein anderes Berufsfeld zeigen, in dem Menschen ohne Beeinträchtigung tätig sind«, sagt Kerstin Ahrens von der Unternehmenskommunikation der Lebenshilfe. Die Aktion ist von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) ins Leben gerufen worden. Bei der vierten Auflage seit 2019 verbuchen die Initiatoren eine Rekordbeteiligung. Rund 100 Werkstätten aus 15 Bundesländern haben sich für einen »Schichtwechsel« entschieden. Erstmals auch die Werkstätten der Lebenshilfe Gießen. Sechs davon gibt es mit etwa 900 Arbeitsplätzen, wie deren Vorstand Dirk Oßwald erläutert. Das Ziel: Neue Perspektiven eröffnen und Vorurteile abbauen.

Feuerwehr-Chefin Martina Klee und Frank Wagner von der Lebenshilfe tauschen ihren Arbeitsplatz.
Feuerwehr-Chefin Martina Klee und Frank Wagner von der Lebenshilfe tauschen ihren Arbeitsplatz. © Lebenshilfe

Martina Klee und Frank Wagner zeigen sich jedenfalls begeistert vom Reinschnuppern in das ungewohnte Arbeitsfeld. Er habe »viele praktische Erfahrungen« gesammelt, berichtet der Mitarbeiter der Brennholzfertigung, der vom Werkstatt-rat der Lebenshilfe (ähnlich einem Betriebsrat) aus zahlreichen Bewerbern ausgewählt worden war. Allein ein Einsatz außerhalb der Feuerwehrzentrale habe sich an diesem Tag nicht ergeben, bedauert Wagner. Dafür hat er, als Höhepunkt seines Ausflugs, die Drehleiter besteigen dürfen. In 30 Metern Höhe habe er »bis zum Wetzlarer Krankenhaus« sehen können. Daneben hat der Mann von der Holzverarbeitung, entsprechend eingekleidet und mit dem obligatorischen Helm ausgestattet, unter der Anleitung von Tobias Hennemuth die Einsatzfahrzeuge erklärt bekommen, die Atemschutzwerkstatt genauso wie die Leitstelle kennengelernt, bei einer Gefahrgutübung im Schutzanzug und mit einem Atemschutzgerät auf dem Rücken durch das Käfig-Labyrinth gefunden - und natürlich, schelmisches Grinsen, auch eine Zigarettenpause mitgemacht. Den »vielen Computerkram« hätte Wagner indes bei der Feuerwehr nicht erwartet.

Martina Klee packt in der
 Brennholzfertigung an.
Martina Klee packt in der Brennholzfertigung an. © Lebenshilfe

Überrascht wurde auch Martine Klee. »Ich hätte nicht gedacht, wie anspruchsvoll die Aufgaben für Menschen mit Handicap sind und wie präzise sie von ihnen erledigt werden«, blickt sie auf ihre Arbeit in der Lebenshilfe-Außenstelle im Ohlebergsweg in Gießen zurück. Sie habe alles ausprobieren können, berichtet sie, noch in der Arbeits-Latzhose statt der Feuerwehr-Uniform steckend. Am Spalter, mit der Kettensäge, beim Einsortieren von Holz, auch Klee hat das ganze Spektrum in einem der 20 Angebote der Lebenshilfe kennengelernt. Beeindruckt hat sie dabei insbesondere, wie das Team es immer wieder geschafft habe, sich bei der oft gleichförmigen Arbeit zu motivieren. Die »gelöste Arbeitsstimmung« sei umso bemerkenswerter gewesen, da es sich ja um einen »gefährlichen Arbeitsplatz« angesichts der eingesetzten Maschinen handele. Aber es werde sehr achtsam miteinander umgegangen. Dazu trage Werkstattleiter David Thurmond sehr viel bei, hat die Feuerwehr-Chefin festgestellt.

Frank Wagner steckt in voller
 Montur im Streckendurchgang der Atemschutzübungsanlage.
Frank Wagner steckt in voller Montur im Streckendurchgang der Atemschutzübungsanlage. © Lebenshilfe

Kerstin Ahrens hat diesbezüglich Ähnlichkeiten bei beiden Arbeitsstellen ausgemacht. Der Zusammenhalt (»wie eine zweite Familie«) sei bei Feuerwehr und Lebenshilfe genauso wichtig, wie die Wertschätzung untereinander.

Für Dirk Oßwald dient die Teilnahme am »Schichtwechsel« auch dazu, »Einblicke in die Vielfalt der Produkte und Dienstleistungen der Werkstätten zu geben«. Die Öffnung hin zur Wirtschaft und anderen Institutionen sei bedeutsam, um dem Ziel der Integration der Mitarbeiter in den ersten Arbeitsmarkt näherzukommen, wenngleich das nicht immer klappe. Bei Martina Klee hat er zumindest erreicht, dass sie dem Thema Integrations-Arbeitsplätze wesentlich offener gegenüber steht. Es müssen ja nicht immer »Zündende Feuerideen« sein.

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